mit 2 Booklets (deutsch und englisch, beide 28 Seiten stark), Laufzeit: 70.02 Minuten (CD 1), 64.45 Minuten (CD 2), Trikont

Digipack.

Artikelnummer:
286659

Erschienen:
2016

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Inhalt

Auf der Straße der Töne

Eben ist er mit seiner Band Embryo aus Marokko zurückgekommen. Christian Burchard sitzt in der Küche des Münchner Trikont-Labels. Hier ist eine Doppel-CD mit 28 Stücken aus dem Gesamtwerk erschienen. Embryo, das ist eine mittlerweile 40 Jahre alte Münchner Musikinstitution, gewachsen aus der Krautrockszene, groß geworden auf Reisen mit Jazz und den Musiken, die man auf der Straße fand. Heute wird gefeiert, im Schwere Reiter, mit einer Embryo-Ausstellung aus Plakaten und Videos und mit einem Konzert mit verschiedenen Gästen aus dem Ausland.
1971 fuhr die Gruppe nach Marokko, Algerien und Tunesien und spielte mit einheimischen Musikern. Es war die erste Reise von vielen. "Da haben wir gemerkt, wir spielen die falschen Töne." Embryo begannen zu lernen. Und dieser Prozess ist für Burchard auch 40 Jahre nach der Gründung der Band noch nicht abgeschlossen. Die Osmanen kennen zwischen C und D noch neun verschiedene Mikrotöne. "Ich habe das gelernt, zu hören", sagt Christian Burchard, "aber ich kann das immer noch nicht hundertprozentig." Er ist schließlich wohltemperiert mit Johann Sebastian Bach aufgewachsen.
Burchard erzählt. Von Anfang an. Vom Aufwachsen in Hof, von der Übersiedlung nach München. Von der Begeisterung für neue Jazzer wie Ornett Coleman, den er 1961 im Konzert erlebt hat. Und davon, wie er plötzlich für einen Musiker des Mal-Waldron-Ensemles einsprang. Und etwas später den Jazz-Pianisten Waldron nach München brachte, um mit ihm in eine enge Musikerkommune in Giesing zu ziehen. In der Münchner Krautrock-Zeit und im Umfeld von Amon Düül entstanden Embryo - die manchmal auch ganz nahe an der politischen Zeitgeschichte waren.
Die zweite Embryo-Kommune quartierte sich in der Metzstraße 15 ein. Zwei Stockwerke darunter wohnte Brigitte Mohnhaupt mit ihrem Freund Rolf Heissler. Man verstand sich nicht eben prächtig: Für Embryo waren die zukünftigen RAFler zu rockig unterwegs. Umgekehrt hielten die Embryo für Kiffer jenseits von Gut und Böse. Als man eines Tages vom Einkaufen nach Hause kam, war die Eingangshalle voller Polizei, eben war Mohnhaupt verhaftet worden. Die Embryo-Kommune leistete nachbarschaftlichen Beistand und übernahm ihre Katze. Die hieß Hutzel. Und war, erinnert sich Burchard, vom Aussehen her "eine Mischung aus Charlie Chaplin und Hitler". Ein nach wie vor perfektes Sinnbild für das Wesen der RAF, findet er.
Nach eineinviertel Stunden Gespräch sind wir gerade mal in den 70ern, in Afghanistan, wo die damalige Embryo-Besetzung vorübergehend als Kapelle in einem einheimischen Zirkus spielte. Kurz davor waren die Musiker in Persien verhaftet worden. Die Schergen des Schahs hatten die Langhaarigen auf der Straße aufgegriffen und ins Gefängnis verschleppt. Schläge. Eine nie vorher, nie nachher erfahrene Brutalität. Burchard erinnert sich noch heute an die Schreie, die hörte er in dem durchaus nach westlichem Standards eingerichteten Gefängnis. "Ein Klein-Stammheim", sagt er. Das Grauen endete, als man den Einladungs-Brief des Goethe-Instituts in einer Reisetasche fand.
Mit den ökonomischen Erfolgsregeln des industrialisierten Pop hat Embryo nichts zu schaffen, obwohl sich Burchard bis heute beruflich ausschließlich seinem Musikprojekt widmet. Hier geht es um Respekt vor dem Anderen, nicht um imperialistische Weltmusik. Reisen ist im Embryo-Kosmos nicht das Anfliegen von Punkten auf dem Globus, sondern eine oft beglückende, manchmal mühselige, manchmal Nerven raubende, immer Zeit kostende Überwindung von Distanzen. Schon 1970 fuhr man mit dem VW-Bus nach Fehmarn. Rocker prügelten der entsetzten Band und ihrem Auto den Weg zur Bühne frei. Und am nächsten Tag spielten sie direkt nach Jimi Hendrix, der an diesem Tag den letzten Auftritt vor seinem Tod haben sollte.
Ein eigenes Zimmer haben Embryo gemietet. In diesem Archiv stapeln sich die Dokumente der Band bis an die Decke. Wer Embryo zu fassen versucht, der sieht sich vor einem psychedelischen Labyrinth von Geschichten. Je länger man mit Christian Burchard spricht, desto weiter entfernt man sich von der Gewissheit, was Embryo eigentlich ist.
Wie viele Musiker mit und in Embryo gespielt haben? Irgendwo hat man von 400 gelesen. Burchard selbst zuckt die Schultern. Was sollte so eine Zahl auch erzählen? Nick McCarty, heute Gitarrist bei Franz Ferdinand, war während seiner Münchner Zeit dabei. Und erinnert sich im Booklet der neuen CD euphorisch daran. Es muss diese Freiheit sein, immer wieder vor die Wand der eigenen kulturellen Beschränktheit zu laufen, so lange bis diese zusammenfällt, was Musikern auch morgen noch den Kick gibt.

Ein Text von Christian Jooß

Tracklist

Cimbalero

Melodie andalous

Evas Zimmer

El moro

Mix Of Dun Dun

Madras 7

Reportage

Imelaku 1

Oje's Song

3-2-3

Embryo In Between

Osch

Gnawa Taxi

Dritter Sommer

Hannibal's Nai

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