Der Verlag binooki

Die Büchergilde Gutenberg ist Mitglied im Freundeskreis der Kurt Wolff Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene. Von herausragenden Verlagen aus dem Kreis der Stiftung wählen wir regelmäßig drei Titel für Sie aus, um die Arbeit dieser Unabhängigen zu würdigen.

Ein Gespräch mit der Verlegerin Inci Bürhaniye, die sich für eine Kommunikation der Kulturen einsetzt.

 

Von Sophia Naas

Türkische Literatur auf Deutsch

 

 

Sie haben den binooki-Verlag 2011 gemeinsam mit Ihrer Schwester gegründet. Wie kam es dazu?

Wie so oft ist die Leidenschaft für die Literatur die Triebkraft der Verlagsgründung. Es kam noch hinzu, dass die Literatur unserer zweiten Heimat, der Türkei, in unserer deutschen Heimat zu wenig vertreten war. Da ich schon immer auf Türkisch gelesen habe, die Sprache und Literatur der Türkei liebte, war es nur folgerichtig, einen Verlag für türkische Literatur in deutscher Sprache zu gründen.

 

Wofür steht binooki?

Als wir den Verlag gründeten, war es uns wichtig, eine weder im Türkischen noch im Deutschen besetzte Bezeichnung zu finden. Wir sind in einem deutsch-türkischen Wörterbuch bei binokl, der Zwickerbrille, hängengeblieben. Ein o hinzugefügt, aus dem l ein i gemacht und die Buchstaben b-o-o-k farblich abgesetzt, gefiel uns der Name binooki sehr gut. Auch deshalb, weil die Zwickerbrille mit ihren zwei Gläsern für uns Schwestern mit den zwei Kulturen ein symbolträchtiges Bild ist.

 

Was ist das Besondere an der türkischen Literatur?

Kennzeichnend ist die Erzähltradition. Der Roman wurde erst spät im 19. Jahrhundert im Zuge der Europäisierung entdeckt, entwickelte sich aber stilistisch und inhaltlich schnell zu einer eigenen Form, die
sich in Werken von Halit Ziya Uşaklıgil, Ahmet Hamdi Tanpınar und Oğuz Atay wiederfindet.
Türkische Autoren der Gegenwart entdecken in ihren Werken nun das Osmanische wieder und integrieren
dies in ihre Geschichten, die überall auf der Welt angesiedelt sein können. Besonders gefällt mir aber
auch der türkische Humor und die geistreiche Melancholie, die sich in den Werken wiederfinden. Mit vielen Übersetzungen international anerkannter Autoren ist die türkische Literatur jedenfalls längst ein
Teil der Weltliteratur.

In Ihrem Programm findet sich neben vielen anderen großartigen Titeln auch Die Haltlosen von
Oğuz Atay, das als Opus Magnum der türkischen Literatur gesehen wird und lange als unübersetzbar galt. Was macht dieses Werk so besonders?

Beeindruckend ist Atays gewaltiges Wissen und wie er mit den unterschiedlichsten Stilelementen und Sprachformen umgeht. So enthält das Buch Die Haltlosen beispielsweise Gesänge, Tagebucheinträge und Briefe, mal in Reimen verfasste Texte, dann wieder Prosa. Ein ganzes Kapitel ist ohne Satzeichen geschrieben.
Dank der Übersetzung von Johannes Neuner, dem Lektorat von Fikret Dogan, der Übersetzungsförderung
der EU sowie der Unterstützung durch das TEDA-Projekt des türkischen Kultusministeriums konnten wir dieses großartige Werk nun endlich den deutschen Lesern zur Verfügung stellen.

 

Was wünschen Sie sich für binookis Zukunft?

Wir möchten noch viel mehr Werke in Übersetzung verlegen. Gerade in der aktuellen politischen Lage
ist von besonderer Bedeutung, den Autoren im Ausland Gehör zu verschaffen und Gemeinsamkeiten
der Länder hervorzuheben. Ich bin der festen Überzeugung, dass fernab der politischen Kommunikation
eine Kommunikation der Kulturen der effektivere Weg ist, die Menschen einander näherzubringen.
Übersetzungen sind allerdings sehr kostenintensiv. Ich wünsche mir daher eine Verlagsförderung, die es uns ermöglicht, uns unserer Verlagsaufgabe voll zu widmen.

 

 

Wir danken sehr herzlich für das Gespräch!

Inci Bürhaniye, geboren in Pforzheim, studierte Rechtswissenschaften in Göttingen. Seit 1992 ist sie Dozentin für deutsches und europäisches Wirtschaftsrecht und seit 1997 als Fachanwältin für Steuerrecht sowie Handels- und Gesellschaftsrecht in ihrer eigenen Kanzlei tätig.