Zum Schmunzeln und zum Stirne Runzeln

Mit zwei Neuerscheinungen widmet sich die Büchergilde dem Berlin der 1920er-Jahre aus dem Blick zweier präziser Beobachter. Der Maler George Grosz und der Schriftsteller Christopher Isherwood sind Chronisten einer Zeit, wie sie widersprüchlicher nicht sein könnte.

 

Von Hendrikje Hüneke

Das Berlin der 1920er Jahre übt heute mehr denn je eine hohe Anziehungskraft aus. Der Start der Serie Babylon Berlin ist nur eines von vielen Anzeichen dieser anhaltenden Faszination. Charleston, Shag und Lindy Hop sind mit dem Electroswing der Jahrtausendwende und 1920er-Jahre-Remixes wieder en vogue geworden. Grafikdesigner stürzen sich auf Schrifttypen und Ornamente aus Jugendstil und Art déco. Mit Rhythmen, die ins Blut gehen, wird in den Partylocations von Berlin versucht, die Intensität der wilden Zwanziger heraufzubeschwören, eine Intensität, die sich aber vor allem aus der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit der Zeit speiste. Eine Generation junger Menschen, die während des Krieges erwachsen werden musste, hatte sich in das Vergnügen der Tanzlokale gestürzt – mit unermesslicher Sehnsucht nach Liebe und Glück. Zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 und der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933, beeinträchtigt durch Inflation 1923 und Wirtschaftskrise 1929, waren die 1920er-Jahre eine „Goldene“ Zeit. Geprägt waren sie vielleicht durch viel Hoffnung und einen kulturellen Wandel, aber auch durch politische Kämpfe und wirtschaftliche Ungerechtigkeit.

 

Der Maler und Grafiker George Grosz war einer der Beobachter dieser Ära. Entgegen der gängigen Praxis in den Kunstakademien, in denen antike Skulpturen oder menschliche Modelle in immer denselben Posen akribisch gezeichnet wurden, ging George Grosz auf die Straße, beobachtete und zeichnete, was ihm vor die Feder kam. Grosz skizzierte, so sagte er selbst, „das Lächerliche und Groteske“ der Welt um ihn herum: Die schnellen Skizzen zeigen Kriegskrüppel, arrogante Offiziere, Prostituierte, brave Ehefrauen, Arbeitslose, hungernde Kinder. Er sah das absurde Nebeneinander von Arm und Reich, von Hunger und Völlerei, von Arbeitsqual, Arbeitslosigkeit und Vergnügungssucht.

 

„Eine dolle Zeit! Alle sogenannten sittlichen Bande waren aufgelöst. Eine Welle des Lasters, der Pornographie und Prostitution lief durch das ganze Land. 'Je m'en fous'. sagte ein jeder, 'ick will mir endlich mal wieder amüsieren'. Der Shimmy war die große Mode. Man war fröhlich, kolossal fröhlich. Heißa, der Krieg war vorbei!“ (Aus: Der Spießer-Spiegel)

Grosz war Protagonist eines umfassenden Paradigmenwechsels in der Kunst. Er war Mitbegründer der Dada-Bewegung und Vertreter einer Kunst, die sich nicht mit einer vermeintlich glorreichen Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart auseinandersetzen wollte. „Jedenfalls glaube ich“, schrieb er, „daß heute noch ein ziemlicher Haufen Mist wegzukarren ist – und ich beteilige mich gern an dieser Arbeit.“ Mit seinen Bildern offenbarte der Künstler die eklatanten Mängel dieser hochgelobten Zivilisation, die auf dem Rücken eines Teils der Bevölkerung verwirklicht worden war.

 

Eine Sammlung seiner Zeichnungen ist 1925 als Spießer-Spiegel im Carl Reißner Verlag in Dresden publiziert und dann auch bei der Büchergilde veröffentlicht worden. Das Buch erscheint nun in einer veränderten Neuauflage, ergänzt durch Textpassagen aus der Autobiografie des Künstlers. Die zeichnerischen Betrachtungen und die schriftlichen Erinnerungen zeugen in gleichem Maße von seiner Beobachtungsgabe. Das Buch ist vor allem einem Typus gewidmet: dem selbstgefälligen Herrn mit Hut, Kneifer, Zigarre und Spazierstock. Dieser behäbige Herr saß am Nachbartisch beim Kartenspiel; er zeigte sich beim Sonntagsspaziergang mit Frau und Kind; er saß an der Bar und kniff einer Dirne genüsslich in den Po. Es ist ein Typus, der für George Grosz der Inbegriff des konservativ-reaktionären Bürgertums der Weimarer Republik gewesen zu sein scheint, der Spießer schlechthin, der mit Geld und Einfluss das Schicksal des Landes bestimmte.

 

Der Engländer Christopher Isherwood, der von 1929 bis 1933 in Berlin lebte, beobachtete mit vergleichbarer Präzision. „I am a camera with its shutter open, quite passive, recording, not thinking“, sagte Isherwood von sich selbst. Für den homosexuellen Schriftsteller waren die Jahre in Berlin eine wichtige Phase. Er lebte die Freiheiten, die diese Stadt ihm bot. Er verdiente sein Brot mit Englischunterricht und er notierte, was um ihn herum geschah. Leb wohl, Berlin, das erstmals 1939 unter dem englischen Titel Goodbye to Berlin erschienen war, ist eines der Bücher, die aus diesen Erfahrungen schöpften. Zusammen mit Mr. Norris Changes Trains war es die Grundlage für den Film Cabaret, der unser Bild vom Berlin der 1920er- und beginnenden 1930er-Jahre stark geprägt hat.

 

Der Roman Leb wohl, Berlin ist eine Folge lose zusammenhängender Geschichten, in denen Isherwood schillernde Charaktere porträtiert. Am berühmtesten unter ihnen ist sicher die schöne, herrlich naive Sally Bowles, eine Sängerin, die von der großen Karriere und der reichen Heirat träumt und sich leicht übers Ohr hauen lässt. Sie probt die Bühnenallüren mehr als den Gesang für die Karriere, flunkert sich durchs Leben, verlobt sich in einer wilden Nacht mit einem Scharlatan und muss letztlich immer von einem Freund gerettet werden. Ein anderer ist der charmante, eitle Otto Nowak, der mit seiner Familie in einer ärmlichen Dachwohnung lebt, arbeitslos und voll Selbstmitleid die Tage verbringt und die Nächte mit Mädchen durchfeiert. 

Sally Bowles © Christine Nippoldt

Sie, Christopher, mit Ihrer jahrhundertealten angelsächsischen Freiheit im Rücken, mit Ihrer im Herzen eingeschriebenen Magna Charta, Sie können nicht verstehen, dass wir armen Barbaren eine gestärkte Uniform brauchen, um uns aufrecht zu halten.“ (Aus: Leb wohl, Berlin)

Der Ich-Erzähler Isherwood beschreibt das Zusammenleben in einer großen Berliner Altbauwohnung, in der jedes Zimmer einzeln untervermietet ist und die eigentliche Mieterin auf dem Wohnzimmersofa hinter einem Paravent schläft. Als er sich das Zimmer nicht mehr leisten kann, kommt er in der Dachwohnung der Familie seines treuen Freundes Otto unter, in der die Eltern sich die zwei ohnehin illegal bewohnten Zimmer nun nicht nur mit ihren drei Kindern, sondern zusätzlich mit dem Gast teilen müssen. Gleichzeitig geht Isherwood als Lehrer in reichen Häusern ein und aus, so wie im Haus der jüdischen Familie Landauer, die eine Kaufhauskette führt und den Ernst der Lage nicht begreifen will. „Und was glauben Sie, wie es mit Deutschland weitergeht?“, fragte der Lehrer den Neffen der Landauers. „Gibt es einen Naziputsch oder eine kommunistische Revolution?“ Für diese Frage wird er ausgelacht und bekommt zur Antwort: „Ich sehe, Sie sind so enthusiastisch wie eh und je! Leider erscheint mir diese Frage nicht so wichtig wie Ihnen ...“ Kapitel für Kapitel zeigt sich der Prozess der Machtübernahme der Nazis mehr und mehr, bis das Buch in erschütternden Kurzbeobachtungen aus dem Jahr 1933 endet. 

 

Die Illustrationen von Christine Nippoldt fangen die Stimmung des Textes ein. Sie schaffen eine Atmosphäre, aus der man als Leser die Musik der Zeit heraushören kann. Man wird von Sallys Charme mitgerissen, man empfindet die Ausweglosigkeit der dunklen Hinterhöfe, man spürt die bedrückende Trivialität einer Szenerie, in der die Menschen in einem Café die Nachmittagssonne genießen, während über ihnen die Flaggen der Nationalsozialisten wehen. Es ist deutlich, dass die Entwürfe auf umfassende Bildrecherchen zurückgehen. Die holzschnittartige Gestaltung knüpft an eine künstlerische Technik an, die vor dem Zweiten Weltkrieg noch ein gängiges Darstellungsmittel war. Mit dem Flair der Zeit war Christine Nippoldt bereits vertraut, unter anderem, weil sie mit ihrem Mann Robert Nippoldt an dessen Buchprojekten über das Hollywood und das Berlin der 1920er-Jahre gearbeitet hat. Auch in den Illustrationen zu Isherwoods Roman zeigen sich die Widersprüche der Zeit. Fast jedes Kapitel widmet sich einem anderen Teil des Berliner Lebens. Der Charakter der verschiedenen Kapitel wird durch die farblich voneinander abgesetzten Illustrationen unterstützt, sodass für den Leser die Kontraste auch atmosphärisch vermittelt werden. Es ist fast, als wäre man dort, auf der glamourösen Party mit Champagner, auf der Sally Bowles mit Federboa und Zigarettenspitze nach einem reichen Mann Ausschau hält, in der zugigen Dachwohnung, in der Mutter Nowak wegen ihres Hustens nächtelang wachliegt, und auf dem Gartenfest der Familie Landauer unter einem leuchtend hellen, Hoffnung verbreitenden Mond.

 

Der Spießer-Spiegel mit Zeichnungen von George Grosz und der Roman Leb wohl, Berlin von Christopher Isherwood sind zwei Bücher zum Schmunzeln und zum Stirne Runzeln, zum Lachen und zum Nachdenken. Mit eindrucksvollen Zeitdokumenten ist es der Büchergilde gelungen, ein facettenreiches Bild der Phase zwischen den Weltkriegen zu zeigen, deren vergnügliche und freiheitliche Seite heute für so viele eine Inspirationsquelle ist. 

Leb wohl, Berlin als exklusive Vorzugsausgabe mit Originalgrafik