BÜCHERGILDE INTERVIEW

 

"Ein Heldinnenepos hat es bisher nie gegeben"

 

Anne Weber im Gespräch mit der Büchergilde

 

Zu Gast in Frankfurt: Anne Weber berichtet über die Monate nach ihrer Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis 2020, gibt Einblicke in das Schreiben und Übersetzen eines Heldinnenepos und erzählt, warum die besondere Form des Versepos eigentlich ganz simpel ist.

 

Anne Weber zu Gast bei der Büchergilde in Frankfurt

 

Die Fragen stellten Laura Sprenger und Marie-Theres Stickel.

 

 

Liebe Frau Weber, wir freuen uns sehr, Sie bei der Büchergilde zum Gespräch begrüßen zu dürfen. Sie leben in Paris, gebürtig sind Sie aus Offenbach und zurzeit sind Sie Stadtschreiberin von Bergen, einem Stadtteil von Frankfurt. Wie ist es für Sie, in Frankfurt zu sein?

 

Ich bin nur auf der Durchreise in Frankfurt. Meine Mutter wohnt in der Nähe, dort war ich vorher für eine Weile. In Bergen-Enkheim habe ich in der letzten Woche zwei, drei Tage verbracht. Das Reisen ist gerade schwierig, weil man bei der Ein- und Rückreise einen Test machen oder sogar in Quarantäne muss. Und es ist momentan ja auch nicht sinnvoll, ständig hin- und herzureisen.

 

Im Stadtschreiberhaus werde ich mich daher nicht viel aufhalten, zumal ich leider nicht das umsetzen kann, was ich vorhatte. Meine Idee war, dass die Einwohnerinnen und Einwohner zu mir kommen und mir eine Geschichte erzählen. An zwei Tagen im Herbst, als es noch möglich war, sind ein paar Bergen-Enkheimer bei mir gewesen, aber das wird wohl nun nicht mehr gehen. Jetzt überlege ich vorzuschlagen, dass mir die Menschen per Telefon oder Skype etwas erzählen; oder vielleicht später in diesem Jahr im Sommer, wenn man zusammen spazieren gehen kann. Es ist natürlich alles sehr gestört und gehemmt durch diese Sache gerade.

Wie auch Ihre anderen Bücher haben Sie Annette, ein Heldinnenepos sowohl auf Deutsch als auch auf Französisch veröffentlicht und selbst übersetzt. Haben Sie mit der Übersetzung noch andere Seiten des Heldinnenepos entdeckt?

 

Nicht direkt, aber bei der deutschen Fassung, die ich zuerst geschrieben habe, hatte ich im Hinterkopf, dass deutschsprachige Menschen das Buch lesen würden, die wahrscheinlich relativ wenig über den Algerienkrieg wissen. Auch wenn ich beim Schreiben nicht konkret an einen bestimmten Leser denke, wurde die deutsche Fassung in dieser Hinsicht etwas erklärender. Ich habe aber versucht, diese Informationen in den Erzählfluss einzuweben und nicht fußnotenartig dazwischenzusetzen. So hat man nicht das Gefühl, hier wird mir jetzt etwas erklärt.

 

Ansonsten gibt es Unterschiede, die durch den Rhythmus zustande kommen. So musste ich bei der Übersetzung etwas verändern, damit auch im Französischen ein Rhythmus spürbar wird. An der Geschichte und dem Bild der Hauptfigur Annette hat das Schreiben in beiden Sprachen aber nichts geändert.

Haben Sie denn zur Vorbereitung andere Versepen gelesen oder ganz bewusst nicht, um gewissermaßen freier zu sein?

 

Ein paar Epen habe ich in meinem Leben schon gelesen, die Ilias und die Odyssee, Parzival, das Nibelungenlied. Aber das sind Texte, die ich nicht extra noch einmal gelesen hatte – obwohl, doch, in manche Stellen habe ich während des Schreibens von Annette erneut reingeschaut. Eine Epen-Spezialistin bin ich aber nicht. Ich habe auch nicht Germanistik studiert, sondern bin mit 18 Jahren als Au-Pair-Mädchen nach Frankreich gegangen und habe dort später Französische Literatur studiert. Einen germanistischen, literaturwissenschaftlichen Zugang zum Heldenepos hatte ich daher nicht. Mein Versepos ist eher ein Zusammenstoß meiner Vorstellung und Erinnerung an ein Epos mit der Figur der Annette.

Für uns war es spannend zu erleben, dass wir mit einer anderen Vorstellung an das Buch herangegangen sind und dann gemerkt haben: Es liest sich sehr leicht, eigentlich mehr wie Prosa. Obwohl es formale Beschränkungen und Besonderheiten gibt, fließt es angenehm.

 

Während des Schreibens habe ich auch nicht ständig daran gedacht, ein Epos zu schreiben. Der Text war einfach relativ schnell in einem Rhythmus drin, der wahrscheinlich gar nicht besonders spürbar ist bei den Lesern. Aber wenn ich Annette selbst vorgelesen habe, oder auch schon beim Schreiben, habe ich das gespürt. Binnenreime akzentuieren zudem manchmal den Text, oder Betonungen liegen auf den ersten Silben der Verse – ein  festes Metrum habe ich aber nicht. Und doch ist da etwas, das mich beim Schreiben getragen hat.

 

Es gibt Menschen, die finden diese Form besonders schwierig. Ein ‚Versepos‘ oder ‚Heldinnenepos‘ – das macht manchen Leuten Angst. Aber im Grunde ist jeder Leser von Literatur heutzutage viel kompliziertere Sachen aus Romanen gewöhnt: verschiedene Zeitebenen, eine Vielfalt von Figuren, Überschneidungen, Flashbacks, Fragmentarisches und Gott weiß was. Hier in Annette ist es eine ganz lineare Erzählung von der Geburt dieser Frau an bis heute. Es ist eigentlich ganz simpel.

 

"Mein Versepos ist ein Zusammenstoß meiner Vorstellung und Erinnerung an ein Epos mit der Figur der Annette." Anne Weber

 

Der deutsche Titel Ihres Buches benennt explizit das Genre des Heldinnenepos. Im Französischen bleibt es bei Annette, une épopée ohne nähere Ausführung zur Identität der Heldin. Wie kommt es zu diesem Unterschied – ist er bewusst gewählt?

 

Im Französischen gibt es den Ausdruck des ‚Heldenepos‘ gar nicht. Als stehenden Begriff kennt man dort einfach nur das Epos, ‚une époée‘. Leider – denn ich finde den deutschen Titel besser.

 

Durch die weibliche Form wird im deutschen Titel der Begriff des Heldenepos gebrochen. Das Wort ‚Heldin‘ ist für mich viel eher verwendbar als ‚Held‘ – ich hätte mein Buch nicht ‚Heldenepos‘ genannt, wenn ich anstelle von Annette Beaumanoir einen Mann getroffen hätte. Ein Heldinnenepos gibt es ja eigentlich gar nicht, hat es bisher nie gegeben. Es gab immer nur Heldenepen mit männlichen Helden als Hauptfiguren. Was zum Bruch im französischen Titel beiträgt, ist der charmante, altmodische Vorname ‚Annette‘ (sprich Annett), eine Verkleinerungsform von ‚Anne‘. In Deutschland ist Annette ein sehr gewöhnlicher Vorname – in beiden Sprachen gibt es also beim Titel einen spürbaren Kontrast zum ‚Heldenepos‘, das hat mir besonders gefallen.

Nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises bekamen Sie, Ihr Buch und insbesondere die Protagonistin Annette Beaumanoir viel Aufmerksamkeit. Haben Sie mit Mme Beaumanoir in den letzten Wochen sprechen können? Und können Sie uns etwas über die Reaktionen in Frankreich erzählen?

 

Der Deutsche Buchpreis wurde als Notiz in der französischen Presse erwähnt – ähnlich vielleicht, wie die deutsche Presse umgekehrt über die Vergabe des Prix Goncourt berichtet. Das Buch wurde bereits bei seinem Erscheinen im Frühjahr 2020 groß und auch gut in Frankreich besprochen. Aber es ist dort natürlich nicht zu solch hohen Verkaufszahlen gekommen wie in Deutschland – wo sie ohne die Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis aber sicher auch nicht in diesem Ausmaß zustande gekommen wären.

 

Und ja, mit Annette habe ich häufiger gesprochen. Vor gut zehn Tagen haben wir zuletzt telefoniert. Gesehen habe ich sie leider schon lange nicht mehr, weil das natürlich auch schwieriger geworden ist. Annette sagt immer, sie freut sich – für mich. Ich hoffe ja, dass sie sich auch ein bisschen für sich selbst freut. Wenn wir über die Übersetzungen von Annette sprechen, sage ich oft zu ihr: Jetzt bist du ein Star, das Buch wird ins Englische, Spanische, Italienische, Arabische übersetzt. Und sie antwortet mir darauf dann immer, dass sie sich für mich freut – ob das so ganz stimmt, das weiß ich nicht (lacht).

Traditionell sind die Buchpreis-GewinnerInnen in den Monaten nach der Preisvergabe mit Medienanfragen, Lesungen und anderen Veranstaltungen zeitlich sehr eingespannt. Kommen Sie derzeit überhaupt zum Schreiben oder zum Übersetzen?

 

Zum Übersetzen komme ich auch in solchen Zeiten ganz gut, denn da hat man ja schon eine Vorlage. Für das Schreiben ist es gerade keine gute Zeit, weil ich viele Veranstaltungen habe, von denen die meisten momentan online stattfinden. Es gibt plötzlich so viele Anfragen und E-Mails, die man beantworten muss. Ich beschwere mich natürlich überhaupt nicht darüber. Aber zum Schreiben habe ich gerade keine Ruhe – vielleicht im Herbst wieder.

 

 

Vielen Dank für das Gespräch und Ihren netten Besuch in Frankfurt, Frau Weber!