Echte Integration statt Dekorationsmigranten

Gut gemeintes Fördern und Fordern verhindert echte Integration und macht Migranten zu Bittstellern statt Mitbürgern, meint die Philosophin Assya Markova. In Zuckerbrot und Peitsche analysiert sie die falschen Weichenstellungen der deutschen Politik mit schonungsloser Klarheit.

 

von Carsten Tergast

Als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 den Deutschen ein nachdrückliches „Wir schaffen das!“ ins Stammbuch schrieb, drohte die Migrationsdebatte angesichts des stark ansteigenden Zustroms von Flüchtlingen aus dem Ruder zu laufen. Schwelte die Debatte um Migration und Integration vorher eher vor sich hin, ist sie seitdem öffentlich heißgelaufen und bedarf pointierter Stellungnahmen und Ideen, wie das Zusammenleben von Menschen unterschiedlicher Herkunft in diesem Land besser gelingen kann.

 

Der Essay Zuckerbrot und Peitsche der bulgarischen Autorin Assya Markova, die in Deutschland lebt und sich vor allem als Europäerin fühlt, ist solch eine Stellungnahme und besticht durch seine schonungslose Darstellung der Mythen und Lügen, mit denen Deutschland sich seine Integrationsbemühungen häufig schönredet. Markova seziert das Gerede von der deutschen Leitkultur, die sich scheinbar in Dingen wie ritualisiertem Händeschütteln äußert, genauso, wie sie die Verschränkung des Vermummungsverbots auf Demonstrationen und dem Tragen einer Burka als Unsinn entlarvt.

 

„Diese Art der Argumentation ist natürlich kompletter Bullshit“

Wenn dann Sätze fallen wie „Diese Art der Argumentation ist natürlich kompletter Bullshit...“, merkt man Assya Markova an, dass es ihr nicht darum geht, den analytischen Duktus einer promovierten Philosophin durchzuhalten. Markova brennt für ihr Thema, sie schaut nicht nur von oben darauf, sie ist mittendrin, und so gehen ihr an einigen Stellen auch mal sprachlich die Pferde durch – eine starke Stimme, die dabei aber nicht einfach in Parolen abrutscht. Gerade das macht dieses Buch so authentisch.

 

Die Autorin zeigt auf, wie die Würde des Menschen, die das deutsche Grundgesetz so explizit schützt, im offiziellen Integrationsprozess verloren zu gehen droht und an ihre Stelle Demütigung und sinnlose Repression tritt. Dabei spricht aus den Worten Markovas jedoch nie Verachtung für das Land, in dem sie (gerne) lebt, sondern der Leser spürt die ehrliche Bemühung, eingefahrene und vorurteilsbehaftete Prozesse aufzubrechen, um letztlich das Zusammenleben aller besser zu machen.

„Das dominierende Integrationsparadigma ist viel zu misstrauisch gegenüber menschlichen Fähigkeiten, menschlicher Intelligenz, menschlicher Sensibilität, menschlichen Plänen.“

 

Dazu muss der Finger bisweilen in die Wunden, die diese Prozesse schlagen, gelegt werden, und das gelingt der Autorin mit bemerkenswerter Klarheit. Sie plädiert dafür, Migranten nicht nur zu tolerieren, sondern sie einzubinden in die demokratischen Prozesse im Land: „Das dominierende Integrationsparadigma ist viel zu misstrauisch gegenüber menschlichen Fähigkeiten, menschlicher Intelligenz, menschlicher Sensibilität, menschlichen Plänen.“ Nicht umsonst nutzt Markova hier die viermalige Wiederholung des Wortes „menschlich“ als rhetorisches Mittel. Denn das Menschliche ist es, das sie in der Integrationsindustrie, wie sie sich etabliert hat, eliminiert sieht. Das Menschliche jedoch, so das Plädoyer des Buches, ist das, was im Integrationsprozess eigentlich im Vordergrund stehen sollte.

 

So ist letztlich die eine oder andere starke oder sarkastisch angehauchte Formulierung  im Text letztlich nur Assya Markovas unbedingtem Willen geschuldet, durch klare Benennung der Probleme die Suche nach Lösungen zu beschleunigen. Diese Lösungen, so ist die Botschaft der Philosophin, liegen in einer Abkehr vom aufgezwungenen Deutschsein und der Betonung der individuellen Fähigkeiten jedes einzelnen Menschen, der sich für Deutschland gerade deshalb entschieden hat, weil es sich nach außen als offenes und demokratisches Land präsentiert.

 

 

Carsten Tergast arbeitet in seiner Heimatstadt Leer/Ostfriesland als freier Journalist und Buchautor. In den letzten zehn Jahren hat er mehr als 30 Bücher begleitet, viele davon als Ghostwriter.