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Kommentar von Karsten Koblo, aus-erlesen.de | 26.06.2021

„Trautantchen“ Marie-Luise Anger fährt mit den Kindern ihres Bruders in den Urlaub nach Usedom. Dem ist gerade die Frau abhanden gekommen. Sie ist ihm weggelaufen. So kann er sich sortieren und die Kinder einen unbeschwerten Urlaub verbringen. Das ist der Ausgangspunkt dieses Buches. Klingt erst einmal wie ein schwer bedeutungsvolles Thema.
Doch es ist ganz anders. Zuerst: Die Autorin heißt Hedwig Dohm und war die Großmutter von Katia Mann. Sie gehört zur ersten Riege unabhängiger Frauen, die heute (oft abschätzig und immer noch belächelt) als Feministin bezeichnet werden. Und mit erster Riege ist sowohl ihre Bedeutung als auch die zeitliche Eingliederung gemeint.
Und Zweitens ist „Sommerlieben“ ein Briefroman, in dem die Autorin sich selbst eine Stimme gibt (die Vermutung liegt verdammt nahe, wenn man sich ihr Leben betrachtet), in dem sie Marie-Luise zahlreiche Briefe in die Heimat schreiben lässt.
Drittens: Der Roman wurde im Alter von 80 Jahren veröffentlicht. Hedwig Dohm war eine angesehene Stimme im Kampf für Gleichberechtigung. Was Anfang des 20. Jahrhunderts etwas ganz anderes war als heutzutage. Dank ihr.
Usedom war schon immer eine Reise wert. Die Kaiserbäder waren en vogue. Es war chic sich hier zu zeigen. Marie-Luise macht aber hier Urlaub, um wirklich Urlaub zu machen. Kein Sehen und Gesehenwerden. Um sie herum eine rabaukenhafte Kinderschar, die keine Möglichkeit auslassen sich ausgelassen auszutoben. Ihr selbst macht das wenig aus. Klar, dass ihr hier und da einmal der Geduldsfaden reißt, aber im Großen und Ganzen sind die Kinder ihr ans herz gewachsen und dürfen Tun und Lassen, was sie wollen. Vielmehr mokiert sie sich über das Kindermädchen, das die Rasselbande am liebsten an die – ganz kurze – Leine nehmen möchte. Und dabei kläglich versage muss. Auch die anderen Gäste im Ort bieten ihr reichlich Gelegenheit sich köstlich über sie zu amüsieren. Marie-Luise ist nicht frech, wenn sie sich ihr Umfeld vornimmt. Ihr macht es nur einen Heidenspaß sich über die gesellschaftlichen Zwänge ihre Meinung zu bilden. Als selbstbewusste Frau sieht sie mit einem weinenden, aber vor allem mit einem lachenden Auge die Welt um sich herum an.
Aus der heutigen Sichtweise wirkt so manches antiquiert. Hedwig Dohm sah diese Antiquiertheit schon vor über hundert Jahren. Deswegen liest sich dieser Roman wie eine frische Brise im verstaubten Regal der Gewohnheiten und Regeln, die später einmal aufgeweicht werden. Und heutzutage schon wieder in Mode zu kommen scheinen. Auch aus diesem Grund lohnt es sich Hedwig Dohm wiederzuentdecken.

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