Lust auf neue Bilder

 

 

„Bilder bilden die Hauptmasse unseres Konsums“, schreibt der Philosoph Günther Anders. Wir seien „von Bildern umstellt“, einem „Dauerregen von Bildern ausgesetzt“. Das war bereits 1980. Doch an der Aktualität dieser Aussage hat sich nichts geändert. Im Gegenteil. Die Masse ist nicht nur gewachsen, sie wächst in einer rasenden Geschwindigkeit weiter: Jeden Tag werden etwa 95 Millionen Bilder allein auf Instagram online gestellt, sogar 350 Millionen auf Facebook, ganz zu schweigen von den 400 Stunden Videos, die auf YouTube hochgeladen werden – pro Minute. Kurz: Es gibt mehr Bilder auf der Welt, als man jemals konsumieren könnte.

Bilder sind mittlerweile so omnipräsent, dass eine Welt ohne sie leer erscheinen würde, schreibt Günther Anders, sie wäre ein „unerträgliches Vakuum“. Das ist sicher übertrieben. Aber für die meisten Menschen scheinen Bilder tatsächlich ‚nicht mehr wegzudenken‘ zu sein, auch wenn andere genau das versuchen: Abschalten, Achtsamkeit, Entschleunigung, Reduktion, Minimalismus sind die Schlagwörter dieser Gegenbewegung, die sich wegen der ständigen Überreizung nach einer bilderarmen Auszeit sehnt, in der der Konsum ruht, der Verstand sich erholt und der Mensch lernt, sich wieder besser zu konzentrieren.

Der BÜCHERGILDE BILDERBOGEN soll einen Beitrag dazu leisten. Er knüpft an eine Zeit an, in der sich Menschen für ein Blatt, ein Bild entschieden und es kauften, um zu erfahren, was in der Welt los war, um zu sehen, was sie sonst nicht zu sehen bekamen, aber auch, um sich zu erbauen, sich in ihrem Weltbild bestätigen oder sich nur für einen Augenblick unterhalten zu lassen. Ein Blatt, viel Bild, wenig Text, das war das Erfolgsrezept der Bilderbogen, die etwa vier Jahrhunderte lang in verschiedenen Formen das Massenmedium schlechthin waren.

Der Bilderbogen steht damit ganz in der Tradition der Büchergilde Gutenberg. „Wir setzen auf die Entschleunigung des Mediums“, sagt Herausgeberin und Herstellungsleiterin Cosima Schneider. „Es zu betrachten ist, wie in ein Museum zu gehen und vor einem Bild zu verweilen.“ Versenkung statt Zerstreuung, das ist das Motto dieses wiederentdeckten Mediums. Es stammt ursprünglich aus einer Zeit, in der das Bild Mangelware war. Im Mittelalter hatten die meisten Menschen nicht viel zu gucken; sie hatten nur den kleinen Ausschnitt der Welt, den sie vor sich sahen, der Rest blieb ihrer Vorstellungskraft überlassen. Die wenigen Bilder, die sie anschauen konnten, beschränkten sich meist auf die biblischen Darstellungen in den Kirchen. Nur wenige konnten sich Bilder für den Hausgebrauch leisten.

Das änderte sich zunächst mit den religiösen Einblattholzschnitten Anfang des 15. Jahrhunderts und noch mehr mit Gutenbergs Druckerpresse im Jahr 1450. Es entstanden nicht nur teure Bücher für die wenigen, die lesen konnten, sondern auch illustrierte Flugblätter für die vielen. Die Massenproduktion erlaubte es, Bilder erschwinglich zu machen. Briefmaler und Formschneider fertigten Holzschnitte an, mit denen sie ein Grundbedürfnis der Menschen befriedigten: die Neugier und die Schaulust. Nachrichten konnten sich bis dahin nur mündlich und schriftlich verbreiten, aber die Schrift war nur wenigen zugänglich. Die illustrierten Flugblätter, etwa 30 mal 40 Zentimeter groß, wurden zum ersten Kommunikationsmittel für die breite Masse. Und das Medium Bild war so verbreitet wie nie zuvor. Es setzte eine regelrechte Bilderflut ein.

Die meisten dieser Bilder waren immer noch religiöser Natur, Andachtsblätter, die die Menschen im Glauben unterwiesen oder ihnen zur Erbauung dienten. Einen deutlich kleineren Anteil bildeten die Aktualitäten-Blätter, die von sensationellen Ereignissen berichteten, wie etwa Schlachten, Katastrophen, Verbrechen, Wundergeburten und ungewöhnlichen Wetterphänomenen. Bilder bekamen erstmals aktuellen Bezug. Es ist eine Ironie der Geschichte, dass die Flugblätter zu Beginn noch „Bild-Zeitung“ genannt wurden, „Zeitung“ bedeutete noch so viel wie Neuigkeit oder Nachricht. Tatsächlich waren diese Blätter das erste Boulevard-Medium, irgendwo zwischen reißerischer Neuigkeit und der Bestätigung vertrauter Ansichten.

Die Reformation nutzte das Flugblatt als Propagandamittel. Martin Luther und die Werkstatt von Lucas Cranach dem Älteren schufen Spottblätter mit derber Bildsprache, in denen der Papst angefurzt, gehängt und als monströses Ungetüm dargestellt wurde. Gleichzeitig waren religiöse Bilder damals sehr umstritten, da sie dem christlichen Bilderverbot widersprachen, und in den Kirchen fanden Bilderstürme statt. Auch der Dreißigjährige Krieg (1618–1648) wurde zum Teil auf Flugblättern ausgetragen, sowohl die katholische als auch die evangelische Seite dämonisierte ihre Gegner auf eindrucksvollen Drucken. Gerade in Zeiten des Krieges war die Nachfrage nach Bild-Nachrichten stets groß.

Verkauft wurden die Flugblätter von sogenannten Kolporteuren, fliegenden Händlern, die auf dem Land von Haus zu Haus gingen und Nachrichten verbreiteten. Die Bänkelsänger hingegen traten auf Marktplätzen auf, erzählten eine Geschichte und zeigten dabei mit einem Stock auf die jeweiligen Bilder auf einem Transparent oder einer Tafel. Nach dem Vortrag sammelten sie ihren Lohn von den Zuhörern ein und verkauften noch die passenden Flugblätter, mit denen die Menschen zu Hause die Geschichte erneut erleben konnten, auch wenn sie den Text dazu nicht lesen konnten. Manchmal wurden die Blätter nach dem Lesen aufgeklebt, zum Beispiel, um Schränke oder Truhen zu dekorieren.

Mit der Technik entwickelten sich auch die Flugblätter weiter. Neben den günstigen Holzschnitten gab es auch den teuren Kupferstich, die Radierung und im 19. Jahrhundert die Lithografie. Im Vergleich zum Druck mit Holzplatten, die nach 1000 Abzügen verschlissen waren, konnte man mit den anderen Druckverfahren viel höhere Auflagen erzielen. Koloriert wurde aufwendig per Hand, mit Schwämmen und Schablonen, oft verrichteten Frauen und Kinder diese monotone Arbeit im Akkord. Je aufwendiger das Herstellungsverfahren, desto teurer der Bogen, daher gab es für jede Zielgruppe die passenden Produkte. Ein einfacher Holzschnitt kostete im 16. und 17. Jahrhundert etwa so viel, wie ein Maurer pro Stunde verdiente.

Von „Bilderbogen“ spricht man in Deutschland ab dem 18. Jahrhundert. Zu sehen waren sie auch in sogenannten Guck- oder Raritätenkästen. In diesen Holzkisten konnte man kolorierte Druckgrafiken durch Linsen betrachten, sodass die Illusion von Räumlichkeit entstand. Besonders beliebt waren Ansichten europäischer Großstädte, aber auch Landschaften und Szenarien aus der Bibel oder der Mythologie wurden gezeigt. Wie schon beim Bänkelsänger erklärte der Vorführer, was die Leute zu sehen bekamen.

Im 19. Jahrhundert erlebten die Bilderbogen ihre Blütezeit. Dank der Lithografie war es möglich, schier unbegrenzte Auflagen kostengünstig zu drucken, sodass sie für fast jeden bezahlbar waren. Bilderbogen wurden in ganz Europa hergestellt. Eines der deutschen Zentren war Neuruppin, das zum Synonym für den Bilderbogen wurde. Insgesamt erschienen 22 000 Bilderbogenmotive aus dieser Kleinstadt bei Berlin. Manche Blätter erreichten sogar Millionenauflagen. Es waren Massen für die Massen, Bildgeschichten im Großformat auch weil die Neuruppiner zu den günstigsten Anbietern gehörten. Theodor Fontane, der aus dem Ort stammt, schrieb in seinen Wanderungen durch die Mark Brandenburg (1862): „Was ist der Ruhm der ‚Times‘ gegen die civilisatorische Aufgabe des Ruppiner Bilderbogens?“

Besonders beliebt in dieser Zeit waren Aktualitätenbogen, wie etwa zur Revolution von 1848 oder zu den Deutschen Einigungskriegen (1864–1871). Schlachtmotive hatten mit der Realität höchstens die Farbe der Soldaten-Uniformen gemeinsam und wurden sogar mehrfach für verschiedene Ereignisse verwendet. Während in England die politische Karikatur florierte, herrschte in Deutschland – außer 1848 – eine strenge Zensur. Daher beschränkten sich Bilderbogen auf eine reine Beobachterperspektive oder zeigten eine patriotische Haltung. Die Leser interessierten sich aber auch schon damals für die Hochzeiten und Todesfälle in Königshäusern. Die Regenbogenpresse von damals bediente diese Neugier, genauso wie Lehrbogen Allgemeinwissen zu Berufen, Technik und Tieren vermittelten.

In München erschienen teurere Bogen mit den humoristischen Bildergeschichten von Wilhelm Busch, die Vorläufer der modernen Comics, die Ende des 19. Jahrhunderts in US-amerikanischen Zeitungen aufkamen und stark von Buschs Stil beeinflusst waren. Schließlich waren es die Zeitungen und Zeitschriften mit ihren Fotos und Artikeln, die die Bilderbogen ablösten. Sie konnten die Bedürfnisse nach Bildern und Informationen besser befriedigen. Die Bilderbogendrucker versuchten zwar, mit Spiele- und Ausschneidebogen für Kinder den Niedergang aufzuhalten, aber spätestens im Zweiten Weltkrieg war endgültig Schluss.

Höchste Zeit für ein Revival. BÜCHERGILDE BILDERBOGEN № 0 erzählt die Geschichte dieses vergessenen Mediums visuell nach. Der Hamburger Illustrator Jens Cornils zeichnet die Entwicklung von der Bilderarmut zur Bilderflut, vom Aufstieg und Niedergang des Bilderbogens bis zu seiner Wiederentdeckung in prächtig farbigen Bildgeschichten nach. Jedes weitere Auffalten und Umschlagen des Bogens wird für den Leser zu einem Erlebnis, bei dem er selbst immer wieder Neues entdecken kann.

Genauso bietet jeder weitere BÜCHERGILDE BILDERBOGEN eine Überraschung. Verschiedene Künstler inszenieren verschiedene Themen rund um die Kulturgeschichte, Politik und Persönlichkeiten der Zeitgeschichte. Ein Bogen wird ins Museum führen, einer von Münchhausen erzählen, einer wird von einem unmodernen Gemütszustand, der Langeweile, handeln – allerdings ohne selbst dabei langweilig zu werden. In den BÜCHERGILDE BILDERBOGEN geht es humorvoll zu. Und das sind nur die ersten von vielen Ideen, mit denen sich dieses Medium bespielen lässt. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und sollen immer wieder neu ausgereizt werden.

Im BÜCHERGILDE BILDERBOGEN № 1 geht es um Geschichte. „Wir wollen auch brenzlige Themen und politisch Brisantes angehen“, sagt Cosima Schneider. Doch auch das soll mit einem anderen Blick geschehen als in den Leitartikeln von Zeitungen. Zum 70-jährigen Bestehen der Volksrepublik China erzählt Hans Traxler eine Anekdote aus dem Leben von Mao Zedong, der angeblich ein leidenschaftlicher Schwimmer war. Traxler stellt diese Behauptung mit einer satirischen Bildergeschichte infrage. In einem späteren Bilderbogen wird sich der Künstler dem Ammersee widmen.

Mit den Themen ändert sich auch das Format. Die Bilderbogen variieren in ihrer Größe, aber zusammengefaltet werden sie immer 24 mal 34 Zentimeter messen. Jedes Exemplar steckt in einem bedruckten Papierschuber mit Griffstanzung und wird mit einem Aufkleber verschlossen. Pro Jahr werden so vier Ausgaben erscheinen. Für die hohe Herstellungsqualität garantiert Cosima Schneider, die Materialien, Gestalter und Illustratoren mit Erfahrung und Feingefühl auswählt.

Vom Griff zum Schuber über das Herausziehen bis hin zum Auffalten kann man den Bilderbogen regelrecht zelebrieren. Das Betrachten und Besitzen von Bildern wird zum Akt der Liebhaberei. Der Rezipient kann seine Aufmerksamkeit auf das Wenige, das Wertige richten. Ziel ist es, das menschliche Grundbedürfnis nach Bildern auf neue, ungesehene Weise zu befriedigen: als bewusstes, ganzheitliches Erlebnis – ebenso visuell wie haptisch reizvoll.

 

Lukas Gedziorowski arbeitet als freier Journalist und Autor in Berlin, unter anderem als Online-Redakteur für Deutschlandfunk Kultur. Außerdem bloggt er über Batman und andere Comics.