Aus dem amerikanischen Englisch von Ulrich Blumenbach, Wendebuch, zweifarbig geprägtes Leinen, blaue Coverprägung auf jedem Buch verschieden, Fadenheftung, 64 Seiten, Buchgestaltung von Marion Blomeyer, 64 Seiten.

Preis für Mitglieder 16,00 €

Artikelnummer:
170884

Erschienen:
2019

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Inhalt

Was bedeutet es, erwachsen zu sein? Wie lässt sich ein sinnvolles Dasein führen? An den Wendepunkt der Adoleszenz knüpft David Foster Wallaces Rede aus dem Jahr 2005 an, die er vor Hochschulabsolventen in den USA hielt. Er motiviert dazu, die von ihm so genannte „Standardeinstellung“ des Lebens zu durchbrechen. Statt unbewusst und selbstfixiert ein Dasein im Alltagstrott zu fristen, ruft er zu Selbstdisziplin, eigenständigem Denken, Empathie und reflexivem Entscheiden ohne Arroganz auf. Ein Buch von frappierender Weisheit! Und mit einzigartiger Ausstattung: Bei diesem zweisprachigen Wendebuch macht der Umschlagdruck jedes Buch zu einem Unikat.

Kommentare und Bewertungen
Bewertung

Kommentar von Thomas Reichert (14.04.2019)

„Eine hochaktuelle Vorlesung von David Foster Wallace I »Das hier ist Wasser« – Untertitel: »Gedanken zu einer Lebensführung der Anteilnahme vorgebracht bei einem wichtigen Anlass« – ist der Text einer Rede, die David Foster Wallace vor dem Abschlussjahrgang des Kenyon College gehalten hat. Der Text ist sehr gut zu lesen und leicht verständlich – dabei nie platt. David Foster Wallace beginnt seine Rede mit der Parabel von den zwei jungen Fischen, die von einem alten Fisch gefragt werden: »Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?« Nachdem sie eine Weile weitergeschwommen sind, fragt der eine den anderen jungen Fisch: »Was zum Teufel ist Wasser?« (S. 7) Die Geschichte zeigt, so Wallace, »dass die offensichtlichsten, allgegenwärtigsten und wichtigsten Tatsachen oft die sind, die am schwersten zu erkennen und zu diskutieren sind« (ebd.). Oder auch: dass die Art, wie Realität wahrgenommen wird, so selbstverständlich ist, dass man sich so selbstverständlich in der wahrgenommen Realität bewegt, dass keine Distanz zu ihr besteht, dass sie nicht in Frage gestellt wird. Aber weil man Dinge, Phänomene in gewisser Weise wahrnimmt, müssen sie längst nicht so sein – die Realität kann auch anders wahrgenommen werden: beziehungsweise, man kann sie erst einmal – neu – wahrnehmen! II Wallace wendet sich gegen Selbstverständlichkeiten: Die Schablonen, Glaubensüberzeugungen, die Sicht eines Menschen auf die Welt sind nichts Naturgegebenes oder kulturell Festgeschriebenes: »Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung« (S. 11). Und er wendet sich gegen »Arroganz, blinde Gewissheit, eine Engstirnigkeit, die wie ein Gefängnis so absolut ist, dass der Häftling nicht mal merkt, dass er eingesperrt ist« (S. 12). Diese macht er bei Dogmatikern aus – er nennt religiöse Dogmatiker, aber auch deren Gegenspieler, den Atheisten (ebd.). Als Sinn einer geisteswissenschaftlichen Ausbildung – wie sie die Absolventen des Kenyon College durchlaufen haben, vor denen Wallace spricht – gilt, das Denken zu lernen (S. 8). Das läuft, so Wallace, im Grunde darauf hinaus, »dass ich ein bisschen Arroganz ablege, ein bisschen ›kritisches Bewusstsein‹ für mich und meine Gewissheiten entwickle … denn das Zeug, dessen ich mit automatisch sicher bin, erweist sich großenteils als total falsch und irreführend« (S. 12). III Ein Beispiel »für die komplette Unrichtigkeit von etwas, dessen ich mir automatisch sicher bin« (S. 12), ist das, was Wallace unsere »Standardeinstellung« nennt: eine »natürliche, grundlegende Selbstzentriertheit«, wonach ich der »absolute Mittelpunkt des Universums bin, der echteste, lebendigste und bedeutendste existierende Mensch« (S. 13); eine »Ichbezogenheit, deretwegen wir alles durch die Linse des Selbst sehen und interpretieren« (S. 14). Die »Standardeinstellung« bedeutet, das, was mich umgibt – die Welt, die anderen Menschen –, an mir, meiner Wahrnehmung, meinen Empfindungen, Überzeugungen und Verstehensgewohnheiten zu messen. Aber: Die Konstruktion von Sinn, die Art, wie wir die Welt und unsere Mitmenschen verstehen bzw. in unsere Innenwelt einordnen, ist für Wallace – wie oben zitiert – eine »Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung«. Nun scheint hier ein Widerspruch in Wallace' Argumentation vorzuliegen: Wenn mir etwas selbstverständlich ist, wenn ich in einem Gefängnis aus Gewissheit stecke, wenn es eine natürliche Selbstzentriertheit gibt, eine »Standardeinstellung, die mit der Geburt in unseren psychischen Festplatten verdrahtet wird« (S. 13), dann scheint es sich, wie beim Wasser, um ein »Element« zu handeln, in dem wir uns bewegen, ohne es zu merken, und wenn es etwas selbstverständlich von klein auf Mitgegebenes ist, haben wir keine Wahl. Aber für Wallace gibt es die Möglichkeit, selber denken zu lernen, und das heißt für ihn: »zu lernen, wie man über das Wie und das Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt. Es heißt, selbstbewusst und aufmerksam genug zu sein, um sich zu entscheiden, worauf man achtet, und sich zu entscheiden, wie man aus Erfahrungen Sinn konstruiert« (S. 15). Wenn man die Möglichkeit hat, die eigene Standardeinstellung zu relativieren und (zumindest in Teilen) zu überwinden, wenn man sich dazu entscheiden kann, dann ist es auch eine Entscheidung, dies nicht zu tun. IV Wallace bringt ein schönes, sehr gut nachvollziehbares Beispiel dafür, wie die »Standardeinstellung« arbeitet. Jemand, ein Akademiker, kommt z. B. nach 9 oder 10 Stunden müde von seiner Arbeit. Aber weil nichts zu essen zu Hause ist, muss er noch einkaufen. Dann ist der Supermarkt brechend voll, die Musik nervt, das grelle Licht, die Menschen, die die Gänge blockieren; dann sind nur einige Kassen offen und er steht in einer Schlange, um zu zahlen. Die Hoffnung, grade mal auf einen Sprung in den Supermarkt zu gehen und gleich weiterfahren zu können, hat sich nicht erfüllt. Dann nervt der Einkaufswagen, bei dem sich ein Rad nicht dreht. Und dann der Stau, in dem der Mann sich mit dem Auto nach Hause kämpfen muss (vgl. S. 17–19). In der Standardeinstellung nun bezieht er alles auf sich: Es geht um seinen Hunger, seine Erschöpfung, ihm werden dauernd Steine in den Weg gelegt, die ganze Welt scheint ihm im Weg zu stehen (S. 20), Und diese nervigen, abstoßenden, laut in ihre Handys redenden Leute, die ihn aufhalten und daran hindern, seinen Hunger zu stillen und auszuspannen (S. 21)! Etc. etc. Aber der Mann kann sich bewusst entscheiden, woran er denkt und worauf er achten möchte (S. 29). Er kann sich fragen, in welcher Situation die Leute sind, die ihn stören: In dem Auto, das ihn ausgebremst hat, sitzt vielleicht ein Vater, der sein Kind in großer Eile ins Krankenhaus bringen muss. Den Menschen in der Schlange ging es vermutlich genauso wie dem Mann, sie waren genauso genervt – und wahrscheinlich waren einige dabei, denen die Warterei schwerer fiel. Und die Frau, die im Supermarkt ihr Kind angeschnauzt hat, ist vielleicht sonst ganz anders und nur im Moment überfordert, weil sie Schweres erlebt hat. V Was der Mann wahrnimmt (was wir wahrnehmen), ist eine Frage der Perspektive, es ist seine Entscheidung, ob er in der Standardeinstellung verbleiben will. Die »Freiheit wahrer Bildung« ist es, selbst zu entscheiden, »was Sinn hat und was nicht« (S. 25). Man muss den Sinn nicht in Macht, Geld, Anbetung des Intellekts etc. suchen –in Standardeinstellungen, die unbewusst sind und das Handeln prägen und letztlich, so kann man Wallace ergänzen, mit einer Überhöhung des Ich zu tun haben. »Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen, völlig unsexy, Tag für Tag. Das ist wahre Freiheit. Das heißt es, Denken zu lernen.« (S. 28 f.) Wallace plädiert für »wahre Bildung«, die »nichts mit Noten und Abschlüssen, dafür aber alles mit schlichter Offenheit zu tun hat – Offenheit für das Wahre und Wesentliche, dass sich vor unser aller Augen verbirgt, sodass wir uns immer wieder daran erinnern müssen: ›Das hier ist Wasser.‹ […] ›Hinter diesen Eskimos steckt vielleicht viel mehr.‹« (S. 30) VI Der Perspektivenwechsel bedeutet also, die selbstverständliche, unbefragte Wahrnehmung,.die das, was man erlebt, immer irgendwie auf sich selbst bezieht, zu hinterfragen und offen zu sein für das Erleben der anderen und für die Welt. Zu dieser Erweiterung oder diesen Wandel der Perspektive kann man sich, so Wallace, entscheiden. Die neuseeländische Premierministerin hat beim Mordanschlag auf Muslime am 15. März Wichtiges zum Ausdruck gebracht, indem sie sagte: »They are us«, »sie sind wir«, oder: »Das sind wir.« Oder, mit Carolin Emcke: Wir alle sind Teil eines »universalen Wir«. Es heißt, sich dagegen zu wehren, die Zugehörigkeit zum »Wir« von Nation, kulturellem Hintergrund, Religion etc. abhängig zu machen, wie es in Deutschland z. B. von Pegida, AfD und Rechten betrieben wird, aber nicht nur von diesen. Wir können uns, mit Wallace gesprochen, entscheiden, andere Menschen, woher auch immer sie kommen und wie fremd sie uns sein mögen, in ihrer Realität und ihrem Erleben wahrzunehmen. Das heißt auch: Niemand ist gezwungen, die vielzitierten Ängste und die eigenen Ressentiments unbefragt wuchern zu lassen und gegen andere Menschen zu richten. Der Text von David Foster Wallace ist hochaktuell. PS: Die Seitenzahlen beziehen sich nicht auf die KiWi-Paperback-Ausgabe, sondern auf die in Leinen gebundene Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg, die mit der Ausgabe von Kiepenheuer & Witsch, soweit ich es im Internet nachprüfen konnte, zwar text-, aber nicht seitenidentisch ist.”

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