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Kommentar von Karsten Koblo, aus-erlesen.de | 23.09.2022

In Bayern fliegt „Faust“ aus dem Lehrplan – Generationen von Schülern fragen sich warum das nicht schon früher geschah. Aber letztendlich überwiegt das Kopfschütteln. Und wenn wir schon mal beim Kopfschütteln sind, warum ist dieses Buch nicht essentieller Bestandteil des Lehrplans? „Die Sprache des Dritten Reiches“ – lingua tertii imperii – für die meisten die erste Berührung mit Latein. Doch sollte das Buch ein Warnsignal sein. Denn die Auswirkungen der dunkelsten Zeit Deutschlands, Europas und der Welt sind bis heute spürbar.
Victor Klemperer war Sprachwissenschaftler. Mit Akribie untersuchte er wie die brauen Ideologie sich in unseren Alltag, in die Kultur einschlich. Der Spuk war nicht einfach so vorbei als die Waffen schwiegen. Das beweisen rechte Verlage, rechte Parteien (ob nun mit oder ohne Deckmantel ist doch nun wirklich einerlei). Das beweisen Schandtaten in Mölln, Rostock-Lichtenhagen, Cottbus, Solingen und und und. Die Sprache ist das vereinigende Element eines Kulturkreises. Wenn die vergiftet ist, sind die Folgen absehbar. Da muss man d as Oberstübchen mal entrümpeln. Und schon sind wir mitten im Dilemma Lingua tertii imperii. Denn die Vorsilbe ent- wurde nur allzu gern von den Nazis verwendet, um einem abscheulichen Vorgang eine technische, nicht emotionale Komponente anzudichten. Kann man eine Regel anwenden, muss man sich anstrengen Gegenargumente zu finden. Es ist immer einfacher ihr einfach zu folgen. Im Nu ist man da, wo man nie hin wollte.
Doch Vorsicht, nicht jedes „ent-“ ist ein böses „ent-“.
LTI – das Buch – gehört einfach in jeden Bücherschrank, es gehört sich es mindestens einmal im Leben gelesen und im Unterricht als Pflichtlektüre durchgearbeitet. Die Realität sieht anders aus. Ist es die Angst, dass eingefahrene Wege neu beschritten werden müssen, weil die Wurzeln verseucht sind? Und selbst, wenn es so wäre, die Veränderung ist der erste Schritt zum Fortschritt. Kann also per se nichts Schlechtes sein. Also, warum ist dieses Buch nicht längst und für alle Zeit im Lehrplan verankert?
Diese handliche Ausgabe mit passt in jede Schultasche. Der Inhalt bringt Ordnung und Weitsicht ins germanistische Wirrwarr.
Klemperers Sprache ist eindeutig und nachvollziehbar. Überflüssigem lässt er weg, Essentielles gibt er den notwendigen Platz. Immer wieder stolpert man über die Fallstricke der Sprache. Denn oft unbewusst, sitzt der Stachel der perfiden Sprache tiefer als man es sich selbst eingestehen möchte. Den erhobenen Zeigefinger benutzt Victor Klemperer nicht. Er weiß, dass Lernen nur durch eigenen Antrieb vom Erfolg gekrönt ist. Er selbst weißt auf die Stolpersteine hin, die im sprachlichen Alltag uns im Weg sind. Das trifft auf die Optik zu, aber mehr noch auf Inhalt und Ausdruck der deutschen Sprache. Die ist reich an Bildern und so abwechslungsreich, dass es eine Schande wäre, das Teuflische über das Göttliche siegen zu lassen.

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