Die Akzeptanz ist irgendwann gelungen

Wenige Tage nach Gregor Gysis 70. Geburtstag sind wir mit ihm zum Interview im Abgeordnetenhaus verabredet. An der Sicherheitsschleuse werden wir von einem seiner Mitarbeiter abgeholt und durch labyrinthische Gänge zu seinem Büro gebracht. Gregor Gysi ist bei einer Abstimmung im Bundestag, sodass wir etwas Zeit haben, sein Büro auf uns wirken zu lassen. Überall stehen Geburtstagsgeschenke, Blumen, Wein und Krimsekt. Etwa 80 Bücher seiner Autobiografiee warten darauf, von ihm signiert zu werden. Die Aufregung steigt. Wie wird das Gespräch mit Gysi verlaufen? Und dann kommt er und begrüßt uns per Handschlag. Er wirkt locker und entspannt. Es kann losgehen.

 

Die Fragen stellten Silvio Mohr-Schaaff und Jürgen Sander

(c) Martin Mascheski

Ein Leben ist zu wenig heißt Ihre Autobiografie. Warum dieser Titel?

Sie kennen ja die Schwierigkeit, Überschriften zu finden? Das war auch hier sehr schwer. Schließlich haben wir uns für Ein Leben ist zu wenig entschieden, denn ich habe bisher sechs Leben geführt. Das erste ist die Kindheit und Jugend, das zweite ist die Studentenzeit, das dritte ist der Anwaltsberuf. Hier musste ich etwas richtigstellen. Die meisten denken ja, ich habe überwiegend politische Strafsachen behandelt. Das ist natürlich Blödsinn, die machten weniger als 5 Prozent aus. Ich habe gerne Scheidungen betreut und zivile Fälle, hatte aber auch mit Arbeitsrecht und viel mit „normalem“ Strafrecht zu tun.

Und dann kommt mein viertes Leben, das war die Wendezeit um 1989/90. Das hatte mit dem Anwaltsberuf kaum mehr etwas zu tun. Und schließlich wurde ich Bürger der BRD. Dort hatte ich zwei Leben: das fünfte und das sechste. Im fünften lehnten mich die große Mehrheit der Bevölkerung, die politische Klasse und die Journalisten ab. Und da werde ich preußischstur. Ich kann da nicht aufgeben. Ich habe gerungen: um Akzeptanz für meine Partei, aber auch für mich. Und diese Akzeptanz habe ich im sechsten Leben erreicht, und zwar so, dass bei meiner Geburtstagsfeier vor zwei Tagen Herr Schäuble eine Rede hielt und Herr Kauder als Gast kam.

 

Wollen Sie sich jetzt noch in Europa engagieren?

Das nächste Europaparlament wird erst 2019 gewählt. Warten wir das mal ab, aber an Europa bin ich interessiert, weil ich ein Anhänger der europäischen Integration bin, wenngleich die EU so gefährdet ist wie nie zuvor.

 

Das sieht man in Österreich, wo ein treuer EU-Partner plötzlich kritische Töne gegenüber der Europäischen Union anschlägt.

Kritische Töne wären ja nicht schlecht, wenn es um die Reform der EU ginge, um sie solidarischer, sozial gerechter, demokratischer, ökologisch nachhaltiger, transparenter, unbürokratischer zu machen und nicht militärischer werden zu lassen. Aber die österreichischen Vorstellungen gehen zurück zum alten Nationalstaat und zum nationalen Egoismus.

Die Konzerne haben die Menschheit zusammengeführt, sie haben alles internationalisiert, sie haben die Weltwirtschaft begründet, sie haben Beschäftigte in allen Kontinenten und sie wussten, dass es keine funktionierende Weltpolitik gibt. Das finden sie sogar gut, weil ihnen kaum einer reinredet. Aber was sie nicht beachtet haben, ist, dass sie den weltweiten Lebensstandardvergleich ermöglicht haben. Und das ist neben den Kriegen die zweite Fluchtursache. Bisher war die soziale Frage eine nationale Frage, und jetzt ist die soziale Frage eine Menschheitsfrage geworden. Aber keiner hat eine Antwort.

Wären Sie nicht eine Integrationsfigur für Europa?

Vielleicht durch das Leben meiner Familie. Meine Großmutter hätte nicht überlebt, wenn sie nicht nach Frankreich hätte fliehen können. Meine Urgroßmutter ist in Auschwitz ermordet worden. Unter meinen Vorfahren gab es russischen Adel, spanischen Adel, es gab Kapitalisten, aber es gab darunter auch Jüdinnen und Juden, die unterschiedliche Funktionen hatten. Ich sage das nur, um darauf hinzuweisen, dass meine Familie mit dem europäischen Kontinent stark verbunden ist. Mein Vater war Botschafter in Italien. Er hat zum Beispiel die Verhandlungen mit dem Vatikan geführt, und dieses internationalistische Element spielte in meiner Familie eine Rolle, die für die DDR atypisch war. Denn wir hatten Besuch aus den USA, aus Großbritannien, aus Südafrika, aus Frankreich, aus Belgien. Wer hatte denn in der DDR solche Gäste? Das war eine Rarität, wodurch mein Blickfeld erweitert wurde. Das hat mir wahrscheinlich mein Auftreten 1990 in der Bundesrepublik deutlich erleichtert.

 

Ihre rhetorische Fertigkeit — kommt die aus der Übung als Anwalt oder sind Sie Anwalt geworden, weil Sie rhetorisch schon immer so gut waren?

Die kommt von meinem Vater. Er war ein begnadeter Rhetoriker, und wenn ich mal irgendetwas sagen wollte in seinem Beisein, musste ich mir schon etwas Besonderes einfallen lassen.

In einer Magisterarbeit hat sich jemand mit der Frage beschäftigt, warum bei Kundgebungen, auf denen ich spreche, keiner weggeht. Er meinte, das liege daran, dass ich keine Rede hielte, sondern scheinbar ein Gespräch führe, und ein Gespräch verlässt man nicht. Das ist natürlich eine sehr bequeme Art, weil man sich ja selbst die Antworten gibt. Und dann war der Anwaltsberuf eine weitere Schulung. Ich musste ohne Vorbereitung direkt nach dem Staatsanwalt sprechen und dann auf 30 oder 35 Fragen eingehen. Aber so wurde ich im DDR-Recht immer besser. Ich wusste auch, dass die DDR-Funktionäre schlechte Gesetzesschreiber waren. Sie konnten das, was sie meinten, meist nicht formulieren, und damit habe ich sie zur Weißglut gebracht, weil ich penibel bin.

 

Ein schönes Beispiel ist ja die Volkskammer der DDR, die ihren Beitritt zur BRD beschlossen hat.

Die Volkskammer hat ihren eigenen Beitritt beschlossen — sie hat nur die DDR vergessen. Die Frage ist, ob der Beitritt überhaupt wirksam ist. Das Kuriose ist, dass Reinhard Höppner die Deutsche Demokratische Republik anschließend noch in den Beschluss eingefügt hatte, was er später auf einer Pressekonferenz berichtete. Sonst hätte ich mich nicht getraut, das zu erzählen. Aber das ist auch so eine Überlegung: Ich hätte ja gar nichts sagen und am nächsten Tag eine Pressekonferenz einberufen können.

(c) Martin Mascheski

In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, die SED versuchte damals, den DDR-Biografien, die in der Perspektive des Westens keine Stimme hatten, eine Stimme zu geben. Hat sich das heute geändert?

Ja, es hat sich geändert. Zunächst ging es noch um die Frage, wer vertritt jetzt, egal wie ehrlich oder unehrlich die Biografien waren, die Millionen von Partei- und Staatsfunktionäre? Sie mussten ja auch einen Weg in die Deutsche Einheit finden. Aber durch wen? Niemand war bereit, ihre Interessen zu vertreten. Wenn wir das nicht gemacht hätten, dann hätte das zu irrationalen Reaktionen führen können. Das erkennen inzwischen auch CDU-Abgeordnete an. Sie sagen, das sei wirklich eine Leistung gewesen, die da vollbracht wurde. Aber irgendwann wurde deutlich, eine reine Ost-Partei kann nicht überleben. Wenn wir nicht eine Linke in ganz Deutschland installieren, wird das nichts. Heute sind wir bundesweit eine Linke, prozentual natürlich stärker im Osten vertreten als im Westen, aber es gleicht sich Schritt für Schritt an.

 

Sie schreiben auch, die BRD hätte von der DDR zehn Punkte übernehmen sollen.

Ja, und zwar aus zwei Gründen: Erstens, um das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen anzuheben, dass sie selbst in der Diktatur Dinge vollbracht haben, die akzeptiert und übernommen werden; und zum Zweiten im Interesse der Westdeutschen, weil sie dann mit der Herstellung der Deutschen Einheit eine Verbesserung ihrer Lebensqualität in diesen zehn Punkten erlebt hätten. Das war ihnen nicht vergönnt. Aber wenn sie das erlebt hätten, hätten sie eine andere Einstellung zur Deutschen Einheit. Na, ich nenne Ihnen mal ein paar Beispiele. Etwa das flächendeckende Netz an Kindertagesstätten. In der DDR waren die Frauen zu über 90 Prozent berufstätig. Da brauchte es ein flächendeckendes Betreuungsnetz mit gut ausgebildeten Kräften, mit äußerst geringen Gebühren.

Oder die Polikliniken, in denen es einen Hausarzt gab und dazu alle Fachärzte. Inzwischen machen wir das in Form von Ärztehäusern. Aber heute bringt das ja keiner mehr mit der DDR in Verbindung. Oder in der Bildung. Hier gab es in der DDR eine politische Ausgrenzung — ich bin froh, dass sie weg ist, aber es gab nie eine auf sozialer Ebene. Heute haben wir eine großflächige soziale Ausgrenzung.

 

Man hätte sicher noch weitere Sachen übernehmen können, dann wären wir heute viel weiter.

Was auch interessant ist, ist der Zugang zu Kunst und Kultur. Als ich zum ersten Mal in Paris war, war ich völlig begeistert – Käseläden mit 300 Sorten, eine Protestkundgebung, bei der auf die Regierung geschimpft wurde, was das Zeug hielt, in Gaststätten wurde ich nicht platziert, ich konnte mich einfach hinsetzen — alles wunderbar. Eine Sache aber hat mich gestört: Ich wusste, dass die lächelnde Mona Lisa sauer ist, wenn sie mich nicht anlächeln kann. Also dachte ich, ich muss da mal hin. Und dann fuhr ich mit der Metro zum Louvre, zahlte den Eintritt und war pleite. Ich wusste, wenn ich in Dresden zu den Alten Meistern fahre und den Eintritt bezahle, um die sixtinische Madonna zu sehen, kostet mich das fast nichts. Das ist eine gesellschaftspolitische Kernfrage, ob ich sage, „Du musst dir den Zugang zu Kunst und Kultur leisten können“ oder ob ich sage, „Jeder und jede muss den Zugang zu Kunst und Kultur haben“. 

Heute sitzt auch die AfD im Bundestag. Wie gehen Sie damit um?

Wir haben heute eine Antisemitismus- Debatte. Es gibt einen Antrag von CDU, CSU, SPD, FDP und Grünen, wobei CDU/CSU nicht wollten, dass wir, Die Linke, dabei sind. Das finde ich eine Unverschämtheit, und dass Andrea Nahles, Christian Lindner, Katrin Göring-Eckert und Anton Hofreiter dabei mitmachten, mich auszuschließen, finde ich nicht hinnehmbar. Die hätten „Nein“ sagen müssen. Und das wäre auch ein Zeichen gegen die AFD gewesen.

 

Worum geht es in diesem Papier?

Darum, dass wir den Antisemitismus deutlich verurteilen und dass wir einen Antisemitismus-Beauftragten in der Regierung installieren.

 

Eigentlich etwas Selbstverständliches …

Wobei wir auch noch einen Rassismus-Beauftragten brauchen, denn der Rassismus nimmt enorm zu.

 

Wie man bei der AfD sehen kann, nimmt der Rassismus auch im Westen stark zu. Dennoch liegt ein Schwerpunkt im Osten. Was sehen Sie da für Gründe?

Vier. Der erste Grund hängt mit der DDR zusammen. Die DDR war eine Gesellschaft. Eine gewisse offene Struktur gab es in Leipzig und auch in Ostberlin, und da sind die AfD und Pegida deutlich schwächer. Aber in Dresden und anderen Städten gab es das gar nicht. Und plötzlich sagte man den Leuten, „Ihr seid jetzt nicht mehr DDR-Bürger, ihr seid jetzt Deutsche“, dann sollten sie noch Europäerinnen und Europäer werden, am besten noch Weltbürgerinnen und Weltbürger. Das kann überfordern.

Der zweite Grund besteht darin, dass sich die Ostdeutschen als Verlierer der Geschichte empfinden, denn sie hatten die sowjetische Besatzungsmacht, der Westen die drei westlichen Besatzungsmächte. Die denken heute ernsthaft, dass sie besser sind. Dabei war das der blanke Zufall. Glück.

Der dritte Punkt ist, dass sie bei der Deutschen Einheit zu Deutschen zweiter Klasse wurden. Das wiederum hat zur Folge, dass einige – nicht alle — sich Menschen dritter Klasse suchen, um wieder ein Überlegenheitsgefühl zu haben.

Der vierte und gravierendste ist die Massenarbeitslosigkeit von 1990–1993. Die hat dazu geführt, dass die sozialen Ängste doppelt so groß sind und die Furcht besteht, ihren kleinen Besitz zu verlieren, weil die Flüchtlinge kommen.

Das soll nichts rechtfertigen, ich erkläre nur, wie es zustande kommt. Nun muss man in jeder Hinsicht aufklärerisch dagegen vorgehen.

 

Wie sehen Sie den Vorstoß Ihrer Parteikollegin Sahra Wagenknecht, eine linke Bewegung zu gründen?

Gegen eine linke Sammlungsbewegung habe ich gar nichts. Dazu muss es aber eine Stimmung in der Bevölkerung geben. Ich weiß nicht, ob es die im Moment gibt. Aber Oskar [Lafontaine, Anm. d. Red.] hat ja von einer Volkspartei gesprochen, und das halte ich für falsch. Das letzte, was die Linke braucht, ist eine neue Partei, weil die nur zersplittert. 

Der letzte Bundestag hätte sehr viel verändern können …

In der letzten Legislaturperiode hatten die SPD, die Grünen und die Linke eine Mehrheit. Aber das haben sie nicht genutzt, weil alle drei Parteien dafür noch nicht aufgestellt waren.

Aber was mich wirklich ärgert: Bei der letzten Sitzung des Bundestages kam es nicht mehr auf eine Koalition an. Martin Schulz hatte sich gegen die US-Atomwaffen in Deutschland ausgesprochen, die Grünen und wir auch. Dann haben wir den Antrag eingebracht, zu dritt – wir hatten ja die Mehrheit — zu beschließen, die USA aufzufordern, ihre Atomwaffen aus Deutschland abzuziehen. Das heißt ja nicht, dass sie das gemacht hätten, aber es hätte einen verbindlichen Beschluss des Bundestages gegeben. Man hätte sich nicht getraut, diesen Beschluss wieder aufzuheben. Aber diszipliniert, wie die Sozis sind, haben sie gegen die Aufsetzung des Antrages gestimmt. Und nun haben wir keine Mehrheit mehr.

 

Heute sind Sie durchweg anerkannt und respektiert.

Das liegt wohl auch daran, dass ich so anders aufgetreten bin, als man sich einen DDR-Funktionär vorgestellt hatte. Das Bild stimmte nicht. Das hat mir mal jemand von der CDU gesagt: „Sie haben alles durcheinandergebracht mit der Art, wie Sie auftreten.“ Ich weiß noch, wie die ganze erste Reihe rief, bevor ich hier große Reden halte im Bundestag, solle ich erst mal Honecker von Moskau nach Moabit ins Untersuchungsgefängnis bringen. Nach dem dritten Zwischenruf reichte es mir und ich sagte: „Sie kennen ja alle Erich Honecker persönlich, Sie haben mehrere Gespräche mit ihm geführt. Ich bin ihm ja nie begegnet, wie ist der eigentlich so?“

Da haben sie gemerkt, dass sie das mit mir nicht machen können. Aber das Wichtigste war eine andere Entscheidung. Ich habe wirklich Hass gespürt, manchmal fast körperlich, und ich habe für mich beschlossen, nicht zurück zu hassen – ein bisschen angelehnt an die Bergpredigt, obwohl ich nicht religiös bin. Das machte mich souveräner. Natürlich teile ich auch aus, aber wie Gerhard Schröder sagte, mit Florett und nicht mit Säbel.

 

Wozu sind Sie als Nächstes wild entschlossen?

Jetzt will ich erst mal meine Aufgaben erfüllen, die ich habe. Aber ich will auch noch etwas dafür tun, dass Europa nicht kaputtgeht. Wir Alten sind dazu verpflichtet, Europa für die Jugend zu retten.

Aber dann will ich auch noch mehr genießen als heute. Das mache ich im Alter, aber ich weiß noch nicht ganz genau, wann es bei mir beginnt. Sie sollten nicht vergessen, Adenauer wurde erst mit 73 Bundeskanzler. Das meine ich aber nicht ernst …

 

Egal, wir wünschen Ihnen viel Vergnügen.