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Kommentar von Karsten Koblo, aus-erlesen.de | 09.04.2022

Bei all den sintflutartigen Beschreibungen des Rheins ist man oft gewillt ihm Zahlen entgegenzustellen. Über eintausenddreihundert Kilometer lang, sechs Länder, sie sich Anrheiner nennen dürfen. Drei Länder, Luxemburg, Belgien, Italien, dürfen sich rühmen ihm „zuzuarbeiten“. Unzählige Burgen säumen seinen Lauf. Und nun? Jetzt haben wir den Salat! Die wichtigste Wasserstraße Europas und nur Zahlen. Keine Romantik. Keine zurückliegenden Erinnerungen. Keine Klischees.
Alfons Paquet machte sich vor knapp einhundert Jahren auf den Weg, um von der Quelle bis zur Nordseemündung des Rheins zu folgen. Ja, er folgte dem Rhein. Wichtig zu wissen, wichtig zu verstehen. Ihn trieb nicht die Entmystifizierung an. Der Erste, der diese Reise tat, war er auch nicht. Er war vielmehr einer von vielen, der den Tornister schnürte und links und rechts des Rheins ins Staunen geriet. Aber, er ist immer noch einer der besten Reporter, der seine Erlebnisse, Eindrücke und Gedanken schriftlich festhielt.
Schon auf den ersten Seiten kramt er die große Wortkeule raus. Mit einem Fingerschnipp sitzt man neben ihm auf Felsen und schaut in die rauschenden Fluten des kleinen Flusses hinab, der sich im weiteren Verlauf zu einem mächtigen Strom ergießt. Wie gesagt, das alles vor einhundert Jahren. Europa, besonders Deutschland keuchte unter der Hinterlassenschaften des Krieges, des es mit anzettelte. Die Inflation galoppierte nicht, sie stampfte in Riesenschritten voran. Wer Milliardär war, war ein armes Schwein. Doch man hatte den Rhein, den deutschesten aller Flüsse. Kaufen konnte man sich dafür auch nichts.
Bis heute ist jedes einzelne Kapitel ein Fest für die Augen und die Sinne. Augenblicklich möchte man die Seiten schließen, die Augen öffnen und sich gen Westen, Norden oder Süden – je nach Ausgangspunkt – begeben. Ausschau halten nachdem, was Alfons Paquet vor einem Jahrhundert einsog und nachforschen, ob die Romantik immer noch an ihrem Platz ist. Als die Engländer den Rhein als romantische Kulisse entdeckten und ein wahrer Rhine-Boom die Folge war, gab es sicherlich viel mehr Orte, an denen man sich ungestört dem Treiben auf dem Fluss hingeben konnte. Kein Eisenbahnlärm, kein Grölen auf Lustdampfern, keine Warteschlangen. Die Faszination Rhein ist ungebrochen. Und dieses Buch wird sie immer wieder aufs Neue entfachen.

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