Eine strengere, anspruchsvollere Form als der Roman ...
Tobias Gohlis, Mitglied der Jury der Krimiweltbestenliste und Autor der Vorworte zur neuen Reihe KultKrimis im Interview über die Faszination guter Krimis und die ersten Bände der neuen Reihe.
Die Fragen stellte Jürgen Sander
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| Tobias Gohlis © Marco Grundt |
Sander: Herr Gohlis, was macht eigentlich einen guten Krimi aus?
Tobias Gohlis: Diese Frage kann man nicht allgemein beantworten. Letztlich kommt es auf die Beurteilung jedes einzelnen Titels an, aber es gibt schon eine Reihe von Merkmalen, die ein guter Krimi haben sollte. Eine hohe Sachlichkeit im Umgang mit dem sozialen und sonstigem Material, von dem der Krimi handelt, ist eine wichtige Voraussetzung. Ein wichtiger Aspekt ist auch, inwieweit der Autor es schafft, eine Plausibilität in der Handlung zu entwickeln. Man kann den Debütanten leicht daran erkennen, dass bei ihm in der Regel die psychologische Motivation, die Organisation der Abläufe, die Intrigenstruktur nicht ordentlich gearbeitet sind und am Ende jede Menge lose Fäden herumliegen.
Es gibt eine Verpflichtung der Sache und dem Fall gegenüber, egal wie das im Einzelnen erzählt sein mag, die den Krimi auszeichnet. Insofern ist der Krimi im Hinblick auf die drei Gesichtspunkte Realitätstüchtigkeit, Plottauglichkeit und Plausibilität eine strengere, anspruchsvollere Form als der Roman, der alles darf und kann.
Der Kriminalroman wird, wie jeder andere Roman auch, getragen durch die Entfaltung des Falles, durch Entwicklung und neue Herangehensweisen an den Fall, neue Erzählstrukturen und Techniken, um das Ganze darzustellen. Der Fall selbst ist dabei nicht das wirklich Interessante.
Und, was noch wichtiger ist – da zitiere ich gerne den Autor Friedrich Ani – man muss sich als Krimiautor darüber im Klaren sein, dass es tatsächlich um Leben und Tod geht und zwar in sämtlichen möglichen Bedeutungen. Wenn man sich klarmacht, dass es um die literarische, kunstvolle, die natürlich auch spekulative und fiktive und sehr spielerische Darstellung dieses großen Themenkomplexes handelt, in dem Moment entwickelt man als Autor eine problembewusste, literarische Haltung dazu.
Sander: Warum sind Krimis eigentlich so beliebt?
Tobias Gohlis: Ein grundlegendes Element ist sicher Neugier, sich mit Lebensbereichen auseinanderzusetzen, mit denen man in der Praxis möglichst nichts zu tun haben möchte, die aber spannend sind, weil man sie nicht kennt, also die ganze schwarze Seite der Gesellschaft. Dann spielt sicherlich die Struktur des Spannungsromans eine wichtige Rolle, weil alle 5 oder 10 Seiten etwas Überraschendes passiert, sich ein neues Rätsel auftut, oder eine Wende in der Handlung eintritt. Deshalb werden Krimis auch vor allem dann gelesen, wenn man abspannen will.
Sander: Ist vielleicht auch ein gewisser Voyeurismus mit im Spiel?
Tobias Gohlis: Ja, möglicherweise. Was vielleicht noch eine Rolle spielt, ist eine Art Angst-Lust. Das, was passiert, wenn man im Fernsehen eine Katastrophe sieht. Dass man auf der einen Seite erregt ist, weil da etwas passiert, was einem auch passieren könnte und anderseits froh ist, wenn man der Katastrophe entgeht. Das macht gewissermaßen den Erregungskoeffizienten der Kriminalliteratur aus. Das findet in der Kunstliteratur in der Regel nicht in diesem Maße statt.
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Sander: Lockt nicht auch die Aussicht auf Einblicke in ungewöhnliche Milieus
Tobias Gohlis: Ein starkes Motiv, Krimis zu lesen und auch zu schreiben ist das, was man mit dem Stichwort Gesellschaftsroman benennen könnte – also der Blick in unbekannte soziale Verhältnisse, sei es eine Unterschichtfamilie, sei es die Vorstandsetage eines Konzern oder auch die sozialen Verhältnisse in fremden Ländern, das Schicksal eines Asylbewerbers, die ein wesentlicher Faktor sind in diesem großen Bereich Realismus, in dem der Krimi auch seine besonderen Verdienste hat.
Sander: Gibt es noch weitere Merkmale für gute Krimis?
Tobias Gohlis: Ein wirklich guter Kriminalroman ist einer, der sowohl im Umgang mit der Krimiliteraturgeschichte, als auch mit den Erwartungen der Leser und im weiteren Sinne den gesellschaftlichen, sozialen, literarischen kulturellen Stereotypen bricht und dann in diesem Sinne verstörend, irritierend wirkt, was für gute Literatur im allgemeinen gilt.
Vielleicht muss man sagen, dass der Krimi – möglicherweise bedingt durch die Geschichte des Kriminalromans - eine Literatur für die Massen war, die Perspektive oft eine Perspektive von unten ist und meist mehr oder minder gesellschaftskritisch gegenüber der herrschenden Klasse und den herrschende Machtstrukturen.
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Sander: Wie wichtig ist eigentlich die Gewaltdarstellung bei Kriminalromanen?
Tobias Gohlis: Literatur ist nicht sehr gut darin, physische Gewalt in der Aktion darzustellen. Der Film ist da viel besser geeignet. Aber psychische Quälereien lassen sich im Krimi sehr viel eindrücklicher darstellen. So sind in den Romanen von Friedrich Ani Situationen von Vereinsamung, Hilflosigkeit, Gleichgültigkeit gegenüber Kindern und Jugendlichen beschrieben, die einen wirklich erschüttern, ohne das zunächst physische Gewalt ausgeübt wird und die Gewalt, die dann tatsächlich stattfindet, ist oft eher - was auch viel realistischer ist - Ausdruck einer inneren Ausnahmesituation.
Sander: Nun erscheinen die drei ersten Bände unserer KultKrimi-Reihe. Was zeichnet zum Beispiel Heinrich Steinfest aus? Mariaschwarz wirkt auf den ersten Blick nicht wie ein Krimi.
Tobias Gohlis: Konventionell ist er auf gar keinen Fall. Wir haben von verstörenden Elementen gesprochen. Davon haben die Romane von Heinrich Steinfest jede Menge und zwar so viele, dass man eine ganze Weile braucht, um zu begreifen, dass es sich tatsächlich um Kriminalromane handelt. Heinrich Steinfest verwendet zunächst eine relativ simple Krimistruktur. Ein Mädchen wird bei einem Umfall aus einem Auto entführt und der Vater des Kindes ist auf der Suche nach ihm, nachdem die Polizei erfolglos war. Aber alles, was dann passiert und die Art und Weise, wie es erzählt wird, verdreht das, womit man eigentlich gerechnet hat. Die Einleitungsfrage dieses Romans lautet: Gibt es Perfektion in der Welt? Das ist die klassische Krimifrage aufs Schärfste zugespitzt, nämlich: "Geht es auf der Welt gerecht zu? Gibt es eine Lösung? Wer war’s? und natürlich und das ist Steinfelds Trick, wird diese Frage in Steinfests Roman nicht beantwortet."
Natürlich wird dann auch ein Handelnder, ich will nicht sagen Täter, entdeckt, was sich aber auch noch offenbart, ist das, was diesen Roman eigentlich interessant macht, nämlich beispielsweise Löcher in der Welt, oder eine Ursuppe. Wenn man genau hinschaut, stellt man fest, dass es insofern Kriminalliteratur ist, als Steinfest die Elemente, die der Krimi hat, beispielsweise die Abenteuerreise, die Suche nach dem Täter, die Suche nach dem verschwundenen Menschen, die detektivische Schlussfolgerung, vergrößert bis ins Unendliche aufbläht oder völlig minimiert und so die Struktur des Krimis selbst nutzt, um eine neue Welt zu schaffen.
Heinrich Steinfest ist selbst stark von Physik beeinflusst. Er zeichnet sich durch genaueste Beobachtung von Phänomenen, psychischer, sozialer, sprachlicher Art aus, die durch die genaue Beobachtung ein Eigenleben beginnen und hat das in eine Kriminalstruktur eingebracht. Steinfest hat ja in einem Interview mal gesagt: "Wieso sollte ich auf die Möglichkeiten eines 'Romans' verzichten, nur weil 'Kriminal-' vorangestellt ist? Und dazu gehört dann das psychologische Moment, gehört die Landschaftsbeschreibung, gehört die Liebesgeschichte, der Traum, die Ironie, Sportwagen, Philosophie, Kunst, das politische Moment, die Analyse des Unwirklichen, gehört die Sprache, die Wortfindung. Das alles darf und soll ein Kriminalroman auch erfüllen."
Sander: Fragen Sie den Papagei, die Geschichte des Berufsverbrechers Parker, ist dagegen linear und schnörkellos erzählt …
Tobias Gohlis: In der Philosophiegeschichte hat sich besonders in den USA der sogenannte Utilitarismus als eine moral-philosophische Form entwickelt. Parker ist der absolute Utilitarist. Alle Entscheidungen, die er fällt sind ausschließlich dem einen Zweck unterworfen, seine persönliche Freiheit als Gangster zu garantieren. Das heißt, es spielt für ihn überhaupt keine Rolle, ob er jemanden töten soll oder nicht, es unterliegt ausschließlich außerordentlich schnell durchgeführten Nützlichkeitskalkulationen, jenseits jeder Moral. Wobei das Spannende hier in diesem Roman eine Art 'Lebensberatung' ist, die bei Parker als komisches Element eingesetzt wird. Da gibt es im Roman eine Figur, die jemanden aus Versehen erschießt und Parker, der skrupellose Gangster, verwandelt sich in eine Art Psychoberatungstante, weil das die Sprache ist, die dieser durchgedrehte Halbtrottel versteht.
Sander: Parker ist eine Figur, mit der man sich identifiziert, obwohl er ein skrupelloser Gangster ist. Wie kommt das?
Tobias Gohlis: Die Faszination Parkers liegt in seiner unglaublichen Geradlinigkeit und Härte, die jeder von uns gerne hätte. Für Parker gibt es keine Situation, die er nicht beherrschen würde, weil er mit allem rechnet und für alles gewappnet ist. Das ist natürlich eine heroische Figur, mit der man sich gerne identifiziert. Genauso wie Parker keine Scheu hat zu morden, hat man als Leser keine Scheu mit ihm zu morden oder andere Verbrechen zu begehen, weil dieser absolut gesetzte Freiheitsdrang einer der Träume der Moderne ist und Teil der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, die Parker radikal für sich selbst anwendet.
Sander: Leonardo Sciascias Gesetz des Schweigens gehört zu den ersten Mafiaromanen …
Tobias Gohlis: Sciascia hat vier Kriminalromane über die Mafia geschrieben, die, indem sie die sozialen und mentalen Strukturen beschreiben in denen die Mafia operiert, zeigen, dass dieses Phänomen durch normale Ermittlungsarbeit und den normalen juristischen Apparat nicht beseitigt, ja nicht einmal aufgeklärt werden kann.
In dem dritten Roman hier, stößt der Ermittler darauf, dass in Italien ein Staatsstreich vorbereitet wird, und deshalb bestimmte Hindernisse seiner Ermittlungstätigkeit entgegenstehen und natürlich kann er diesen Staatsstreich nicht aufklären, er bleibt im Vagen.
Sander: Damals stellte sich die Frage "Gibt es die Mafia?". Offenbar gab es damals Anfang der Sechzigerjahre kaum einen Beweis dafür. Im Mittelpunkt seiner Romane steht ja die "omerta", also die Verpflichtung der Mafiamitglieder zur Verschwiegenheit
Tobias Gohlis: Das Verbrechen wird bei Sciascia nur verschwommen sichtbar, oft gibt es nur einen Satz, in dem es heißt: "Der ist jetzt verschwunden". Das Augenmerk liegt eindeutig auf der Beschreibung der sozialen Strukturen, der Redeweisen, der mentalen Strukturen in denen mit Mafia umgegangen wird. Diese schizophrene Situation in denen jeder weiß, aber keiner redet. Und das Interessante bei Sciascia ist die doppelte Ethnographie: So verwendet der Ermittler, der aus Norditalien kommt, ein Verfahren, das auch in der Mafiaforschung des frühen 19. Jahrhunderts angewandt worden ist, nämlich die Redewendungen und semantischen Konnotationen von Gesten aufzuschreiben, um dadurch diese Welt des ungeschriebenen, gesprochenen und gestischen Ausdrucks zu fassen. Sciascias Romane sind also in gewisser Weise eine Ethnographie der Kommunikationstechniken des Schweigens. Dabei ist nicht gemeint, dass der schlichte Augenzeuge nichts gesehen hat, sondern – deshalb auch der Schwerpunkt auf Honoratioren und der Justiz – wie die Gesellschaft Techniken entwickeln muss, das Offensichtliche nicht zur Kenntnis zu nehmen ... Es werden die Redeweisen der Vertuschung vorgeführt, die bis heute gelten. Die Erklärungen die auf die Frage ob es die Mafia überhaupt gibt, sind bis heute komplett gültig. Da hat sich kaum etwas verändert. Das einzige was sich verändert hat, ist, dass in das italienische Strafgesetzbuch das Delikt: Mafioses Verhalten eingeführt wurde, um diese Strukturen dingfest zu machen..
Sander: Wie würden Sie die Auswahl der Krimis charakterisieren?
Tobias Gohlis: Das sind gute Krimis, jeder auf seine Art, mit unterschiedlicher Gewichtung und Ausprägung.
Ich habe sie alle gerne wieder gelesen. Bei Scascia habe ich ja sogar geschrieben, dass es Texte zum Wiederlesen sind, weil sie eine hohe literarische Gültigkeit haben und dann ist ja nicht zu verkennen, dass die Krimiwelt-Bestenliste auch Einfluss gehabt haben könnte …
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