Ein Plot, so berühmt wie sein Verfasser

Wien 1945: In den Trümmern des Zweiten Weltkriegs blüht der Schwarzmarkt, und Rollo Martins steht vor einem Rätsel – war sein Jugendfreund Harry Lime tatsächlich der gewissenlose Kopf einer Schieberbande? Mit Der dritte Mann schuf Graham Greene einen zeitlosen Kriminalroman.

Von Lisa-Marie Schöttler

In der Pressgasse 25 in Wien findet man ein Museum, das nicht nur eine Anlaufstelle für Filmfreunde ist, sondern sehr authentisch vom Wien der Nachkriegszeit berichtet. Gerhard Strassgschwandtner und Karin Höfler haben sich dort einem Thema verschrieben, mit dem die Österreicher ihre Mühe zu haben scheinen. Ausgehend von dem Filmklassiker Der dritte Mann haben sie eine einzigartige private Sammlung aufgebaut. Das besetzte und zerstörte Wien und die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte des beispiellosen Films werden dokumentiert – 13 Räume mit 2300 Originalexponaten erwarten die Besucher. Und die Künstlerin Annika Siems war beeindruckt von dem, was sie im vierten Bezirk vorfand. Im April reiste die Hamburgerin nach Wien, um sich selbst einen Eindruck von der im Roman beschriebenen Atmosphäre zu verschaffen. Den Film – so bekannt wie einprägsam – wollte sie mit ihrem illustrierten Buch nicht kopieren. Siems lag viel daran, die Stimmung in der vom Krieg zerstörten Großstadt einzufangen und sich dabei nicht zu sehr in der realistischen Darstellung einzelner Figuren zu verlieren. Einfach war es nicht, dieses Vorhaben angemessen umzusetzen. Denn Bilder vom zerstörten Wien, gar Bewegtbildaufnahmen aus der Zeit nach dem Krieg, gibt es kaum. Selbstverständlich, so sagt sie, hätte sie sich an dem abarbeiten können, was von deutschen Großstädten bekannt ist. Doch um die Schlüsselszenen aus Der dritte Mann authentisch umzusetzen, wollte sie sich selbst ein Bild machen.

Seit vier Jahren Arbeitsmittelpunkt und Entstehungsort der Tuschezeichnungen zu Greenes Krimiklassiker ist das Atelier Igor und die anderen in Hamburg-Ottensen. Besonders faszinieren Annika Siems’ großformatige Arbeiten, denen sich der Betrachter hier kaum entziehen kann. Handwerk und Haptik haben für die Künstlerin einen besonderen Stellenwert – das ist auch für den Laien auf den ersten Blick ersichtlich. Dass aus Zeit- und Budgetgründen in der Illustration mittlerweile oft digital gearbeitet werden muss, bedauert sie sehr. Neben dem Schreibtisch stehen allerhand Ölfarben, mit denen Annika Siems vorwiegend arbeitet, sowie mehrere große Glasgefäße mit Hunderten Pinseln. Auf ihrer Staffelei ist gerade ein Bild aus unserem illustrierten Buch aufgespannt. Eine Skizze und eine Farbstudie zu dem Motiv existieren bereits, denn von der Idee bis zum fertigen Blatt braucht es drei Arbeitsschritte. Zunächst entsteht die grobe Bleistiftskizze, um das Motiveinzuschätzen und abzuwägen, ob es sich tatsächlich zur Umsetzung eignet. Anschließend fertigt Annika Siems zu dem ausgewählten Motiv eine Farbstudie an. In diesem Fall eine Hell-dunkel-Studie, die bereits einen guten Eindruck vom fertigen Aquarell vermittelt. Anders als sonst hat die studierte Illustratorin sich für diesen Auftrag auf einen einzigen Farbton beschränkt: In Sepia setzen sich die Bilder von dem bekannten Schwarz-Weiß-film von Carol Reed aus dem Jahr 1949 ab und haben eine ganz eigene, sehr spezielle Aura. An Der dritte Mann begeistert Annika Siems insbesondere die historische Perspektive und der hohe künstlerische Anspruch, der mit der Umsetzung eines solchen Titels verknüpft ist. Eine erste Inspirationsquelle fand sie in der exzellenten Umsetzung von Fliegenpapier von Dashiell Hammet, illustriert von Hans Hillmann, ein Werk, das sie bereits in ihrer Studienzeit für sich entdeckte. Zehn Jahre lang – von 1972 bis 1982 – arbeitete der 2014 verstorbene Künstler an dem Buch, das zu einem Meilenstein für die Graphic Novel wurde. Über die Anfrage aus der Büchergilde freute sich Siems auch deshalb, weil die Arbeit an diesem Projekt eine willkommene Abwechslung mit sich brachte. Denn als Reaktion auf ihr Diplombuch Meister der Tarnung. Überlebenskünstler in der Tierwelt wird die Hamburgerin hauptsächlich für die Illustration von Flora und Fauna angefragt. Seit ihr Debüt 2012 beim Gerstenberg Verlag erschien, ist sie für ihre feinfühligen und einprägsamen Naturdarstellungen bekannt und fand so auch ihren Weg zur Büchergilde Gutenberg – mit ihrem farbintensiven Cover zu Lily Kings Roman Euphoria, das im zweiten Quartal 2016 auch das Magazin zierte. 

Bevor Annika Siems sich dem Studium der Illustration widmete und dafür auch ein Jahr an der École nationale supérieure des Arts Décoratifs in Paris verbrachte, war sie zunächst als Modedesign-Studentin eingeschrieben. Persönliches Interesse und ein Mangel an interessanten Arbeitsperspektiven ließen sie jedoch das Fach wechseln. Was sie an ihrem Beruf seither begeistert, ist die unerschöpfliche Vielseitigkeit: Mit jedem neuen Auftrag kann sie sich in einem anderen Feld neuen Herausforderungen stellen und sowohl für Museen als auch für Verlage, Magazine und Unternehmen arbeiten. Gleichermaßen ist diese Umtriebigkeit aber auch dem Umstand geschuldet, dass es IllustratorInnen meist nicht möglich ist, allein von der Arbeit an Büchern zu leben. Dass Mühe und Hingabe sich dennoch lohnen, beweist das entstandene Buch. Mit ihrem Gespür für Licht und Schatten und einem feinsinnig arrangierten Storyboard setzt Annika Siems einem der größten Autoren des 20. Jahrhunderts ein imposantes Denkmal.

GEWINNSPIEL

Senden Sie uns bis zum 30. Mai 2017 ein Foto Ihrer persönlichen Ausgabe von Graham Greenes Romans Der Dritte Mann – gern auch aus einem anderen Verlag – unter dem Stichwort „Gewinnspiel“ postalisch an diese Adresse: 

Büchergilde Gutenberg Verlagsgesellschaft mbH
Stuttgarter Straße 25–29
60329 Frankfurt a. M. 
oder per Mail an: service@buechergilde.de

Unter allen Einsendungen verlosen wir 4 x 2 Freikarten für das Dritte Mann Museum in Wien

DRITTE MANN MUSEUM | 
SAMMLUNG STRASSGSCHWANDTNER
GEÖFFNET JEDEN SAMSTAG 14–18 UHR
Pressgasse 25, 1040 Wien
Eintritt: Erwachsene € 8,90; ermäßigt € 6,90