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Kommentar von Jutta Over | 08.07.2011

Wer hofft, in diesem Bändchen neue Schlachtgesänge für den nächsten Stadionbesuch zu lernen, wird wohl eher befremdet sein, wer aber das Spiel mit offenem Ausgang liebt, findet hier ein Wortkonzentrat, das jenseits der Sprachformeln gängiger „Sportlyrik“ vollkommen neue Assoziationsräume eröffnet – und zwar auch für FußballignorantInnen! Da jedes Spiel etwas mit Zufall zu tun hat, meistert Stephan Krass hier nicht Einfälle, sondern Zufälle. Aus „Die Trauer des Standbeins“ erhält er etwa – nach einem gekonnten Stoß gegen die Buchstabenreihe – die Anagramm-Zeilen: „Dissident baut Rasenerde / und die Aderbisse starten“ So mancher, der schon einmal versucht hat, Anagramme zu schreiben, wird der Meinung sein, diese ließen sich weder in ein gleichmäßiges Metrum, noch in Reime fassen – Krass beweist uns hier das (krasse!) Gegenteil. Bei ihm fügen sich die Buchstaben (seine „Ballspieler“) in flüssig lesbare Zeilen, die auf magische und unerhörte Weise immer wieder das Spiel auf dem Rasen zu kommentieren scheinen. Während ich mir bei den Akrosticha am Anfang und Ende des Buches gewünscht hätte, die Machart selbst herausfinden zu dürfen, war ich bei den Balladen dann doch über die einleitenden Erläuterungen des Autors froh. Hier hat er eine weitere Oulipo-Technik angewandt und „Wortgewichte“ ermittelt (wie das geht, verpetze ich hier nicht), und so wird aus "Strafraum" unversehens "Gnadenfrist", aus "Standbein" wird "Tentakel" und aus "Halbzeit" "Poesien". Aus diesen nüchtern rechnerisch ermittelten Substantiven dann einen Text zu weben, muss ein großes Vergnügen gewesen sein, nur noch übertroffen von dem Vergnügen des Lesers, der da etwa (zweifellos nach einem gewonnenem Spiel) lesen darf: „Epiphanie in Poesien, die Erdkugel beginnt zu tanzen, vor Kanzeln will man niederknien, vorm Sterben endlich sich verschanzen.“ (aus: Ballade mit Halbzeit) Ach ja, und da sind ja noch die Illustrationen von Kitty Kahane! Sie liefern in passender Schrägheit eigenwillige Interpretationen der Texte, ja, sind selbst Poesie! Klar aufgeteilte Farbflächen verhindern eine Ablenkung vom leider etwas eng gesetzten Text. Vor den dunkleren Hintergrundfarben lässt sich die Schrift allerdings bei adventlich abgedimmter Beleuchtung nicht mehr so gut erkennen.

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Kommentar von Jutta Over | 08.07.2011

Wer hofft, in diesem Bändchen neue Schlachtgesänge für den nächsten Stadionbesuch zu lernen, wird wohl eher befremdet sein, wer aber das Spiel mit offenem Ausgang liebt, findet hier ein Wortkonzentrat, das jenseits der Sprachformeln gängiger „Sportlyrik“ vollkommen neue Assoziationsräume eröffnet – und zwar auch für FußballignorantInnen! Da jedes Spiel etwas mit Zufall zu tun hat, meistert Stephan Krass hier nicht Einfälle, sondern Zufälle. Aus „Die Trauer des Standbeins“ erhält er etwa – nach einem gekonnten Stoß gegen die Buchstabenreihe – die Anagramm-Zeilen: „Dissident baut Rasenerde / und die Aderbisse starten“ So mancher, der schon einmal versucht hat, Anagramme zu schreiben, wird der Meinung sein, diese ließen sich weder in ein gleichmäßiges Metrum, noch in Reime fassen – Krass beweist uns hier das (krasse!) Gegenteil. Bei ihm fügen sich die Buchstaben (seine „Ballspieler“) in flüssig lesbare Zeilen, die auf magische und unerhörte Weise immer wieder das Spiel auf dem Rasen zu kommentieren scheinen. Während ich mir bei den Akrosticha am Anfang und Ende des Buches gewünscht hätte, die Machart selbst herausfinden zu dürfen, war ich bei den Balladen dann doch über die einleitenden Erläuterungen des Autors froh. Hier hat er eine weitere Oulipo-Technik angewandt und „Wortgewichte“ ermittelt (wie das geht, verpetze ich hier nicht), und so wird aus "Strafraum" unversehens "Gnadenfrist", aus "Standbein" wird "Tentakel" und aus "Halbzeit" "Poesien". Aus diesen nüchtern rechnerisch ermittelten Substantiven dann einen Text zu weben, muss ein großes Vergnügen gewesen sein, nur noch übertroffen von dem Vergnügen des Lesers, der da etwa (zweifellos nach einem gewonnenem Spiel) lesen darf: „Epiphanie in Poesien, die Erdkugel beginnt zu tanzen, vor Kanzeln will man niederknien, vorm Sterben endlich sich verschanzen.“ (aus: Ballade mit Halbzeit) Ach ja, und da sind ja noch die Illustrationen von Kitty Kahane! Sie liefern in passender Schrägheit eigenwillige Interpretationen der Texte, ja, sind selbst Poesie! Klar aufgeteilte Farbflächen verhindern eine Ablenkung vom leider etwas eng gesetzten Text. Vor den dunkleren Hintergrundfarben lässt sich die Schrift allerdings bei adventlich abgedimmter Beleuchtung nicht mehr so gut erkennen.

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