Fünfzigmal Farbenrausch

Mit einer wilden Zukunftssatire von Philip K. Dick geht die Ära der Tollen Hefte zu Ende.

Von Niels Beintker

© Katia Fouquet

Zwanzig Dollar, und wir sind dabei. Die Platinmünze verschwindet in einem Roboter, der als Seelendoktor tätig ist. Die Bildschirmaugen leuchten auf, die psychologische Sprechstunde beginnt. Und George Munster, ein Kriegsveteran, erzählt seine Geschichte, beginnend mit dem Feldzug gegen die sogenannten Blobbels, eigenartige wabbelige Geschöpfe, die sich aus einzelligen Amöben entwickelt haben. Ein skurriles Abenteuer, neu zu entdecken in der Bilderbuch-Reihe Die Tollen Hefte. Katia Fouquet hat Philip K. Dicks Erzählung Ach, als Blobbel hat man's schwer illustriert. Die Berliner Zeichnerin erzählt sie als Comic. Eigenwillig, knallig, bunt und schrill. Oder eben: toll. Der Name der Serie – halb Bilderbuch, halb Comic-Heft – ist Programm. Zum einen ein literarischer Text, vom Umfang her klein, inhaltlich immer wieder so groß. Etwa Stories von T.  C. Boyle, Julio Cortázar oder Michael Ondaatje. Zum anderen die wieder und wieder ungewöhnlichen Bilder. Visuelle Erzählungen, entworfen von besonderen Illustratorinnen und Illustratoren, von Künstlern wie ATAK, Christoph Niemann, Axel Scheffler, Katrin Stangl, Henning Wagenbreth und vielen anderen. Alles zusammen einzigartig in der deutschen Bücherwelt. Die nun 50 schmalen Bände sind Heftchen, bibliophile Kostbarkeit und Original-Grafik in einem. Sie werden aufwendig gedruckt. So, als wollte uns ein jedes der schmalen Bücher zeigen: Schaut, wie man in der Druckerei zaubern kann.

© Katia Fouquet

„Und möglich ist vieles“, sagt Rotraut Susanne Berner. Die in München lebende Illustratorin gibt die Tollen Hefte heraus, in der Nachfolge ihres 2012 verstorbenen Mannes Armin Abmeier. Er hat diesen schrägen Kosmos Anfang der 1990er-Jahre ins Leben gerufen, seiner unendlich großen Begeisterung für Illustration, Comic und Buchkunst folgend. Der Name ist – ganz nebenbei – eine Referenz an die Tollen Bücher, eine avantgardistische Edition aus der Weimarer Republik. Einer der wilden Erzähler dieser Epoche, Walter Serner, eröffnete folglich auch den Reigen. Volker Pfüller, Professor an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, wurde der erste Illustrator der Tollen Hefte. Viele andere – Kolleginnen, Kollegen, Schülerinnen, Schüler – folgten ihm und den Einladungen von Armin Abmeier und Rotraut Susanne Berner. Ein jedes der nun 50 Tollen Hefte ist anders, eine eigene bunte Welt. Rotraut Susanne Berner, die selbst einige der schmalen Bände illustriert hat, sagt, inhaltlich habe es nie ein Diktat gegeben. „Das gab und gibt es nur nach außen, mit Blick auf die Form.“ 32 Seiten dürfen es sein, nicht mehr, nicht weniger. Ein großer Papierbogen, einmal vorn und einmal hinten bedruckt. Dazu kommen ein Schutzumschlag und eine großformatige Beilage, ein Spiel mit den Sammelbildern der Comic-Hefte. Alles stets in einmaliger, limitierter Auflage. Adieu, Tristesse.

© Katia Fouquet

In nun 28 Jahren ist aber nicht nur eine wilde Buchreihe entstanden, fünfzigmal Farbenrausch. Man kann die Tollen Hefte in ihrer Gesamtheit auch als ein kleines Museum der Illustrationskunst in Deutschland betrachten. Sie zeigen, welche großartigen Bilderwelten Künstlerinnen und Künstler in der Auseinandersetzung mit Texten erschaffen können, ein ums andere Mal. Im Ausland, in Italien und in Frankreich, wurde diese Bedeutung längst erkannt. Im eigenen Land hat das – in der öffentlichen Wahrnehmung – etwas gedauert. Im vergangenen Jahr gab es eine erste Ausstellung, im Bilderbuch-Museum Troisdorf. Seit Heft Nummer 16 – T.C. Boyles Erzählung Der Hardrock-Himmel, illustriert von Thomas M. Müller – hat die Reihe ihre Heimat bei der Büchergilde. Die ersten 15  Bände sind im Augsburger MaroVerlag erschienen. Mit dem neuen Tollen Heft – Philip K. Dicks wilder Zukunftssatire Ach, als Blobbel hat man's schwer – geht die Geschichte der so besonderen, einzigartigen Edition nun zu Ende. Ein furioses Finale, von Katia Fouquet hinreißend gezeichnet, wie üblich gedruckt in mehreren Sonderfarben, in mehreren Schritten übereinander. Zum Glück gibt es 50 Hefte, also 50 tolle Bilder-Geschichten, wenn auch alle nur – wie üblich – in limitierter Auflage. Trotzdem müssen wir, in die Zukunft blickend, seufzen: Nicht nur als Blobbel, auch als Fan der Tollen Hefte hat man es – von nun an jedenfalls – schwer.

 

Niels Beintker, geboren 1975 in Halle/Saale, ist Redakteur beim Bayerischen Rundfunk, in der trimedialen Redaktion „Kultur aktuell“. Die Tollen Hefte hat er — zum eigenen Leidwesen — recht spät entdeckt.

Die Tollen Hefte – Illustratorischer Underground

Witzig, spritzig, frech — kleine literarische Texte, illustriert von namhaften Illustratorinnen und Illustratoren, die ihre Fantasie und ihren Humor walten lassen. Mit vierfarbigen Original-Flachdruckgrafiken und einem Plakat, Broschur mit Schutzumschlag, Fadenknotenheftung, Vorzugsausgaben mit einem 3-farbigen Siebdruck, signiert und nummeriert, limitierte Auflage (150 Stück), Format 13,5 cm x 20,5 cm

 

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