Mit Büchern unterwegs, in Büchern daheim

Seit drei Jahren ist die Buchhandlung Anna Rahm – Mit Büchern unterwegs die Anlaufstelle für Büchergilde-Mitglieder aus Ravensburg und Umgebung. Dort hat Anna Rahm sich und ihrer Leidenschaft für das gute und schöne Buch ein Zuhause geschaffen.

Von Lisa Ernestine Wagner

© Anja Köhler
© Anja Köhler

Das erste eigene Buch kaufte sich Anna Rahm im Alter von 13 Jahren von ihrem Ersparten. Es war der Lyrikband Ich will dich von Hilde Domin. Noch immer besitzt sie diese Ausgabe: „Dieses Buch ist eine Art Lebensbegleiter für mich geworden.“ Es war für die Jugendliche ein prägendes Erlebnis, dass damals in ihrem Heimatort Willich eine richtige Buchhandlung eröffnete, die auch heute noch existiert. Vorher hatte es nur ein Schreibwarengeschäft mit ergänzendem Buchsortiment gegeben. Als sie den Domin-Band zu Hause vorzeigte, war das Echo jedoch erst einmal ernüchternd. „Warum kaufst du dir nicht ein richtiges Buch?“, hatte die Mutter gefragt. Rahms Begeisterung für Bücher konnte das nichts anhaben.

„Ich war ein richtiges Lesemädchen. Mit Büchern war ich immer in meiner eigenen Welt. Am liebsten saß ich auf einem Kirschbaum und las“, erinnert sich die 49-Jährige. Lange Zeit bezog sie ihren Lesenachschub aus dem Bestand einer fahrenden Bücherei. Der Bücherbus hielt einmal wöchentlich vor ihrer Grundschule und dem Ansturm der Schülerinnen und Schüler kaum stand. „Ich war so ein kleines, zierliches Kind, aber ich habe immer mehr Bücher mitgenommen, als ich eigentlich tragen konnte.“

Mit dem Abitur in der Tasche zog es die Rheinländerin an den Bodensee, ein Studium im Bereich Theater war ihr Ziel. Zur Überbrückung bis zum Semesterbeginn fragte sie in einer Buchhandlung wegen eines Aushilfsjobs an. Eine Aushilfe suchten die nicht, aber sie hatten noch einen offenen Ausbildungsplatz. Mit dem Plan, sich das nur einmal anzuschauen, nahm sie die Stelle an. „Nach zwei Monaten war es beschlossene Sache: Ich bleibe dabei. Ich hatte meinen Traumjob gefunden.“

Anna Rahm blieb lange in ihrem Ausbildungsbetrieb, die Gegend gefiel ihr, das Kollegium passte, sie war stark eingebunden und später leitete sie das Geschäft zwölf Jahre lang. Irgendwann kam der Punkt, an dem eine Veränderung nötig war. Und Rahm, gelernte Buchhändlerin mit einem ausgeprägten Hang zu Italien und der Kindheitserinnerung an den Bücherbus im Kopf, erfand sich den perfekten Beruf: Sie wurde mobile Buchhändlerin.

Schon immer reichten die mitgenommenen Bücher nicht bis zum Ende des Urlaubs und das Angebot an deutschsprachigen Titeln in Italien war überschaubar. 1999 erzählte sie auf der Messe dem Verleger Klaus Wagenbach von ihrem Plan, mit einem deutschen Sortiment durch Italien zu reisen und den Urlaubern Bücher anzubieten. Wagenbachs Reaktion: „Mensch Mädchen, warum bin ich da nie selber drauf gekommen?“ Mit dieser Bestätigung im Rücken stellte sich Anna Rahm ein kleines Sortiment zusammen, schöne Wagenbach-Bücher, Kinderbücher, Reiseführer, und packte alles in ihren Fiat Ducato. Den schmückte mittlerweile ein geschwungener Schriftzug: Mit Büchern unterwegs.

Sieben Jahre lang tourte Anna Rahm so in den Sommermonaten durch Italien und baute auf Campingplätzen neben den Mercati ihre Büchertische auf. „Das war für mich eine ganz freie und beglückende Zeit. Wenn jemand in Badehose, noch nass, direkt vom Strand kommt und in Wagenbach-Büchern blättert. Oder die Leute abends mit der Stirnlampe an den Bus klopfen, weil ich am nächsten Tag weiterfahre. Oder die Kinder schon angelaufen kommen, sobald mein Bus auf den Campingplatz einfährt. Diese Momente vergesse ich nicht.“ Anna Rahm bediente mit ihrem Bücherbus eine Sehnsucht, die im Urlaub eben da ist, sagt sie. Der Zuspruch gab ihr Recht.

In den Wintermonaten blieb sie mobil: Sie ließ sich deutschlandweit als Vertretung in Krankheitsfällen engagieren oder unterstützte Buchhandlungen im Weihnachtsgeschäft. Bei ihrem ersten Einsatz dieser Art begegnete sie dann der Büchergilde – die sie vorher nicht gekannt hatte. „Diese wunderschönen Ausgaben standen in der hintersten Ecke des Ladens. Für mich war das völlig unverständlich. Ich habe mich gefragt, warum dafür nicht mehr gemacht wurde.“ Auch das Geschäft, das sie im September 2013 übernahm, war eine Büchergilde-Buchhandlung, in der das Programm in einem Regal ganz weit hinten untergebracht war. Eine der ersten Veränderungen, die Anna Rahm vornahm, war deshalb, die der Büchergilde vorne, direkt gegenüber den Ausgaben der Originalverlage zu präsentieren. „Die Büchergilde ist eine Zierde, eine Verlockung für alle Kunden, die schöne Bücher lieben.“ Natürlich müsse die Buchgemeinschaft erklärt werden, aber für Rahm und ihre Mitarbeiterinnen ist es das Wichtigste, sich Zeit für Gespräche mit den Kunden zu nehmen. „Wir Buchhändler stehen für Geschichten. Und die der Büchergilde erkläre ich sehr gern, weil mich überzeugt, was die gründenden Buchdrucker damals erdacht haben.“

Anna Rahm bespielt in Ravensburg 52 Quadratmeter, und das mit viel Engagement. Regelmäßig lädt sie zu Veranstaltungen ein und bringt sich so in das kulturelle Leben der Ravensburger ein. Wie kann sie das leisten? „Ich glaube, wenn man das macht, was einem am Herzen liegt, trägt sich das auch. Dann kommen zu einer Buchvorstellung, bei der man sich schon sehr über 20 Gäste gefreut hätte, auch schnell einmal 140.“ Sie versteht sich als Lese-, also als Lebensbegleiterin, sagt sie – und liebt es, ihren Kunden unerwartete Überraschungen zu bieten.

Im Oktober wurde Anna Rahm – Mit Büchern unterwegs mit dem Deutschen Buchhandlungspreis 2016 ausgezeichnet. Auf die Idee, sich darum zu bewerben, hatte sie ein Kunde gebracht und auch die Gratulationen im Nachhinein nehmen kein Ende. „Die Buchhandlung wird auch wirklich von ihren Lesern getragen“, sagt sie, Lesern, die sich in Rahms Sortiment wiederfinden und gerne Bücher-Schätze entdecken. Das Preisgeld will die erfahrene Buchhändlerin ganz in die Unterstützung ihrer Auszubildenden und die Organisation von Veranstaltungen investieren.

Und nun: Wird sie bleiben, in Ravensburg? Oder ist Anna Rahm bald wieder mit Büchern unterwegs? Lang überlegt sie nicht: „Ich habe mit dieser Buchhandlung meinen Traumort gefunden, sie ist ein Zuhause geworden. Hier bin ich umgeben von Freunden, auch von Bücherfreunden. Auf jeden Fall bleibe ich hier.“


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