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Die Verschwiegene Bibliothek: Interview mit Ines Geipel

Ines Geipel zur Inszenierung, der Suche nach verschwiegenen Texten und verdrängten Schicksalen

Ines Geipel
Ines Geipel
© Bernd Lammel

Frau Geipel, Sie gehen in diesem Jahr mit Schauspielstudenten auf eine Lesetour zur weggedrängten Literatur in der DDR. Warum?
Das Jahr 20 nach dem Mauerfall ist ein gutes Jahr, um auf die Schicksale und die Literatur unveröffentlichter ostdeutscher Autoren aufmerksam zu machen. Noch immer weiß die Öffentlichkeit zu wenig darüber. Noch immer sind Namen wie Gabriele Stötzer, Günter Ullmann, Jutta Petzold, Heidemarie Härtl oder Ralf- Günter Krolkiewicz nicht so geläufig wie es etwa die Exilautoren in den Siebzigerjahren – auch nach jahrzehntelangem Beschweigen – im Westen wurden.

Wie entstand die Idee für dieses Projekt?
Die totgeschwiegenen Autoren waren fast alle unglaublich jung, als sie ins Aus katapultiert wurden. Die Schauspielstudenten sind jetzt in demselben Alter. Das ist doch ein Zugang. Ich dachte, da könnte sich etwas begegnen. Die Stasi-Unterlagen-Behörde fand die Idee so überzeugend, dass sie als Veranstalterin eingestiegen ist. Daraufhin habe ich mit meinen Studenten gesprochen, ob sie sich der Materie stellen wollen. Immerhin sollten sie etwas in Augenschein nehmen, woran die Öffentlichkeit bisher.vorbeigeschaut hat: die spezielle Härtesubstanz einer Diktatur, wenn es ums Kreative geht. Sie sagten sofort Ja. Jetzt werden sie auf der Bühne etwas zeigen und verteidigen, was sie nicht aus eigenem Erleben kennen. Das erlangte einiges an Vorarbeit.

Informationen zur Veranstaltungsreihe "Unter Verschluss" »

Zur Homepage "Friedliche Revolution" »

Alle Bände der Verschwiegenen Bibliothek auf einen Blick »

Zum Text von Marianne Birthler »

Die Broschüre "Unter Verschluss" zum Download pdf (1,75 MB) »

Zum Interview mit Gabriele Stötzer »

 

Sie lesen zum Teil auch aus den Stasi-Akten der Autoren und aus Dienstanweisungen des MfS. Wie passt das zusammen?
Die Birthler-Behörde » ist für das "Archiv unterdrückter Literatur in der DDR" paradoxerweise der beste Materialgeber, weil die Texte bei Verhaftungen oft konfisziert und von der Stasi später als Beweismittel für Prozesse genutzt wurden. Nicht selten wurde es aufgrund unserer Recherche möglich, diesen Autoren ihre Texte zurückzugeben. Insofern schien es auch für die Lesung folgerichtig, die konkreten Momente des Zugriffs zu benennen und die Poesie dann dagegenzustellen.

"... die Poesie will immerzu raus, die Stasi-Sprache steht dagegen, hält, greift an, zerreibt, zerstört. Es ging mir um diese Spannung."

Was bekommt denn das Publikum nun zu sehen in »Unter Verschluss«?
Die Collage beginnt ganz konkret am 2. Juli 1984 mit einem Auskunftsbericht zu Ralf-Günter Krolkiewicz, der unmittelbar nach einer Lesung verhaftet wird. Er schreibt in dem Moment rasch noch einen Zettel an die Freundin: »Liebe Sylvia, ich bin von der Stasi abgeholt! Ich weiß nicht, wie lange es dauert. Sei bitte da. Ralf.« Unsere szenische Lesung ist am ehesten das: die Bitte an das Publikum, für 70, 80 Minuten da zu sein, zu hören, was die Autoren, die zu Zeiten der DDR kein Publikum haben durften, tatsächlich zu erzählen haben.
Insgesamt setzt sich die Collage aus Texten von elf Autorinnen und Autoren zusammen. Da gibt es einen Brief und ein Gedicht von Edeltraud Eckert aus den frühen Fünfzigerjahren oder ein Sprachspiel von Radjo Monk am Ende der Achtzigerjahre. Der Text handelt also im gesamten Zeitraum DDR. Genauso unterschiedlich sind Ton, Stoffe, Genres. Das war so möglich, weil die Attacken des Staates auf diese unter Verschluss lebende Textfigur über die gesamte Zeit hin strukturell letztlich unverändert geblieben ist. Also, die Poesie will immerzu raus, die Stasi-Sprache steht dagegen, hält, greift an, zerreibt, zerstört. Es ging mir um diese Spannung.

"Unsere szenische Lesung ist am ehesten das: die Bitte an das Publikum, da zu sein, zu hören, was die Autoren, die zu Zeiten der DDR kein Publikum haben durften, tatsächlich zu erzählen haben."

Aus welchen Gründen sind die Autoren und ihre Texte eigentlich verschwiegen worden?
Eine Diktatur behandelt ihre Literatur immer extrem. Das liegt in der Natur der Sache. Das Exzessive daran ist die unglaubliche Vielfalt der Gründe für ein Schreibverbot, die bei Lichte besehen aber doch wieder bizarre Analogien ergeben. Letzten Endes ging es immer um das Töten und Stehlen von Kreativität und Sinnen. Da wird zum Beispiel eine Liebe etwas sehr Politisches und der Versuch, die eigenen Texte im Westen zu veröffentlichen, konnte nicht selten lange Haftstrafen nach sich ziehen.

Verändern diese Texte unser Bild von der in der DDR entstandenen Literatur?
Zunächst sind sie natürlich erst einmal etwas komplett Neues, bisher nicht Betrachtetes. Es gibt nicht wenige Texte, die ich mit den herkömmlichen Kriterien von Literatur nicht erfassen kann, was auch etwas über den Druck erzählt, unter dem diese Literatur entstanden ist. Das heißt, ich muss anhalten, lasse mich irritieren. An dieser Störung verstehe ich nicht nur meine Grenzen, sondern kann womöglich etwas völlig neu sehen. Und das passiert ja jetzt, im Moment des medialen Overkills im Hinblick darauf, was die DDR war. Unabhängig davon, wie die verdrängte Literatur einmal eingeordnet wird, was kann es denn gegenwärtig Wertvolleres geben?

Ines Geipel
ist Schriftstellerin, Professorin für Verssprache an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" und ehemalige Weltklassesprinterin. Sie ist Mitbegründerin des "Archivs unterdrückter Literatur in der DDR" und Mitherausgeberin der Verschwiegenen Bibliothek in der Büchergilde. Zuletzt veröffentlichte sie: "Zensiert, verschwiegen, vergessen – Autorinnen in Ostdeutschland 1945–1989".

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