Ein turbulentes, dramatisches und berührendes Leben

Über das erstaunliche Buch So wirst Du stinkreich im boomenden Asien des pakistanischen Autors und Booker-Preis-Gewinners Mohsin Hamid. Ein grandioses Panorama des Lebens in südasiatischen Schwellenländern.

„Es hat einmal einen Augenblick gegeben, in dem alles möglich war. Und es wird einen Augenblick geben, in dem nichts mehr möglich ist.“ Und wenn man stinkreich werden will, gibt es zwischen diesen beiden Augenblicken viele Möglichkeiten, vorausgesetzt man hat nicht zu viele Skrupel. Der Schriftsteller und Jurist Mohsin Hamid zeigt in seinem fulminanten satirischen Werk, wie’s funktioniert.

 

„Dieses Buch ist ein Selbsthilfebuch.“ So heißt es zu Beginn. Doch schon nach wenigen Sätzen ist klar: Dieses Buch ist weit mehr. Hamid erzählt von der Tellerwäscher-Karriere eines Mannes aus einfachsten Verhältnissen, der es irgendwo in Asien mit Tafelwasser zu großem Reichtum gebracht hat. Und er erzählt von dessen lebenslanger Liebe zu einer Frau, die ihren eigenen Weg zur finanziellen Unabhängigkeit gewählt hat, die Model, Schauspielerin, Fernsehmoderatorin und Besitzerin einer Firma für gehobene Wohnungseinrichtungen geworden ist. Aber auch das ist noch nicht alles. Denn die Konzeption als Selbsthilfebuch ist ein brillanter literarischer Schachzug, mit dem Hamid seiner Geschichte eine viel größere, geradezu universelle Bedeutung verleiht: Er zeichnet das eindrucksvolle Porträt eines Schwellenlandes, das für die Mehrzahl der Bevölkerung eine Vielzahl von Zumutungen bereithält. In 12 Kapiteln zeigt Mohsin Hamid, was zu tun ist, um reich zu werden. Darunter so wichtige Sätze wie Lerne von einem Meister, Arbeite für dich selbst, Scheue nicht vor Gewalt zurück, Jongliere mit Schulden und Denk an ein Ausstiegsszenario.

 

Hamid duzt den Leser konsequent und macht ihn so zum Stellvertreter seines namenlosen Helden, der, um Erfolg zu haben, all die Hürden überwinden muss, die Teil der gesellschaftlichen Umwälzungen in den südasiatischen Ländern  sind. „Der Umzug in die Stadt ist der erste Schritt, um stinkreich zu werden im boomenden Asien. Und du hast ihn  getan. Herzlichen Glückwunsch.“ Mohsin Hamid greift all die aktuellen Themen auf, die heute in Pakistan und Indien  zu den brennendsten Problemen gehören. Er erzählt von Landflucht, von prekären sanitären Verhältnissen, von  denen besonders die Armen betroffen sind, von einem maroden Gesundheitssystem, das nur denjenigen hilft, die  dafür zahlen können, und von einem korrupten Bildungssystem.

 

„Sich Bildung zu verschaffen ist ein fliegender Start, um stinkreich zu werden im boomenden Asien. Das ist kein Geheimnis. Aber wie viele erstrebenswerte Dinge ist sie nicht so leicht zu erlangen, nur weil sie allseits bekannt ist. Die Straße zum Reichtum hält Gabelungen bereit, die nichts mit Wahl, Wunsch oder harter Arbeit zu tun haben, Gabelungen, die mit Zufall zu tun haben“. Und dieser Zufall meint: Wer aus reichem Hause stammt, kann sich seine Abschlüsse kaufen, und er hat genügend Verbindungen, um die einträglichen Positionen zu besetzen. Religiöse Organisationen – auch das zeigt Hamid – können diese Verbindungen teilweise ersetzen. Sie streben vordergründig ein gottgefälliges Leben an, sind aber in Wirklichkeit nur an einem interessiert: an der Macht.

Mohsin Hamid, geboren und aufgewachsen in Lahore, Pakistan, studierte Jura in Harvard und Literatur in Princeton. Nach Stationen in New York und London lebt er heute mit seiner Familie wieder in Lahore. Hamid schreibt regelmäßig für den Guardian, die New York Times, die Financial Times, den New Yorker, die Paris Review, Outlook India und Granta. Seine Romane wurden in über 30 Sprachen übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und teilweise verfilmt.

Gefühle sind eher hinderlich, wenn man stinkreich werden will, also: Verlieb dich nicht. Wer reich werden will, muss immer nur dieses Ziel vor Augen haben. Liebesgeschichten bringen vom Weg ab, denn „die Liebe erstickt das Feuer unterm Dampfkessel des Ehrgeizes und beraubt eine ohnehin schon befrachtete Fahrt stromaufwärts ins Herz des finanziellen Erfolges ihres wesentlichen Antriebs.“

 

Und so sucht der namenlose Held nach Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Und was bietet sich in den ausufernden  Mega-Citys, die sich wie Krebsgeschwüre immer weiter ausbreiten, besser an als Wasser, denn „die vernachlässigten Rohre deiner Stadt brechen, die Inhalte des unterirdischen Wassernetzes und der Abwasserkanäle vermischen sich, weswegen die Wasserhähne in reichen wie in armen Gegenden eine Flüssigkeit abgeben, die zwar weitgehend klar und geruchlos ist, aber zuverlässig Spuren von Fäkalien und Mikroorganismen enthält, die geeignet sind, Durchfall, Hepatitis, Ruhr und Typhus hervorzurufen.“ Er beginnt zunächst mit gefälschtem Tafelwasser und expandiert dann in die Wasserversorgung im großen Stil, die allerdings nur den Gated Communities, in denen die Reichen und Superreichen leben, zugute kommt. Der Konkurrenzkampf ist hart und brutal, denn „stinkreich zu werden erfordert ein gewisses Maß an Unzimperlichkeit, sei es im boomenden Asien oder irgendwo sonst.“ Gewalt und Korruption, das sind zwei notwendige Bestandteile einer solchen Karriere. Sich an das Gesetz zu halten, führt zu nichts:

 

„Nein, ein weit vernünftigerer Ansatz ist es, die Staatsgewalt zum persönlichen Nutzen einzuspannen. Zwei  verwandte Kategorien von Akteuren verstehen das schon seit langem. Bürokraten, die eine Staatsuniform tragen, dabei aber insgeheim ihre Privatinteressen verfolgen. Und Banker, die eine private Uniform tragen, dabei aber insgeheim vom Staat unterstützt werden.“ Also wird sich unser namenloser Held auch mit der Kunst der Schmiergeldzahlungen beschäftigen, um seine Geschäfte weiter voranzutreiben.

 

Mohsin Hamid begleitet seinen Helden – und das sind eigentlich wir – bis zu dem Augenblick, „in dem nichts mehr möglich ist.“ Und es ist ein turbulentes, aufregendes, dramatisches, manchmal absurd witziges und berührendes Leben, das Hamid mit all seiner literarischen Finesse vor uns entfaltet.

 

Aber eine letzte Frage bleibt: Ist das wirklich eine Satire? Oder ist es die brutale Wirklichkeit, die Hamid hier eindrucksvoll beschreibt? Lesen Sie selbst.

 

 

Jürgen Sander