Buchproduktion ganzheitlich denken

Inmitten von Klimaprotesten erreicht das Bewusstsein für Nachhaltigkeit auch die Buchbranche. Wie eine ressourcenschonendere Buchproduktion aussehen kann, was die Herausforderungen sind und wie man Produkte nachhaltiger denkt, verrät ein Blick hinter die Kulissen der Herstellungsabteilung der Büchergilde.

 

Von Nina Lorenzen

Upcycling: Edle Buchbezüge aus Materialresten

Die fetten Jahre sind vorbei. Seit Monaten protestieren Schülerinnen und Schüler weltweit für den Klimaschutz, fordern die Politik zum Handeln auf und erinnern uns an unsere Verantwortung gegenüber unserem Planeten und seinen Ressourcen. Die Debatte um ökologische Verantwortung macht auch nicht vor der Buchbranche halt, die Ende 2018 einen ersten großen Schritt in Richtung auf mehr Nachhaltigkeit gemacht hat.

Mit dem Versuch, die Einschweißfolie bei Hardcover-Büchern wegzulassen, wurde mit der Kampagne #ohneFolie eine Debatte über den Sinn und Unsinn von Plastikverpackungen losgetreten. Die Suche nach nachhaltigeren Alternativen in der Buchproduktion wird spürbar intensiver. Von Cradle-to-Cradle-hergestellten Büchern über Gras- und Apfelpapier bis hin zu kompostierbaren Kaschierfolien: Immer mehr Verlage, Druckereien und Papierhersteller setzen sich mit einem verantwortungsvolleren Umgang mit Ressourcen auseinander. Das sind zunächst einmal gute Nachrichten. Denn mit jährlich rund 90 000 Neuerscheinungen verantwortet die Buchbranche die Verarbeitung von jeder Menge Ressourcen, wie etwa rund 16 Millionen Quadratmetern Einschweißfolie für Hardcover-Bücher (Quelle: Themendossier, Börsenverein des Deutschen Buchhandels). Fast jeder zweite industriell genutzte Baum wird laut WWF für die Papierherstellung gefällt. Bei grafischen Papieren, wie Büchern und Zeitschriften, werden dabei häufig frische Zellstoffe eingesetzt, und bei einem Großteil in Asien produzierter Kinderbücher fand der WWF auch Tropenholz.

Auch die Büchergilde ist sich der Notwendigkeit bewusst, verantwortungsvoll zu handeln. „Die nachhaltige Produktion fängt lange vor der Einschweißfolie an“, sagt Herstellungsleiterin Cosima Schneider. In ihrer Arbeit ist der Herstellerin wichtig, dass sich Design und Nachhaltigkeit ergänzen. Es geht darum, bestehende Wertschöpfungsketten zu hinterfragen und diesen kritischen Blick als eigenen Maßstab anzusetzen. Für Cosima Schneider beginnt nachhaltige Produktion bereits beim ersten Nachdenken über eine neue Produktidee. Aktuell beschäftigt die Diplom-Designerin die Entwicklung eines neuen Non-Books – des Büchergilde Bilderbogens –, das sie herausgeben wird. Der Bilderbogen ist in einem Schuber aufbewahrt, der gleichzeitig auch als Verpackung dient – auf eine Einschweißfolie kann somit verzichtet werden. Schuber und Bilderbogen sind aus einem FSC-zertifizierten Naturpapier und werden mit mineralölfreien und migrationsarmen Farben gedruckt. Produktionsort ist Memmingen im Allgäu. Die Zeit und Energie für die Produktentwicklung des Bilderbogens garantiert eine ganzheitlich gedachte Produktreihe.

Cosima Schneider schafft aus Restposten Einband-Unikate

Die kreativen Herausforderungen, die eine ressourcenschonende Buch- und Non-Book-Produktion mit sich bringt, lässt Cosima Schneider abseits gewohnter Pfade neue Ideen entwickeln und bringt sie mit Menschen zusammen, die nach neuen Lösungen suchen. Mit den Druckund Bindepartnern wird verstärkt nach alternativen Verpackungen zum Schutz der hochwertigen Bücher aus dem Büchergilde-Programm gesucht – auch außerhalb der eigenen Branche. So ist sie derzeit im Gespräch mit Sozialunternehmerin und Autorin Sina Trinkwalder, die für ihre nachhaltig-fairen Textilunternehmen mit regionalen Stoffproduzenten arbeitet und immer auf der Suche nach nachhaltigen Textilinnovationen ist. Da durch Transport, Lagerung und Verkauf durchaus die Möglichkeit besteht, dass Bücher Schaden nehmen und nicht mehr remittiert werden können, setzt die Büchergilde vorerst weiter Einschweißfolie zum Schutz der Bücher ein. Diverse Tests der Buchbindereien mit kompostierbaren Folien haben leider noch keine für den Verlag befriedigenden Lösungen ergeben. Die getesteten Folien verändern sich bei Temperaturschwankungen und müssten zudem wasserabweisender werden, um tatsächlich als Buchschutz eingesetzt zu werden. Perspektivisch wird man zu diesen Tests erst in circa einem halben Jahr mehr sagen können. Ein Problem, das die Büchergilde gelöst hat, ist die sogenannte Kaschierfolie des Schutzumschlags, auf die sie bereits seit vielen Jahren verzichtet. Die Cellophanierung des Schutzumschlags soll diesen vor Schmutz, Feuchtigkeit und Gebrauchsspuren schützen und ist gängige Praxis in den meisten Verlagen. Dass die Ökobilanz der Kaschierfolie katastrophal ist, ist ein offenes Geheimnis, denn cellophanierte Schutzumschläge sind nichts anderes als mit Folie überzogenes Papier und somit nicht recycelbar, sondern Sondermüll. An dem Beispiel der Kaschierfolie zeigt sich, wie komplex sich das Thema Nachhaltigkeit in der Buchbranche gestaltet und dass die Einschweißfolie nur die Spitze des Eisbergs ist.

Wenn man mit Cosima Schneider über die Suche nach alternativen Materialien spricht, merkt man ihr die Lust an der Herausforderung an, etwa bei der Gestaltung der Bucheinbände. Hierfür arbeitet die Herstellerin seit Jahren mit einem Leinenhersteller zusammen, von dem die Büchergilde exklusive Restposten bezieht, also Materialien mit kleinen Farb- oder Webunregelmäßigkeiten. Nur wenn bei diesen Beständen nichts Passendes dabei ist, sichtet Cosima Schneider den regulären Leinenbestand. Einige der „unperfekten“ Materialien finden dann ihren Weg auf die Büchergilde-Bücher, z.B. Karen Duves Fräulein Nettes letzter Sommer, Roger Willemsens Wer wir waren, Wolfgang Hildesheimers Lieblose Legenden oder Pia Solérs Die Weite fühlen – und machen die Bücher zu einem Upcycling-Unikat. Diese Arbeitsweise ist eine bewusste Entscheidung; Produkte von Anfang an nachhaltiger zu denken wird aber auch dadurch ermöglicht, dass die Büchergilde keine Festabnahmen bei Papier- und Leinenlieferanten oder Druckereien hat und somit flexibel agieren kann, erklärt Cosima Schneider. Und trotzdem gibt es natürlich auch für die Büchergilde Bereiche, in denen es schwieriger ist, umweltfreundlich zu agieren, etwa wenn es um die Papierauswahl geht. „Ich würde gerne öfter Recyclingpapier einsetzen. Die darin verwendeten Reststoffe aus Zellstoffmaterial können aber im Laufe der Zeit reagieren und so das Druckbild und die Farbbrillanz beeinflussen. Außerdem sind die meisten Recyclingpapiere entweder relativ hartweiß oder grau, was das Lesen unangenehm macht, weil ein leicht gelbliches Papier dem Auge das Lesen erleichtert.“ Die Büchergilde verwendet wie die meisten Buchverlage sogenanntes FSC-Mix-Papier. Das FSC-Siegel sagt aus, dass mindestens 70% des Papiers aus recyceltem Material bestehen und das Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft stammt. Allerdings werden bei FSC-Mix-zertifizierten Papieren weder Faktoren wie Energie- und Wasserverbrauch noch Material- und Chemikalieneinsätze berücksichtigt, wie im Handbuch Nachhaltig Publizieren nachzulesen ist.

Die Messingpräger werden für den guten Zweck versteigert oder recycelt

Für Cosima Schneider zählt jeder kleine Schritt. So berücksichtigt sie bei der Sichtung von Papiermaterial für Inhalt, Bezug, Einband, Schutzumschlag oder Vorsatzpapier auch die Standorte der Lieferanten, um Transportwege einzusparen. Bei Eigenproduktionen arbeitet die Büchergilde ausschließlich mit Druckereien und Buchbindereien in Deutschland zusammen, die eine transparente Wertschöpfungskette nachweisen können. Außerdem ist es Cosima Schneider ein Anliegen, eingesetzte Ressourcen in einem Kreislauf zu behalten, weshalb sie über Jahre hinweg alte Messingpräger von Büchern, die nicht mehr nachgedruckt werden, gesammelt hat. Diese werden nun zum einen Teil von Wertstofffirmen recycelt und zum anderen Teil demnächst an Mitglieder auktioniert. Die Erlöse daraus gehen an den Verein Die Welt des Lesens zur Förderung des Vorlesens und der Leselust von Kindern und Jugendlichen.

„Wir haben alle genügend zu tun“, sagt Cosima Schneider, „Nachhaltigkeit bedeutet Mehrarbeit. Da liegt es an jedem Einzelnen, ob es einem die Mehrarbeit wert ist. So, wie ich mich privat ökologisch bewege, kann ich das auch an meinem Arbeitsplatz machen. Wichtig ist, dass wir dabei nicht am Anspruch scheitern, alles sofort richtig zu machen, sondern anfangen, Dinge auszuprobieren und das als Bereicherung zu verstehen.“

 

Disclaimer: Dieser Artikel zeigt nur eine Auswahl an Beispielen auf, was eine nachhaltigere Buchproduktion umfassen kann. Natürlich gibt es noch viele weitere Aspekte der Nachhaltigkeit, die es zu berücksichtigen gilt.

Nina Lorenzen ist kreative Produzentin der nachhaltigen Videoproduktion nXm, für die sie zusammen mit Melanie Hauke den 1. Deutschen Buchtrailer Award sowie den Bundespreis Zu gut für die Tonne! gewann. Als Mitgründerin der Modeaktivismus-Plattform Fashion Changers setzt sie sich für eine umweltfreundlichere und gerechtere Modeindustrie ein.