NEUES AUS DER BÜCHERGILDE

 

 

Die große Kunst der kleinen Form

 

Der Büchergilde-Gedichtband O die unerhörten Möglichkeiten versammelt Lyrik aus Bertolt Brechts verschiedenen Lebensphasen, feinsinnig zusammengestellt von Günter Berg. Der Grafiker und Maler Hans Ticha fertigte für diese Ausgabe einzigartige Zeichnungen an. Mit der Büchergilde sprach er über Brecht, seinen Arbeitsprozess und Kunst in der DDR.

 

 

Ein Beitrag von Marlen Heislitz.

"Prachtbände sind schön und gut, aber solche Bücher, die man mit weißen Handschuhen anfassen muss, wer soll davon das Publikum sein? Das sind keine Bücher, die man wirklich liest oder oft in die Hand nimmt. Man muss das zerfleddern können, wenn es sein muss."

 

Hans Ticha im Werkstattgespräch mit Marlen Heislitz

 

Hans Ticha und die Lyrik – das hat bereits eine lange Geschichte bei der Gutenberg’schen Buchgemeinschaft: Mit seinem unverkennbaren Pop-Art-Stil verlieh Ticha bereits den Gedichten und Reimen von Ernst Jandl, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Christian Morgenstern, Kurt Tucholsky und Mascha Kaléko ein einzigartiges Gewand. Und nun: Ticha malt Brecht! Zu diesem Anlass öffnete der Künstler der Büchergilde sein Atelier und gewährte Einblick in seine Arbeit. „Hildebrandt spottete in der Wendezeit, dass der Ossi seinen Brecht bibelartig auswendig kenne. Da ist ein bisschen was dran – aber ich habe nie dazugehört.“, sagt Hans Ticha und lacht.

Der 82-jährige sitzt hinter einem großen Tisch aus hellem Holz. Hinter ihm liegen ordentlich aufgetürmt Magazine, reihen sich Bildbände und Bücher aneinander, auf dem Boden stehen Skulpturen und seine großformatigen Malereien schmücken die Wände. Man merkt gleich: Das ist sein Reich hier oben, unter den historischen Dachbalken eines restaurierten Fachwerkhauses, im ländlichen Umland von Frankfurt am Main.

 

Für den Besuch hat der Künstler eine kleine Werkschau vorbereitet, die die gesamte Tischplatte einnimmt. Ticha hat sich bereits in den verschiedensten Formaten mit Bertolt Brecht auseinandergesetzt. Neben Büchern, den Druckstöcken für die bei SammlerInnen begehrten Vorzugs-Grafiken und einem Kalender fällt vor allem eine riesige, leuchtend gelbe bibliophile Ausgabe mit ausklappbarem Schutzumschlag zu den Brecht‘schen Flüchtlingsgesprächen ins Auge, das 1997 mit Gert Wunderlich vom Verein Leipziger Bibliophilen-Abend entstand. Ein weiteres beeindruckendes Zeugnis der langjährigen Tätigkeit des im ehemaligen Böhmen geborenen Künstlers.

Das neueste Ticha-Projekt für die Büchergilde befindet sich zum Zeitpunkt des Gesprächs noch mitten in der Produktion: Im Gedichtband O die unerhörten Möglichkeiten finden sich unter zehn Rubriken circa 170 Gedichte von Bertolt Brecht. Die kundige Auswahl hierfür traf der Literaturkenner Günter Berg, der mit seinem ausführlichen Nachwort Brechts Leben und Schaffen beleuchtet. An Hans Ticha trat der Verlag mit der Bitte heran, dreißig Illustrationen für das Buch beizusteuern. „Meine Zeichnungen sind natürlich keine Erklärungen zu den Gedichten, sondern Assoziationen zu Brechts Themen. Hier die Kriegsereignisse, dort sein Hollywood-Aufenthalt – obgleich Hollywood wohl nicht so aussieht“, kommentiert Ticha schmunzelnd und deutet auf die angesprochene Zeichnung. Unzählige Skizzen in verschiedenen Ausarbeitungsstufen liegen auf dem Tisch, darunter auch verworfene Ideen. Beginnend mit abstrakten Bleistiftskizzen, die bereits in diesem Stadium Tichas charakteristischen Stil erkennen lassen, nähern sich die Vorzeichnungen Blatt für Blatt den endgültigen Motiven. Trotz der Fülle stellen all diese Blätter nur einen Teil der gesamten Entwürfe dar, einige hat er bereits aussortiert. Aufgrund dieser bewundernswerten Sorgfältigkeit dauerte es schätzungsweise einen Monat, einen Stil auszumachen, der „alles unter einen Hut brachte“: „Ich wollte es erst klotziger und plakativer machen. Die Spannweite der Gedichte ist sehr groß – also vom Agitationsgedicht bis hin zu wirklich toller Lyrik, zum Beispiel Erinnerung an die Marie A., ein absolutes Spitzengedicht! Aber einen stilistischen Wechsel innerhalb der Bilder eines Buches einzubringen, ist eher unglücklich."

Seine Zeichnungen zum Buch sind zu diesem Zeitpunkt, wie er sagt, „so gut wie fertig“. Er schiebt eine Mappe zur betreuenden Herstellerin Clara Scheffler über den Tisch. „Alles ist in Folien, da die Zeichnungen zwar fixiert, aber nicht wischfest sind“, merkt er an. Die dreißig Bilder befinden sich bereits in der korrekten Reihenfolge, wie sie für die Abfolge im Buch besprochen wurden. Auf den Rückseiten findet sich feinsäuberlich der Titel des zugehörigen Gedichts beziehungsweise der passenden Thematik. Clara Scheffler und Hans Ticha vertiefen sich direkt in ein Fachgespräch: Welche und wie viele Schriften werden im Buch verwendet, in welchen Größen und Auszeichnungen? Wie gelingt eine harmonische Vereinbarung von Text und Bild, wie viele Illustrationen sollten idealerweise aufeinander folgen? Denn die Zeichnungen durch das Buch hindurch regelmäßig einzuteilen gestaltet sich jedes Mal als Herausforderung. Alle an der Herstellung Beteiligten müssen damit leben, dass einige Stellen unter Umständen „schwächer“ bebildert sind.

 

Das kann essenziell werden: Zu Brechts Buckower Elegien zum Beispiel fertigte Ticha Zeichnungen an, die sich auf ein konkretes Gedicht beziehen. Wie die Bilder hier platziert werden, ist für ihn nicht nur ein ästhetisches, sondern viel mehr ein kontextuelles Anliegen: „Was Brecht in den Buckower Elegien vor allem für die Zeit in der DDR andeutet, begreifen jüngere Menschen unter Umständen nicht mehr. Wenn dort steht ‚Der Eiserne‘, wer weiß da noch, dass er Stalin meint? Auch über DDR-Kulturpolitik, über den sozialistischen Realismus – so was hat man vielleicht schon mal gehört, aber um was es damals ging, versteht man heute nicht mehr sofort. Wenn dann aber Gedicht und Zeichnung passend beieinanderstehen, versteht man die Zugehörigkeit und kann sich Kontexte erschließen."

Nach gut fünfzig Jahren als freischaffender Künstler und Buchillustrator verfügt der studierte Gebrauchsgrafiker freilich über genug Expertise für derlei Projekte. Die Herangehensweise ist dann auch keine Zauberei, doch zauberhaft akribisch: Ticha liest zunächst das Manuskript und ordnet dabei die ersten Ideen, überlegt, „was man wo machen könnte“, und erstellt auf Schmierzetteln „Skizzen über Skizzen“, die er später ausarbeitet und dabei Kompositionen ausprobiert. Die „Vorzeichnungen“ wirken auf Laien beeindruckend, scheinen bereits fertige Bilder zu sein. Danach geht es an die Farbarbeit mit Aquarellfarbstift, bei der er ebenfalls darauf achtet, keine Häufungen zu produzieren und den Ablauf möglichst abwechslungsreich zu gestalten.

 

Macht es für ihn einen Unterschied, ob er Prosa oder Lyrik illustriert, verändert es sein Vorgehen? „Die kleine Form – Gedichte, Fabeln, Erzählungen – ist für mich sehr sinnvoll für die Illustration. Sie bietet gute Möglichkeiten – als einfacher möchte ich es nicht pauschal bezeichnen. Zum Beispiel bei Christian Morgenstern denkt man vielleicht‚ ach, das ist doch ein Idealauftrag‘. Aber dann stellt man fest, man kriegt keinen Fuß in die Tür! Das ist verbaler Witz – wenn ich anfange, das ‚Nasobem‘ oder den ‚Schnupfen auf der Terrasse zu zeichnen‘, wird es Quatsch, das ist schwer. Bei handfesten Sachen wie Kurt Tucholsky gestaltet sich das dann aber auch wieder anders."

 

"Ich wollte schon immer 'Gebrauchsbücher' machen. Und tatsächlich machen solche Bücher auch die meisten meiner Aufträge aus, bis auf ein paar sehr aufwendige."

 

Hans Ticha im Werkstattgespräch mit Marlen Heislitz

 

Und wie verhält es sich mit Romanen? Hans Ticha denkt nach und führt dann aus: „Prosaliteratur wird viel illustriert, und ich finde auch, das sieht gut aus. Illustration empfinde ich aber als eine kipplige Angelegenheit, also, wo sie eingesetzt werden sollte oder könnte. Ich habe ein einziges Buch gemacht, wo eine Bebilderung absolut sinnvoll war – und das war Karel Čapeks Der Krieg mit den Molchen. Das war auch das einzige Buch, wo ich gedrängelt habe, dass der Verlag und die Druckerei sich auf diese besondere Arbeit einstellen. Denn das ist ein wahnsinniges Ding! Heute, nach den ganzen technischen Entwicklungen und den Möglichkeiten am Computer, kann man sich kaum noch vorstellen, was das für ein Aufwand war. Sachen sind im Bleisatz abgedruckt, fotografiert und für den Offset-Druck hineingeklebt worden. Das Buch ist außerdem mit acht Farben gedruckt, da hätte jeder Westverlag damals gesagt, ‚unbezahlbar‘. Es lag acht Jahre im Verlag, nicht aus politischen Gründen, sondern weil das über 150 Illustrationen in verschiedenen Größen sind, viele mit Farbauszügen, Filme, geklebt und und und ... Es war unübersichtlich bis dorthinaus, der reine Wahnsinn. Dass das Buch überhaupt vor Ende der DDR gedruckt wurde, lag an der Druckerei, die innerhalb der Kulturindustrie einen guten Stand hatten. Sie gaben das Tempo vor, und das konnte damals für ein Buch zwei Jahre dauern. In die Molche war am Ende so viel investiert worden, dass die Druckerei den Verlag zum Druckauftrag drängte.“ Der Kultroman Der Krieg mit den Molchen, mittlerweile bei der Büchergilde bereits drei Mal aufgelegt, erschien als Buchgemeinschafts-Ausgabe zum ersten Mal im Jahr 1990. Hans Ticha wusste davon lange Zeit nichts, der damals in Ostdeutschland lebende Künstler durfte nicht kontaktiert werden.

Karel Čapek schrieb, wie auch Kurt Tucholsky, gegen den aufziehenden Faschismus an, Mascha Kaléko ging ins Exil, Erich Kästners Werke wurden verbrannt. Auch Bertolt Brecht verließ 1930 Deutschland, lebte in den USA und gründete nach seiner Rückkehr in der DDR das Berliner Ensemble, mit dem er seine wohl größten Erfolge inszenierte. Dabei blieb sein Verhältnis zum sozialistischen Staat ambivalent, er bewegte sich zwischen Staatstreue und Widerständigkeit.

 

Kritische KünstlerInnen also, die in schwierigen Zeiten lebten, illustriert von Ticha, der selbst in der DDR unter Beobachtung stand. In seinen Gemälden und Grafiken kritisierte er das Regime und dessen sozialistische Rituale. Er erinnert sich: „Ich habe viele Bilder gemalt, die ich nie zeigen konnte, die ich vernichten wollte, weil es gefährlich wurde. Die Funktionäre hätten die Bilder verstanden und sofort gerochen, wenn da was war.“ Kritische Kunst hält er daher und trotz allem für eine wichtige Sache, merkt aber auch an: „Ein Bild muss erst mal ein Bild sein, gezwungen sollte eine Kritik nicht wirken, sonst wird es unglaubwürdig. Wenn die Erklärungen, wie politische Kunst zu verstehen ist, lang und ausschweifend sind, werde ich skeptisch, und in einigen Situationen kann so etwas auch wie Aufmerksamkeitshascherei wirken. Konstant kritische Kunst ist vor allem wichtig in Situationen, wo richtig Druck herrscht, ihr Stellenwert ist nicht zu unterschätzen."

Nach der Wende zog es Ticha in den Westen. Doch wie war das Leben im vereinten Deutschland, wie fühlte es sich an, nach dem Mauerfall Kunst zu machen? „Es gab eine kurze Welle der Euphorie für die ‚Ossis‘ im Westen. Zum Beispiel bei der Karikaturistin Marie Marcks hatte ich zu DDR-Zeiten das Gefühl, dass sie immer über mich hinwegschaute. Nach der Wende lud sie mich zu sich ein – da war ich verblüfft! Nach einiger Zeit ebbte das Ganze aber ab. Tatsächlich war es so, dass man die politischen Zwänge erst mal gegen ökonomische eintauschte. Es war schwer, auch für Galerien, in der ersten Zeit nach der Wende mit ‚DDR- Kunst‘ Geld zu machen. Das hat alles der Euphorie den letzten Stoß gegeben. In den 1990er-Jahren habe ich so gut wie nichts verdient. Ich bekam in dieser Zeit ein paar Buchaufträge, machte ein bisschen Grafik ... es war schleppend.“

Hans Ticha arbeitete konstant weiter, kritisierte mit einem Augenzwinkern hohle Werbephrasen und vermeintliche Eigenheimidyllen und verlor selbst als einer der bedeutendsten zeitgenössischen deutschen Grafiker nie die Bodenhaftung. Auch für die Büchergilde schuf er noch einige Buch-Illustrationen, denn das gedruckte literarische Werk liegt ihm am Herzen: „Ich wollte schon immer ‚Gebrauchsbücher‘ machen. Und tatsächlich machen solche Bücher auch die meisten meiner Aufträge aus, bis auf ein paar sehr aufwendige. Prachtbände sind schön und gut, aber solche Bücher, die man mit weißen Handschuhen anfassen muss, wer soll davon das Publikum sein? Das sind keine Bücher, die man wirklich liest oder oft in die Hand nimmt. Man muss das zerfleddern können, wenn es sein muss."

 

In diesem Sinne: Vertiefen Sie sich in Bertolt Brechts Lyrik, genießen Sie das Zusammenspiel mit Hans Tichas pointierten Bildern und: Zerfleddern Sie dieses Buch!