Das eine ist die Wut ...

Petra Piuk © Jürgen Sander

Die Wiener Autorin Petra Piuk über ihren ungewöhnlichen satirischen Roman Toni und Moni oder: Anleitung zum Heimatroman, über die Wirklichkeit in österreichischen Dörfern und den Spieltrieb als Antrieb beim Schreiben.

Das Gespräch fand auf der Frankfurter Buchmesse 2018 statt.

 

Die Fragen stellte Jürgen Sander

Frau Piuk, sind Sie mittlerweile zu einer Lesung in das Wirtshaus Ihres Geburtsorts eingeladen worden?

Nein, ich warte noch. Ich wurde oft gefragt, ob ich im Dorf in einem Gasthof lesen würde. Ja, gerne, aber ich warte noch auf die Einladungen.

 

Der Schauplatz in Ihrem Roman ist fiktiv, aber ich habe mich doch gefragt, ob Ihr Geburtsort Güssing Vorbild dafür war?

Ich wurde in Güssing geboren und bin die ersten zwei Jahre in einem kleinen südburgenländischen Dorf namens Kuckmirn aufgewachsen. Der Ort Schöngraben an der Rauscher ist ein fiktiver Ort, den ich mir aus ganz vielen österreichischen Gemeinden zusammengebastelt habe.

 

Woher kam überhaupt der Impuls, ausgerechnet einen Heimatroman zu schreiben?

Mein Thema anfangs war häusliche Gewalt, Sexismus und Rassismus. Das ist ein Thema, das mich in meinen Texten immer begleitet hat. Zunächst gab es diese Nicht-Liebesgeschichte von Toni und Moni. Dann habe ich für diese Geschichte eine passende Form gesucht. Ich spiele gerne mit Formen und will, dass Form, Inhalt und Sprache zusammenpassen. Dann hat ein Bekannter halb im Scherz zu mir gesagt: „Warum schreibst du nicht einen schönen Heimatroman?“ Das war das Element, das mir gefehlt hatte, um einen Gegenpart zu dieser Geschichte der häuslichen Gewalt zu haben. Ich habe mich dann mit Heimatromanen beschäftigt, habe Schlagermusik gehört und Heimatfilme angesehen. Daraus entwickelte sich die Idee, diese brutalen Geschichten in 37 Kapitel zu packen.

 

Sie haben auch sehr genau recherchiert, haben Bürgermeister, Einwohner und verschiedene Leute interviewt, um herauszufinden, was in den Dörfern so passiert. Wie offen – oder weniger offen – wurde damit umgegangen?

Ich habe mir schon früher Notizen gemacht. Als dann klar war, dass ich mit dieser Form arbeiten will, habe ich gezielt Interviews geführt. Einzeln in Haushalten, aber auch am Stammtisch, und das ganz offen. Ich habe ein Diktiergerät hingelegt und erzählt, was ich mache, auch um herauszufinden, welche Klischees es heute noch gibt. Dann war ich sehr verwundert, dass die Leute sehr offen erzählt haben, solange es um andere ging.

 

Das Nachbardorf war immer schlimmer?

Ja, genau. Es hatte auch jeder eine Geschichte zu erzählen. Es gibt im Buch ein Sodomie-Kapitel – ich dachte, das ist ein altes Klischee, das gibt’s heute nicht mehr. Es konnte mir aber jeder eine Geschichte dazu erzählen. Deswegen findet sich dieses Kapitel im Buch. Homosexualität war auch ein Thema, bei dem ich gedacht habe, dass die Menschen schon offener wären. Man merkt aber, sie sind es nicht. Einer sagte mir beispielsweise, dass er nichts gegen Homosexuelle habe, doch die Hand würde er ihnen nicht geben.

Aber unruhig und angriffslustig wurden die Leute, als es um die NS-Vergangenheit ging. Da habe ich diese klassischen österreichischen Argumente gehört: Wir waren nicht schuld, wir haben nichts verbrochen. Dieser Mythos lebt noch sehr stark in den Köpfen.

Es gibt im Buch auch eine ganze Reihe von Redensarten, die jeder kennt, etwa „Ein Indianer kennt keinen Schmerz“ oder „Eine Watschn hat noch niemand geschadet“. Das macht ja auch deutlich, wie die Haltung zur Gewalt ist.

Das sind Zitate und Binsenweisheiten, die ich noch aus meiner Kindheit kenne und die ich nach wie vor höre. Mir ist aufgefallen, dass viele Leute das gar nicht hinterfragen. Und in Toni habe ich eine Figur entwickeln wollen, die alles eins zu eins nimmt, nichts hinterfragt. Dann arbeite ich mit Schlagertiteln, die ich in meinen Roman eingebaut habe. Viele dieser Texte sind frauenverachtend und gewaltverherrlichend. Da gibt’s ein Lied, das heißt: „Nein heißt ja, wenn man lächelt so wie du“. Man muss sich mal überlegen, was das bedeutet. Das habe ich in eine Vergewaltigungsszene montiert. Da vergeht einem das Schunkeln hoffentlich. Ich habe einige Menschen darauf angesprochen, auch Frauen, und gefragt, ob sie wissen, was sie da singen, und dann kam die Antwort: „Ach das meint der doch nicht so ... der meint das ja nur lustig.“

 

Den ganzen Tag Schlagermusik hören. Das klingt wie eine Art Folter.

Es waren vor allem meine Mitbewohner in Rom, die gelitten haben. Ich war zwei Monate mit einem Stipendium in Rom und habe den Roman zum großen Teil dort geschrieben. Zu dieser Zeit hat in Österreich die Bundespräsidentenwahl stattgefunden. Ich habe wirklich den ganzen Tag Schlagermusik gehört, die Texte mitgeschrieben. Aber dann gab es auf einmal den Punkt – ich kannte dann den Text schon auswendig –, bei dem ich angefangen habe, mitzuwippen. Das habe ich in den Fußnoten verarbeitet.

 

Wir müssen auch über die Struktur des Romans reden.

Es gibt 37 Kapitel in diesem Roman und es sind die typischen Themen, die ein Heimatroman beinhaltet. Etwa „Eine schöne Musik“, „Ein fescher Dorfheld“, „Eine heile Welt“, ein „Wir-Gefühl“ bis hin zu „Ein glückliches Ende“. Und diesen Themen habe ich den brutalen Inhalt der Familiengeschichte von Toni und Moni gegenübergestellt. Toni erfährt ja ganz viel Gewalt in der Familie und gibt das auch weiter. Die Geschichten beruhen alle auf Zeitungsartikeln, die ich gesammelt habe. Diese Zeitungsmeldungen tauchen auch im Roman auf, wie etwa „Gesunde Watschn ist noch immer aktuell“ oder „Jedes zweite Kind wird geschlagen“ oder auch Artikel zum Thema sexuelle Gewalt.

 

Und dann gibt es noch eine auffällige Sache, nämlich das Wechselspiel der Stimmen. Es gibt die Stimme der Autorin, es gibt auch noch die Stimme der Schriftstellerin, die Stimme der Lektorin und es gibt noch Leserbriefschreiberinnen.

Ich habe zwei Motoren, die mich beim Schreiben antreiben. Das eine ist die Wut. Ein Thema muss mich wütend machen, muss mich bewegen. Und das andere ist mein Spieltrieb. Es war anfangs so, dass die Frau Schriftstellerin und die Figur der Autorin, der Petra Piuk im Roman, in der Haupthandlung auftauchen. Und dann dachte ich, das ist zu verwirrend. Und so habe ich Petra Piuk in die Fußnoten gepackt. Zunächst waren es nur zwei, drei Fußnoten. Diese Korrespondenz zwischen Autorin und Lektorin hat mir so großen Spaß gemacht, dass sich daraus fast eine eigene Geschichte entwickelt hat, die sich dann mit der Haupthandlung wieder vermischt.

Herausgekommen ist eine sehr bissige Satire. War dies von Anfang an geplant?

Mein erster Roman war schon eine Satire. Bei dem zweiten Roman wollte ich eine ernste Geschichte schreiben, aber es ist mir nicht gelungen. Anscheinend ist das mein Naturell, das sich dann durchgesetzt hat. Es sind zwar ernste Themen, die da verhandelt werden, aber ich hatte wirklich großen Spaß, das zu schreiben.

 

Man kann das ja auch in größerem politischem Rahmen sehen. Es gab in der jüngeren Vergangenheit größere politisch-gesellschaftliche Umwälzungen. Da war Österreich vielleicht ein bisschen schneller als Deutschland. Die Gesellschaften bewegen sich ja nach rechts.

Mittlerweile hat die Wirklichkeit den Roman eingeholt. Ich habe viele politische Zitate in meinen Roman eingebaut. In einer Zeitschrift, herausgeben von Norbert Hofer, dem rechten Präsidentschaftskandidaten der FPÖ, steht zum Beispiel der Satz: „Es ist doch immer das Gleiche mit den Dirndln, sie halten ihre gewollte Schwängerung später aus einer Laune heraus für einen sexistischen Übergriff.“ Mit solchen Zitaten arbeite ich. Darüber hinaus verwende ich auch Zitate aus Propagandafilmen. Es ist erschreckend, wie sehr sie aktuellen Zitaten ähneln. Gemeinsam haben sie diese Entmenschlichung, diese Verdinglichung. Damals wie heute spricht man von Parasiten oder von Frauen als Brutpflege-Betrieben. Es ist erschreckend, wie ähnlich das ist und wie sich heute die Grenzen immer mehr verschieben.

 

Wie ist denn die Rezeption Ihres Buches?

Von ganz vielen höre ich, das sei wie in ihrem Dorf. Ich bekomme auch sehr viele Zuschriften. Ein Leser hat mich als pathologische Nestbeschmutzerin beschimpft. In Österreich ist man sehr schnell eine Nestbeschmutzerin, wenn man hinter die Fassade schaut. Aber es ist mir ein Anliegen, hinter die Fassade zu schauen und nichts zu verschweigen. Die Gewalt ist ja nach wie vor ein Tabu-Thema, es wird nicht darüber geredet und jeder schaut weg. Aber ich will nicht wegschauen. Ich will ganz genau hinschauen, um das Tabu zu brechen.

 

Wir bedanken uns bei Petra Piuk für das Gespräch.