26. März 1969: B. Traven und die Büchergilde

Vor 50 Jahren starb unser Autor der ersten Stunde.

 

Von Ralf Höller

B. Traven © Wikimedia Commons

B. Traven hieß der Autor, Die Baumwollpflücker sein Roman. Am 21. Juni 1925 erschien die Ankündigung des Buches in der SPD-Parteizeitung Vorwärts. Sie stach Ernst Preczang sofort ins Auge. Der Cheflektor der ein Jahr zuvor gegründeten Buchergilde Gutenberg war auf der Suche nach Stoffen, die ein gewerkschaftsnahes, klassenbewusstes, bildungsbeflissenes Publikum bedienten. „Die mitgeteilten Tatsachen“, hieß es im Vorwärts, „sind brutale Wahrheit. Der Verfasser B. Traven spricht aus eigener bitterer Erfahrung, (…) kennt das Proletarierleben in Mexiko, in Nordamerika, in Zentralamerika. Als Ölmann, als Farmarbeiter, als Kakaoarbeiter, Fabrikarbeiter, Tomaten- und Apfelsinenpflücker, Urwaldroder, Maultiertreiber, Jager, Handelsmann unter den wilden Indianerstammen der Sierra Madre, wo die ‚Wilden‘ noch mit Pfeil, Bogen und Keule jagen, ist er tätig gewesen.“

Der Autor von Die Baumwollpflücker war in Deutschland kein Unbekannter, wenn auch, was Preczang zu diesem Zeitpunkt nicht wissen konnte, unter anderem Namen. Als Ret Marut, ein Pseudonym, wurde er steckbrieflich gesucht. Ein Feldgericht hatte nach der Zerschlagung der Münchener Räterepublik schon das Todesurteil über ihn gesprochen. In letzter Minute konnte Marut türmen, tauchte unter- und fünf Jahre später im mexikanischen Bundesstaat Tamaulipas wieder auf. Von dort meldete er sich als B. Traven beim Vorwärts – ebenfalls ein Pseudonym, wie mittlerweile bekannt ist.

Preczang war völlig elektrisiert. Da schrieb ein Abenteurer und Außenseiter, politisch links stehend und womöglich literarisch begabt, authentische Berichte aus einem Dschungelland, dessen Lebens- und Arbeitsbedingungen sich nach näherem Hinsehen gar nicht so sehr von denen heimischer Werktätiger unterschieden. Diese Mischung aus exotischem Ambiente und proletarischem Alltag würde gewiss doch auch Leser der Büchergilde in ihren Bann ziehen. Preczang hatte nur ein Problem: die Adresse des Schriftstellers. Mit der Finte, einen Dankesbrief an den Autor der Baumwollpflücker schreiben zu wollen, luchste er sie dem Vorwärts ab. „Verehrter Mister Traven!“, schrieb Preczang; er lese den Roman „mit großem Vergnügen“. Und weiter: „Das einzigartige ‚Milieu‘, die frische und natürliche Darstellung und nicht zum wenigsten Ihr Humor ließen in mir den Wunsch entstehen, unsere Mitglieder, die sich über ganz Deutschland und die angrenzenden deutschsprachigen Gebietsteile verbreiten, mit Ihnen bekannt zu machen. Ich frage deshalb: Können wir eventuell die deutsche Buchausgabe Ihres Romans bekommen?“

Preczang konnte – und bekam noch mehr: Bevor das Jahr zu Ende war, lieferte Traven drei weitere Romane ab. Es war der Beginn einer wunderbaren Zusammenarbeit. Allein von Das Totenschiff wurden in den nächsten Jahren 100 000, von sämtlichen Werken zusammen bis 1936 eine halbe Million Exemplare verkauft. Da war die Büchergilde bereits von den Nationalsozialisten gekapert, nur in Prag, Wien und Zürich existierte sie in der ursprünglichen Form weiter. Dennoch stieg die Gesamtauflage des Buchs auf 30 Millionen, die Werke wurden in 40 Sprachen übersetzt.

„Hauptgrund des Erfolgs“ war laut Preczang „die Verbindung von Bekanntem und Fremdem: einerseits der dem Leser aus seinem Alltag bekannte Emanzipationskampf des Proletariers, sein Trotz, seine Auflehnung und sein Ringen um Freiheit, Gerechtigkeit und kulturelle Teilhabe, andererseits der Fremdreiz des Exotischen“. Kaum weniger zum Erfolg trug die Geheimniskrämerei des Autors bei. „Kein Bild von mir“, hatte Traven zur Bedingung gemacht, aber immerhin das Entstehen der Baumwollpflücker in einem Umfeld ohne Umlaute geschildert: „Den Roman schrieb ich in einer Indianerhuette im Dschungel, wo ich weder Tisch noch Stuehle hatte und mir ein Bett aus zusammengeknuepftem Bindfaden in der Art einer noch nie erlebten Haengematte selbst machen musste. Der naechste Laden, wo ich Papier, Tinte oder Bleistifte kaufen konnte, war fuenfunddreissig Meilen entfernt. Ich hatte gerade sonst nichts anderes zu tun und hatte ein wenig Papier. Es war nicht viel und ich musste es auf beiden Seiten beschreiben mit einem Stueck Bleistift und als das Papier zu Ende war, musste auch der Roman zu Ende sein, obgleich er dann erst anfangen sollte. Ich gab das Manuskript, das ich in der unleserlichen Form niemand haette einsenden koennen und das so niemand gelesen haette, einem Indianer mit, der zur Station ritt, und sandte es nach Amerika zum Abschreiben in der Maschine.“

 

Ralf Höller ist Historiker und Journalist. Er lebt und arbeitet als freier Autor in Bonn.

Die von Jürgen Wölbing illustrierte Ausgabe von "Das Totenschiff" erschien 1999