„Das will ich unbedingt machen!“

Seit Januar 2016 ist die 31-jährige Anna Wallitzer Teilhaberin der Buchhandlung mondo in Bielefeld und damit die jüngste Inhaberin unter den Büchergilde-BuchhändlerInnen. Die gelernte Dramaturgin sieht ihren neuen Beruf als reizvolle Herausforderung mit viel Potenzial.  

Von Christiana Walde

 

„Das Konzept der Buchhandlung hat mich von Anfang an überzeugt und auch die politische Ausrichtung hat mich gereizt“, sagt Anna Wallitzer über die Buchhandlung mondo medien + galerie und Büchergilde in Bielefeld, die sie seit Januar 2016 zusammen mit dem vorherigen Inhaber Lothar Kuhlmann leitet. Die Buchhandlung hat ihre Schwerpunkte im Sachbuchbereich und in den Themengebieten Philosophie, Politik, Soziologie und soziale Bewegungen. „In den Segmenten haben wir immer die gängigen Neuerscheinungen, auch aus der links-alternativen Szene. Zudem pflegen wir ein großes Angebot an Veranstaltungen. Wir wollen neben dem Mainstream auch unbekannte AutorInnen und kleine Verlage zu Wort kommen lassen, eben auch mal politisch brisante oder ungemütliche Themen ansprechen", führt Anna Wallitzer aus. Um die Buchhandlung, zu der auch ein Antiquariat und eine Galerie gehören, spannt sich ein Netzwerk aus literarisch und politisch interessierten Leuten, die sich mit ihr verbunden fühlen und verschiedentlich mitwirken. „Lothar Kuhlmann hat die Buchhandlung immer gedacht als einen Ort, an dem sich gesellschaftspolitisches Engagement und Literatur verbinden lassen und sich Menschen treffen können", so Wallitzer. „Wir haben hier verschiedene Lesekreise, einen philosophisch-wirtschaftskritischen, einen Belletristik-Lesekreis, aber auch ein humanistisches Treffen.“

Vom Theater in den Buchhandel

Auf diese Grundlage möchte Anna Wallitzer weiter aufbauen, neue Formate ausprobieren und entwickeln. Auch ihre Theatererfahrung soll mit einfließen. Nach dem Studium der Theaterwissenschaften hat sie direkt als Dramaturgin am Wolfgang Borchert Theater in Münster gearbeitet. „Theater war mein Traumberuf, aber mit Familienplanung und dem Wunsch nach regulären Arbeitszeiten nicht so gut zu vereinen.“ Ihr Interesse an Literatur brachte die junge Mutter eines dreijährigen Sohnes auf die Idee, auf den Buchhandel umzusteigen. Ein Quereinstieg, der sich nicht so leicht umsetzen ließ. Bis sie auf Lothar Kuhlmanns Ausschreibung stieß, seinen Buchladen zum Teil zu übernehmen. „Ich dachte: Das will ich unbedingt machen! Aber natürlich musste ich mir die Zahlen vom Laden erstmal anschauen."

Eine reizvolle Herausforderung

Für Wallitzer war das keine einfache Entscheidung: „Natürlich habe ich auch Zweifel, aber dann denke ich, es kann doch nicht sein, dass der Einzelhandel ausstirbt." Die Option, in der Buchhandlung in einer Art Angestelltenverhältnis aktiv zu werden, kam für sie nicht wirklich in Frage: „Als Miteigentümerin hab ich nicht nur mehr Verantwortung, sondern auch mehr Spielraum in der Gestaltung." Tage mit schlechten Umsätzen machen ihr durchaus Sorgen. Erst zum Jahresende zeigt sich eindeutig, wie gut das Jahr gelaufen ist. Schlaflose Nächte hat Anna Wallitzer deswegen nicht. „Das muss man emotional aushalten", findet sie, „außerdem habe ich am Theater unter so hohem Druck gearbeitet, dass jede Stelle danach für mich mehr Entspannung bedeutet." Mit finanzieller Verantwortung kann Anna Wallitzer gut umgehen, sagt sie. „Ich glaube, dass die Wahrscheinlichkeit, sich hier zu verschulden, nicht sehr hoch ist. Das Risiko liegt für mich darin, dass man viele Jahre Arbeit rein steckt und dann spät merkt, es geht alles nicht so auf."

Die Freiheiten des Einzelhandels

Andere Kollegen klagen über die Zustände im Einzelhandel und seine Bedingungen. Anna Wallitzer sieht eher die Chancen. Sie sieht einen entscheidenden Unterschied im Vergleich zu Buchhandelsketten: „Ich hätte keine Lust, mich an Spiegel-Bestsellern abzuarbeiten. Die großen Warenhäuser sind dem Buchmarkt ganz anders unterworfen. Hier kann ich auch Bücher ins Sortiment nehmen, die überhaupt noch nicht besprochen wurden, oder zu denen eigentlich noch gar keine Nachfrage da ist, die ich aber wichtig oder anregend finde. Das ist sehr viel freier.“ Zu dieser Freiheit gehört für Anna Wallitzer auch, nicht nur aktuelle Bucherscheinungen auf den Empfehlungstisch zu legen, sondern auch auf individuelle Klassiker hinzuweisen. „In der Auswahl unserer Bücher profitieren wir auch von dem Austausch mit unseren Kunden."

Ein Stück Luxus

Das Engagement, das die Aktivitäten der Buchhandlung von ihr fordern, sieht Anna Wallitzer als gelungene Verbindung von Beruf und ihrem eigenen Interesse an politischer und gesellschaftlicher Beteiligung. „Es ist schon ein Luxus, dass ich mir das gönnen kann, mich hier in diesem Laden auszuleben. Damit das gelingt, bin ich auch auf mein Umfeld angewiesen." Selbst ausbeuten würde sie sich für den Job jedoch nicht, sagt sie. „Der Laden muss profitabel bleiben und wenn ich ganz weit in die Zukunft sehe, müssten wir es schaffen, den Laden noch ein bisschen nach vorne zu bringen, noch mehr Menschen mit dem Konzept zu erreichen."

Den Quereinstieg gestalten

Das Wissen darüber, wie so eine Buchhandlung zu führen ist, hat sich Anna über Lektüre selbst angeeignet. Sie lernt von Lothar Kuhlmann und auch von anderen BuchhändlerInnen ließ sie sich die Grundlagen vermitteln. „Ich möchte unheimlich gerne mehr Buchhändler kennen lernen, auch überregional. Und sehr gerne jemanden, der sich neu selbstständig gemacht hat. Das erste Treffen der Büchergilde-Buchhändler hat mich unheimlich inspiriert. Überhaupt finde ich die Buchgemeinschaft toll. Die Büchergilde muss bekannter werden!"

Die / der ideale BuchhändlerIn

Für jede und jeden das ideale Buch zu finden – das bedeutet für Wallitzer, ihrer Arbeit als Buchhändlerin gerecht zu werden. Ihr Ziel: „Dass ich eine Menschenkenntnis entwickele, die es mir ermöglicht, auf Grundlage bereits gelesener Autoren oder bekannter Kundenwünsche maßgeschneiderte Vorschläge zu liefern, Empfehlungen fern von den Bestseller- Listen, Geheimtipps parat zu haben." Dazu gehört auch das große Wissen um Bücher, was ihr bei den KollegInnen immer wieder sehr imponiert. „Außerdem möchte ich, dass sich die Kunden bei mir immer willkommen fühlen. Die Buchhandlung soll auch ein Platz zum Lesen sein, an dem man sich gerne aufhält. Nicht zuletzt gilt die Buchhandlung als der liebste Ort der Deutschen im öffentlichen Raum. Daraus muss man doch was machen können", sagt Anna Wallitzer lächelnd.