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Klezmer Musik:
Sol Sajn – Eine einzigartige Sammlung Jiddischer Musik

"Die Melodien erzählen Geschichten, man wird in ihren Bann gezogen." 

Sol Sajn – Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einflüsse (1953-2009)

Sol Sajn, Teil 1
3 CDs

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Sol Sajn, Teil 2
3 CDs

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Sol Sajn, Teil 3
3 CDs

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Sol Sajn, Teil 4
3 CDs

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Sol Sajn

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Exklusiv-Interview
Mit Herausgeber Dr. Alan Bern, Dr. Bertram Nickolay und Heiko Lehmann

Alan Bern
© Frank Burkhardt
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Die neue 12-teilige CD-Edition Sol Sajn zeigt in einer einmaligen Zusammenstellung, welche Spielfreude und Faszination von Jiddischer Musik ausgeht. Drei Experten haben für die Büchergilde in Kooperation mit Bear Family Records diese Anthologie exklusiv zusammengestellt: Dr. Bertram Nickolay, geboren im Saarland ist einer der herausragenden Kenner und Sammler Jiddischer Musik in Deutschland. Heiko Lehmann, geboren in der DDR ist Musiker und Komponist u.a. bei der einflussreichen ostdeutschen Klezmergruppe "Aufwind". Dr. Alan Bern, geboren in den USA, seit vielen Jahren in Berlin lebend, ist Komponist und Musiker u.a. in einer der wichtigsten internationalen Klezmerbands Brave Old World. Er prägte maßgeblich die Renaissance Jiddischer Musik in den USA.  

Wofür steht der Name Sol Sajn?
Bern:
Sol Sajn ist der Titel eines sehr schönen Liedes von Josef Papirnikov. Das Lied erzählt davon, alles sei Konfusion, Illusion oder ein Traum, denn wir würden niemals erleben, dass sich unsere Hoffnungen erfüllen. Entscheidend aber ist der Weg, den wir dabei gehen, denn der muss schön sein.
Im Wissen um die Widrigkeiten dieser Welt, hat das Lied eine lebensbejahende Haltung. Und das ist für mich eine sehr jüdische Haltung, daher auch passend für unsere Anthologie der Jiddischen Musik im Deutschland nach 1945.  

Was ist einmalig an der Musik-Anthologie Sol Sajn und der Auswahl der Musikstücke?

Heiko Lehmann
© privat
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Nickolay:
Sie ist die erste Anthologie, die eine Brücke schlägt zwischen den Anfängen in den 1950er Jahren, des Klezmer-Revivals in den USA und den heutigen modernen Strömungen der Jiddischen Musik.

Bern: Keine andere Anthologie geht so in die Tiefe und deckt ein so breites Spektrum ab wie diese. Hinzu kommt, dass alle Herausgeber eine unterschiedliche Perspektive einbringen: Bertram Nickolay ist einer der aufmerksamsten Beobachter Jiddischer Musik in Deutschland seit den 1960er Jahren. Heiko Lehmann bringt sowohl die Sicht eines Musikers wie Zeitzeugen ein, verwurzelt in der DDR mit einem umfassenden Blick auf alle neuen Strömungen. Ich selbst habe die Perspektive eines jüdisch-amerikanischen Musikers und Zeitzeugen, der seit 1987 in Berlin lebt.

Lehmann: Einmalig ist ganz sicher der Kontext, unter welchem die Stücke ausgewählt wurden. Die Anthologie als solche ist einmalig; bis jetzt gibt es, abgesehen von Aaron Eckstaedt s Buch und meinen eigenen Arbeiten, kaum Veröffentlichungen zum Thema, obwohl gerade in Amerika das Interesse ungeheuer groß ist.

Repräsentiert Ihre Auswahl die musikalische Entwicklung in Deutschland oder auch weltweit?
Bern:
Das Publikum in Deutschland, die Musiker, Medien und Produzenten haben die Entwicklung der Jiddischen Musik spätestens seit Mitte der 1980er Jahre stark beeinflusst. Die deutsche Szene ist integraler Bestandteil einer internationalen Entwicklung.

Komplettabnahme
Sol Sajn »

Lehmann: Indem wir uns nicht nur auf die Musikszene in Deutschland konzentrierten, sondern es besonders reizvoll war, auch die von außen kommenden Einflüsse in den verschiedenen Zeitabschnitten einzubeziehen mit vielen Aufnahmen internationaler Musiker und Gruppen, steht unsere Zusammenstellung ohne Probleme auch für die Entwicklung Jiddischer Musik international.

Wie kommt es, dass gerade Deutschland zum internationalen Mittelpunkt der Klezmermusik wurde?
Bern:
Ich würde nicht direkt "Mittelpunkt" sagen, aber die sozialen, wirtschaftlichen und geschichtlichen Bedingungen, die die Klezmermusiker in Deutschland vorfanden, haben sich günstig auf ihre künstlerische Entwicklung ausgewirkt und ihnen ermöglicht, hier in Deutschland Neues auszuprobieren. Neues, wozu sie anderswo vielleicht weder den Freiraum noch die finanzielle Unterstützung gehabt hätten.

Lehmann: Das liegt u. a. daran, dass in Deutschland jiddische Musik ein Politikum war und dementsprechend Interesse und öffentliche wie private Mittel dafür vorhanden waren. Hinzu kommt, dass sich einige führende Musiker der Szene in Deutschland, besonders in Berlin, ansiedelten und ihre neuen Projekte, für die sie wiederum andere Musiker einbezogen, auch in Deutschland realisierten und aufführten. Des Weiteren entstand ein Kreis von deutschen Unterstützern und Förderern/Produzenten der Musik, die neben Geld auch ihre Fachkenntnis einsetzten.

Bertram Nickolay
© privat
Vita von Bertram Nickolay »

Gab es Unterschiede darin, wie Jiddische Musik in Westdeutschland und der DDR rezipiert wurde?
Lehmann:
Ich glaube, in Westdeutschland war die Musik anfangs eine Erinnerung an Schuld und erhielt aus diesem Grund eine Sonderbehandlung, die Wohlwollen und Förderung einschloss. Die DDR-Offiziellen wiederum steckten im Dilemma, die Musik im Kontext antiisraelischer Außenpolitik zu sehen, jüdische Musik als Musik von Opfern des Faschismus jedoch per se nicht einfach verbieten zu können -obwohl auch das nach Israels 6-Tage-Krieg geschehen war. Die Musik wurde so mehr oder weniger argwöhnisch geduldet bzw. für positive Selbstdarstellung benutzt.

Nickolay: Ich würde das Thema nicht nur mit der Schuldfrage verknüpfen.

Mit Beginn des Folk-Revivals Ende der 1960er Jahre entstand unter uns Jugendlichen ein großes Interesse für andere Kulturen und deren Musik, auch an mittelalterlichen Liedern. Die Faszination an Jiddischer Musik war naheliegend, deren Sprache ja im Mittelhochdeutschen verwurzelt ist.

Worin liegen die Unterschiede bei Auftritten in Deutschland und der USA?
Bern:
In den USA ist das Klezmer-Revival sowohl Teil der als auch eine Reaktion gegen die Assimilation der Juden in die US-amerikanische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts. Siehe meine Einleitung zu CD 4. In Deutschland hat Klezmermusik einen ganz anderen sozialen und historischen Kontext. Daher wird die "gleiche" Musik in beiden Ländern unterschiedlich rezipiert und bekommt eine andere Bedeutung. Für die Musiker hat das in vielerlei Hinsicht Auswirkungen.

Lehmann: In den USA spielt man diese Musik meist vor einem jüdischen Publikum, in Deutschland kaum. Dafür gibt es in Deutschland die Konzertform viel häufiger.

Welche Entwicklung hat die Musik genommen?
Lehmann:
Mittlerweile ist die Musik in ihrer neuen Lebendigkeit in Verbindung mit so gut wie allen musikalischen Genres zu finden.

Nickolay: ... und hat sich mittlerweile zu einer Hauptströmung der Weltmusik entwickelt.

Bern: Einerseits hat sich die Jiddische Musik allen denkbaren Spielarten vom Pop bis zur klassischen Musik geöffnet. Andererseits gibt es Musiker, die sich stärker auf die Wurzeln der Jiddischen Musik besinnen. Beide Tendenzen zeigen aber, welch wichtige Rolle die Jiddische Musik für die zeitgenössische Musik spielt.

Woher rührt Ihre Leidenschaft für Jiddische Musik?
Nickolay:
Bereits als Schüler Ende der 1960er Jahre interessierte ich mich sehr für das beginnende Folk-Revival. Hierbei hörte ich erstmalig Jiddische Lieder. Ich war sofort fasziniert und wurde leidenschaftlicher Sammler.

Lehmann: Die Initialzündung war reiner Zufall: die Gruppe "Aufwind" suchte 1988 in Ostberlin einen Bassisten. Ich hatte ein Semester Mittelhochdeutsch studiert, hatte über Russisch und Tschechisch einen Zugang zu slawischen Sprachen und war generell an Kulturgeschichte interessiert. So fiel mir der Einstieg ins Jiddische und in jüdische Kultur nicht allzu schwer. An der Musik fasziniert mich u. a. der Kontext von Sprache, Einflüssen und Religion.

Bern: Wie viele andere meiner amerikanischen Kollegen mit jüdischer Familiengeschichte habe ich mich erst als Erwachsener ernsthaft für Jiddische Musik interessiert. Zuvor waren mir Klassische Musik, Jazz, Pop und andere Weltmusiken wichtiger. Für mich ist Jiddische Musik vertraut und fremd zugleich, wie eine Erinnerung an ein Zuhause – in einem Traum.

Was ist das Faszinierende an Jiddischer Musik?
Bern:
Jiddische Musik hat Ausdruck, Emotion, Rhythmus und Energie. Sowohl für Europäer als auch Amerikaner ist sie zugänglich, aber nicht seicht. Die Melodien erzählen Geschichten und man wird in ihren Bann gezogen, gleich ob man Jiddische Musik spielt oder ihr zuhört.

 

 

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