Nachwuchsförderung der Büchergilde

Walter Benjamins Klassiker

Einbahnstraße

 

 

Neu inszeniert vom IllustratorInnen-Nachwuchs der Hochschule Mainz

 

"Keiner sieht weiter als in den Rücken des Vordermanns"

Aus: Einbahnstraße, Walter Benjamin

 

 

 

 

 

 

 

Michèle Ganser lädt Sie mit ihren wunderbar detailreichen Illustrationen auf eine besondere Entdeckungsreise ein

Von Isabella Caldart

 

„Glücklich sein heißt, ohne Schrecken seiner Selbst innewerden können.“ Einbahnstraße ist eines der ungewöhnlichsten Bücher Walter Benjamins. 1928 erschien das Werk als eine Sammlung von kurzen, aber hochphilosophischen Texten, Fragmenten und Aphorismen. Benjamin verarbeitet hier Eindrücke von seinen Reisen, von Museumsbesuchen, von Gesprächen. Kluge Gedanken, die in den vergangenen knapp hundert Jahren ihre Zeitlosigkeit bewiesen haben. Grund genug für die Büchergilde, dieses Buch neu aufzulegen.

 

Die Büchergilde setzt mit der illustrierten Neuausgabe des Benjamin-Klassikers auf den Nachwuchs: 20 Studierende der Hochschule Mainz, Studiengang Kommunikationsdesign, haben sich mit Einbahnstraße auseinandergesetzt und das Werk ganz eigen interpretiert und illustriert. Die detailreichen Bilder der Gewinnerin Michèle Ganser laden zur intensiven Beschäftigung mit dem klassischen Text ein. „Mit ihr flaniert man durch die Straßen. Das Verschachtelte von Walter Benjamin kommt zum Vorschein, es gibt viele versteckte Anspielungen, die sich wie eine Spurensuche gestalten“, so Cosima Schneider, Herstellungsleiterin bei der Büchergilde und verantwortlich für die Nachwuchsförderung.

 

 

Die Schrift Einbahnstraße von Walter Benjamin ist nach dem 2018 veröffentlichten Fragebogen von Max Frisch das zweite gemeinsame Projekt der Hochschule Mainz und der Büchergilde. Das Besondere an der Hochschule Mainz: Die Studiengänge sind sehr offen gehalten; es wird kein spezialisierender Master angeboten, sondern auf Vielfältigkeit und die Vernetztheit verschiedener Disziplinen und Berufsrichtungen geachtet. Zu den Säulen des Masterstudiums gehören Illustration, Editorial Design, Typografie und Werbung. „Es ist ein intermediales Projekt, bei dem Synergien geschaffen werden, anstatt verschiedene Module nebeneinanderlaufen zu lassen“, erläutert Monika Aichele, Professorin für Illustration und Zeichnen und Leiterin der Fachrichtung Kommunikationsdesign.

 

Doch noch vor den Illustrationen der Studierenden stand das Textverständnis. Um Einbahnstraße in all seiner Tiefe zu begreifen, arbeitete der Kurs eng mit der Literaturwissenschaftlerin Dr. Karen Knoll zusammen. „Wir haben den Text richtig auseinandergenommen. Karen Knoll hat uns die politischen Hintergründe erläutert, Vergleiche gezogen, all unsere Fragen beantwortet“, erzählt Aichele mit Begeisterung. „Die Leute lechzen geradezu nach der Durchdringung von Inhalten. Das passiert fast gar nicht mehr, weil sich alles darauf konzentriert, was die Technik vorgibt.“ In einem nächsten Schritt überlegten die Studierenden, wie Einbahnstraße illustriert werden könnte.

 

„Wir wollten den Text auf keinen Fall doppeln, also etwa die Straßen von Berlin, die beschrieben werden, auch zeichnen. Dadurch wird die Fantasie des Leses eingeschränkt. Unser Konzept war, ein Zweitwerk zu kreieren, das Benjamins Vorlage interpretiert oder für das sie als Inspiration dient."

Monika Aichele, Professorin für Illustration und Zeichnen / Leiterin der Fachrichtung Kommunikationsdesign, Hochschule Mainz

 

 

 

 

Der hohe Aufwand der Textinterpretation und anschließenden Illustration hat sich mehr als gelohnt. „Wenn ich mir die Ergebnisse anschaue, wünsche ich mir diese Kooperation sehr viel häufiger“, sagt Cosima Schneider begeistert. Unter den zwanzig Arbeiten der Studierenden überzeugten letztlich insbesondere die sachlichen und doch detailverliebten Illustrationen der 1995 geborenen Michèle Ganser das Team der Büchergilde Gutenberg. „Es ist ein bisschen wie Benjamins Text: Auf der oberflächlichen Ebene wirkt es leicht, ist es aber nicht.“ Entsprechend auch das Leitmotiv aus Einbahnstraße, das Michèle Ganser selbst wählte: „Keiner sieht weiter als in den Rücken des Vordermanns“ – um genau dies dann zu brechen.

 

„Walter Benjamin war der Gesellschaft gegenüber kritisch eingestellt. Seine Intention versteckt sich hinter umfangreichen Beschreibungen. Deswegen sind auch Michèle Gansers Bilder voller Details, eine spielerische Herangehensweise an diesen komplizierten Text. Michèle gelingt es gekonnt, kleine versteckte Elemente in den Illustrationen unterzubringen.“ 

Cosima Schneider, Herstellungsleiterin der Büchergilde


 

 

 

Bei aller Begeisterung für Gansers Illustrationen: Leicht fiel der Büchergilde die Wahl nicht, unter den zwanzig großartigen Interpretationen von Benjamins Einbahnstraße nur eine zu wählen, wie Schneider verrät. Deswegen entstand schließlich die Idee, neben Einbahnstraße mit Illustrationen von Michèle Ganser das begleitende 68-seitige Magazin Räuber am Weg zu produzieren, das auch die Vorschläge der anderen neunzehn KünstlerInnen zeigt.

 

Auch wenn die Kooperation mit dem Masterstudiengang der Hochschule Mainz erst vor zwei Jahren mit Max Frischs Fragebogen ihren Anfang nahm, so hat sich die Büchergilde traditionell der Nachwuchsförderung verschrieben. Etwa mit dem Gestalterpreis, der seit zwanzig Jahren biennal verliehen wird und zuletzt an Yannick Held ging, der Für eine schlechte Überraschung gut des finnischen Schriftstellers Arto Paasilinna illustrierte.

 

Stichwort Nachwuchsförderung: Wird es weitergehen mit der Zusammenarbeit zwischen der Hochschule Mainz und der Büchergilde Gutenberg? In Mainz würde man sich freuen, und auch bei der Büchergilde kann man sich das gut vorstellen. Der Verlag sei aber auch offen für Kooperationen mit anderen Hochschulen. Wichtig ist und bleibt primär die Unterstützung junger Talente, „weil sie einen neuen Blick auf Texte, Buchgestaltung, Typografie und die Welt ermöglicht“. Man könne viel von ihnen lernen, wie Schneider betont. Die Nachwuchsförderung von GestalterInnen und IllustratorInnen bleibt auch in Zukunft ein Hauptaugenmerk der Büchergilde Gutenberg.