Das Ende der Liebe

Über das aufrüttelnde und hellsichtige Buch Das Ende der Liebe des Soziologen und Schriftstellers Sven Hillenkamp.

Es ist ein Paradox: In Zeiten, in denen die persönliche Freiheit am größten ist, wird das Ende der Liebe eingeläutet. So jedenfalls lautet die These des Soziologen und Schriftstellers Sven Hillenkamp in seinem Buch Das Ende der Liebe. Kein Wunder, dass diese Aussage ein großes Medienecho und diverse Fernsehdebatten hervorrief.

 

„Die Liebe stirbt aus. Sie verschwindet wie Absolutismus und Sowjetsozialismus, wie Ohnmachtsanfälle der Frauen, die Hysterie der Massen, das Unbehagen in der Kultur. Mehr noch als andere Phänomene wird sich die Liebe sich als historisch erweisen. (…) Die Liebe wird wieder sein, was sie einst war. Ausnahme, Seltenheit“, so heißt es in dem fulminanten Essay von Sven Hillenkamp, einem literarischen Parforceritt durch eine sich dramatisch veränderte Gesellschaft.

 

„Zwei Feinde kennt die Liebe. (…) Es ist der Zwang – der Zwang der Familien, der Kirchenoberhäupter, der weltlichen Herrscher, der Gesellschaft. Die Liebe wurde behindert durch höhere Gewalten, Interessen, Abhängigkeiten. Der andere Feind ist kaum je wahrgenommen worden. Er war kein Feind von Anfang an, im Gegenteil, er gilt als ihr Begründer und lenkender Geist. Zum Feind wurde er erst mit der Zeit. Es ist
die Freiheit.“ Die romantische Liebe kannte viele Beschränkungen, so dass sie sich immer nur für eine Minderheit verwirklichte. Doch mit dem Wegfall vieler gesellschaftlicher und politischer Schranken, mit zunehmender Mobilität, mit der Möglichkeit über das Internet schier unendliche Kontakte knüpfen zu können, wird die Suche nach der „großen Liebe“ plötzlich zum Zwang, zur Belastung. Denn die Möglichkeit, einen noch besser passenden Partner zu finden, besteht permanent und hängt wie ein Damoklesschwert über der aktuellen Beziehung. Etwa wie im Restaurant, in dem man aus der Speisekarte nur ein Gericht auswählen kann und sich gegen alle anderen, vielleicht besseren Gerichte entscheiden muss. Und dieses Dilemma ist für Sven Hillenkamp nicht aufzulösen: „Der Mensch scheint frei, sich selbst zu wählen, die anderen zu wählen, die eigene Ordnung zu bestimmen. Er scheint  unbegrenzte Möglichkeiten zu haben. Doch jeder Mensch versagt vor seinen unbegrenzten Möglichkeiten. Keiner erreicht, was er erreichen könnte.“

 „Dieses Buch hilft uns zu verstehen, warum wir trotz unserer verzweifelten Versuche, das Glück zu finden, nicht glücklicher werden. Freiheit verwandelt sich in T yrannei. Ein dringender Weckruf.“

 

Eva Illouz

Die unbegrenzten Möglichkeiten erfordern Selbstmanagement, sie führen zum Zwang, sich selbst zu optimieren, denn es liegt ja an einem selbst, das Beste aus sich zu machen, in der Arbeit, in der Freizeit und bei der Suche nach dem Menschen, der am besten zu einem passt. Hier hat der Zufall oder das „Schicksal“, keinen Platz: „Die freien Menschen entwickeln mehr und mehr Kriterien für eine Partnerwahl. (….) An die Stelle der unbewussten Logik der Liebe tritt also die bewusste Logik des Wählens, die allmählich aufscheinende Logik der Nichtliebe. Die Freiheit zwingt die Menschen, sich selbst Kriterien und Zwecke zu schaffen – und bringt damit ihr Gegenteil hervor – den Zwang zur Zweckmäßigkeit.“

 

Längst gibt es Angebote, die die Suche nach dem „richtigen“ Partner professionell organisieren. Agenturen erstellen Fragebogen, die zwei Menschen zusammenführen sollen, die optimal zueinander passen. Und dennoch bleibt das Gefühl, vielleicht nicht die beste Lösung gefunden zu haben. Das aber erzeugt Scham, die Scham darüber, nicht das Beste aus sich gemacht zu haben, obwohl man alle Möglichkeiten dazu hatte. Irgendwann wird man sich bewusst, dass das Leben endlich ist, dass der Tod die unendliche Suche verhindern wird. Aber hier liegt für Sven Hillenkamp auch eine Chance: „Dennoch gibt es jetzt etwas, was die Menschen der Welt, in der sie leben müssen, entgegensetzen können. Es ist das Bewusstsein dieser Welt – der unbegrenzten Möglichkeiten als Unmöglichkeit, der unendlichen Freiheit als Zwang.“

 

Weil der Mensch aber seine Bedürfnisse kennt und er weiß, dass er diesen Zwängen nur entkommen kann, wenn er einen Partner erwählt, der ihm „gut tut“, wird er schließlich eine „Vernunftehe“ eingehen. Das ist das Eingeständnis, dass die große Liebe nicht erreichbar ist, aber eine gute Partnerschaft die Erlösung aus einer schmerzhaften Suche sein kann. Sven Hillenkamp beleuchtet eine Fülle von Phänomenen, er geht auf die Veränderungen in den sexuellen  Beziehungen ein. Das Ende der Liebe ist ein Essay voll brillant formulierter, origineller Gedanken, der zuspitzt, der  polemisiert und Aspekte und Nuancen beleuchtet, die so noch nicht gedacht wurden. Es ist ein Werk, das Bestand haben wird, weil es einen Mythos zurecht rückt, den Mythos der großen Liebe.

 

 

Jürgen Sander