Wo einst das Rotwild graste

Dass die Büchergilde bald ihr 100-jähriges Bestehen feiern kann, ist eng mit ihrer Geschichte in der Schweiz verknüpft. Seit dem Sommer 2016 hat die Hirschmatt Buchhandlung in Luzern die Auslieferung des Programms an Mitglieder und Partnerbuchhandlungen übernommen.

Von Lisa Ernestine Wagner


Als „Matte“, das mag für manche auf der Hand liegen, bezeichnen die Schweizer zum Weiden genutzte Wiesen. In Luzern, idyllisch in der Zentralschweiz zwischen Vierwaldstättersee und den Bergen Rigi und Pilatus gelegen, begegnet man diesen Matten auf Schritt und Tritt, und sei es nur im Stadtplan: Geissmattstraße, Fluhmattrain, Grosshofmatte und Hubelmatt, um nur einige zu nennen. Im Süden Luzerns befand sich lange Zeit ein Hirschpark. Heute führt die Hirschmattstraße durch die Neustadt und ist vielen Schweizer Büchergilde-Mitgliedern ein Begriff, denn dort, wo früher das Rotwild graste, präsentiert die Hirschmatt Buchhandlung das Programm der Buchgemeinschaft.

 

„Als 1947 zum ersten Mal eine Buchhandlung in der Hausnummer 26 eröffnete, gab es in 100 Metern Laufweite noch drei andere“, weiß Jörg Duss. Gerade 27-jährig, übernahm Duss 1988 die ehemalige Buchhandlung Frye. Seitdem hat sich räumlich viel verändert: Erst wurde im Erdgeschoss vergrößert, dann kam 2001 mithilfe eines Durchbruchs das erste Obergeschoss hinzu. „Möglich war das nur, weil unser Vermieter Freude daran hat, die Buchhandlung im Haus zu haben.“ Im Nebengebäude steht seit Kurzem ein Ladengeschäft frei. Mehr Raum für Hirschmatt? „Im Moment ist nichts geplant. Wir haben jetzt das Gefühl, es läuft bei uns, wir haben uns gut eingerichtet.“

 

Gut untergebracht ist seit 2004 auch das Programm der Büchergilde in der Luzerner Buchhandlung: In der zweiten Etage gehört den Büchern, schönen Dingen, CDs und DVDs der Buchgemeinschaft ein ganzer Raum, schöner Ausblick und gemütliche Terrasse inklusive. „Schaulager“ nennen Duss und seine Mitarbeiterin Sophia Guth-Kuhn, die für die Büchergilde verantwortlich ist, das. Hier sind Mitglieder willkommen, um zu stöbern. Aber auch die anderen beiden Partnerbuchhandlungen in der Schweiz, Das Narrenschiff in Basel und die Buchhandlung Haupt in Bern, werden seit Sommer 2016 von hier aus beliefert.

 

Die HirschmättlerInnen, wie sich die Luzerner selbst nennen, sind so zu einer Art Büchergilde-Geschäftsstelle in der Schweiz geworden. Damit halten sie eine Tradition hoch: Bereits ein Jahr nach der Gründung der Büchergilde Gutenberg in Leipzig entstand 1925 eine Züricher Gildengruppe. 1927 folgte die Einrichtung einer Geschäftsstelle. Als sechs Jahre später die Büros der Büchergilde in Berlin von den Nationalsozialisten besetzt, der Verleger Bruno Dreßler verhaftet und die Buchgemeinschaft gleichgeschaltet wurde, war es dieser Züricher Außenstelle zu verdanken, dass das nicht das Ende der Büchergilde bedeutete.

 

Denn noch am Tag von Dreßlers Verhaftung trennten sich die Züricher von der deutschen Büchergilde ab und gründeten wenig später die Genossenschaft Büchergilde Gutenberg, der 5000 der 6000 Schweizer Mitglieder beitraten. Während in Nazideutschland die Buchgemeinschaft den Zielen und Überzeugungen der faschistischen Diktatur unterworfen wurde, überlebte sie in der Schweiz im Sinne ihres demokratischen Grundgedankens. Bruno Dreßler konnte 1934 ausreisen und übernahm die Geschäftsführung.

 

Eine wahre Erfolgsgeschichte

 

Was einfach eine glückliche Fügung hätte sein können, das bloße „Überwintern“ der Buchgemeinschaft in der neutralen Schweiz, wurde zu einer wahren Erfolgsgeschichte. Auch wenn sich anfangs das Fußfassen im politisch aufgeheizten Klima schwierig gestaltete, schafften Bruno Dreßler und seine MitarbeiterInnen es, die Büchergilde in der Schweiz zu etablieren und weiterzuentwickeln. So wurden eine Gildenbibliothek der Weltliteratur und eine der Jugend, Reihen zu Themen wie Arbeit und Gesellschaft oder Forschung und Leben ins Leben gerufen. Allen Umständen zum Trotz entschieden sich bis 1945 mehr als 100000 Schweizer für eine Mitgliedschaft – also jeder dreißigste Eidgenosse.

 

Das Exil in der Schweiz während der NS-Zeit war der Schlüssel für das Fortbestehen der Büchergilde. 1947 wurde sie, nun unter der Leitung von Bruno Dreßlers Sohn Helmut, mit Sitz in Frankfurt am Main neu begründet. Die Schweizer Genossenschaft führte die Geschäfte bis in die 70er-Jahre hinein fort und wurde dann in eine Aktiengesellschaft umgewandelt. Die Hirschmatt Buchhandlung, selbst eine Aktiengesellschaft mit mittlerweile 80 Aktionären, hält auch Anteile an der seit 2015 bestehenden Büchergilde Gutenberg Verlagsgenossenschaft. „Das war eine klare Entscheidung: Wir haben das gemacht, um die Literaturgemeinschaft zu unterstützen und richtig eingebunden zu sein“, erklärt Jörg Duss. Zudem sei der genossenschaftliche Gedanke ihnen aufgrund der eigenen Organisationsform sehr nahe. „Im Prinzip ist die Aktienzeichnung eine Liebhaber-Angelegenheit. Wir zahlen ja keine Dividende aus. Aber die Aktionäre der Hirschmatt Buchhandlung wollten am Laden beteiligt sein und ihn stützen.“

 

Als Genosse und Schweizer Vertretung liegt Jörg Duss deshalb daran, die Büchergilde in der Schweiz weiter zu stärken. „Wirklich wichtig ist mir, wieder eine Partnerbuchhandlung in Zürich zu finden – auch mit Blick auf die historische Verbindung.“ Dafür brauche es Platz und etwas Engagement. „Es ist Voraussetzung, dass die Buchhandlung sich Mühe gibt, die Buchgemeinschaft gut präsentiert und sie auch gern erklärt.“ Denn für Mitglieder mit Hauptwohnsitz in der Schweiz gibt es nicht die Auflage, sich für einen Artikel im Quartal zu entscheiden. Seitdem Bücher dort nicht mehr preisgebunden sind, müssen die Schweizer nicht durch einen Quartalskauf nachweisen, dass sie berechtigt sind, die günstigeren Ausgaben zu erwerben. „Letztlich ist die Büchergilde für uns eine Literaturgemeinschaft ohne große Verpflichtung. Neue Mitglieder zu gewinnen fällt leicht. Daran, regelmäßige Bestellungen oder Besuche in den Läden anzuregen, arbeiten wir.“

 

Bemerkbar macht sich das auch in den Newslettern, die von den HirschmättlerInnen verschickt werden. Das ist Jörg Duss’ Metier. „Ich mag die Arbeit hinter den Kulissen gern. Ich kümmere mich neben anderem um unsere Homepage und die Newsletter. Das ist so eine Sonntagmorgen-Arbeit, am besten zu Hause, bei einem Kaffee und im Pyjama.“ Die persönliche Ansprache und die Leseempfehlungen werden auch im Laden selbst gelebt: Immer wieder begegnet man dort Kärtchen in Büchern, bedruckt mit den Namen der MitarbeiterInnen und handbeschriftet mit dem Tipp. „Das Personalisieren ist wichtig, gerade für mittelständische Unternehmen. Bei uns gibt es auch wenige Wechsel im Kollegium – das mögen die KundInnen.“ Im Wiedererkennen und Erkanntwerden, persönlich und im Lesegeschmack, liegt einer der Reize beim Besuch der Lieblingsbuchhandlung. Jörg Duss vermutet: „Zu uns kommen Leute, die sich vielleicht in großen Läden verloren fühlen, die wissen, dass sie bei uns finden, was sie suchen.“ Im nächsten Jahr steht für ihn das 30. Jubiläum der Übernahme der Hirschmatt Buchhandlung an. Was wünscht sich Jörg Duss von der Büchergilde und für die Mitglieder? „Mich würde es freuen, wenn sich im Programm ein paar mehr Schweizer Autoren finden ließen. Da gibt es auch für die deutschen Mitglieder viel zu entdecken!“