Was soll das eigentlich sein, eine Graphic Novel?
Alexandra Kardinar über das Vorgehen bei der Adaption von E.T.A. Hoffmanns Kriminalroman Das Fräulein von Scuderi als Graphic Novel
Eine Graphic Novel ist zunächst einmal eine Geschichte in Bildern und eigentlich nichts anderes als ein Comic. Um aber komplexer erzählte Comic-„Romane“ für ein anspruchsvolleres Publikum von den Comic-Heften der Zeitungskioske zu unterscheiden, wurde – zunächst in Amerika – der Begriff der Graphic Novel eingeführt.
Alexandra Kardinar / Volker Schlecht (Ill.) |
Innerhalb dieser Gattung gibt es zahllose Herangehensweisen und Traditionslinien. Am ausgeprägtesten ist die stark sequentielle, eben Comic-typische Erzählweise, deren Bildfolgen und Dialoge oft nahezu filmisch aufgegliedert sind. Überhaupt bedienen sich Comics – oder eben Graphic Novels – vieler Elemente, die uns aus dem Film vertraut sind: Dramaturgie, Schnitt, Kameraführung und Regie. Und auch ein Comic hat - bevor es entsteht - eine Art Drehbuch, in dem Abfolge, Szenen, Figuren, Kostüme und Orte skizziert werden.
Neben der traditionellen Herangehensweise gibt es individuelle Nischen und Handschriften, die bis hin zur textlosen Abfolge von einzelnen Illustrationen reichen können.
In der Graphic Novel über einen düsteren und zugleich schillernden Kriminalfall im Paris des Ancien Régime unter Louis XIV verleugnen die beiden Illustratoren ihre Herkunft nicht. Das Einzelbild und die Auffassung des Comics als Bild-Erzählung spielt eine größere Rolle als die virtuose Splittung jeder Handlung in viele einzelne Comic-Panels. Die beiden Zeichner spielen mit diesen Mitteln und nutzen sie frei für die Dynamisierung ihrer Bildgestaltung und der gezeichneten Erzählung. Die Graphic Nobel ist für sie eine mögliche Erzählform neben anderen – neben Illustration, Trickfilm, Zeichnung – die sie experimentell und mit einem gewissen Quantum an „Unverfrorenheit“ für ihre Zwecke in Dienst und Anspruch nehmen.
Mit dem Fräulein von Scuderi lag den Zeichnern eine geschriebene Geschichte von E.T.A. Hoffmann vor, zumal eine in herrliche Sprache gefasste, sehr komplizierte und in sich verschlungene. Zunächst blutet dem Zeichner beim eigenen Lesegenuss natürlich das Herz, da er weiss, dass er für das Comic den Text kürzen und – vermeintlich – verstümmeln muss. Dann aber ergreift ihn die Lust und der Ehrgeiz, das Merkwürdige und Eigene des Textes und der geschriebenen Sprache in eine autonome Bildsprache zu übersetzen - ohne den Hoffmannschen Text sklavisch im Bild nachzuahmen, dem Geist und der Stimmung aber doch gerecht zu werden.
Nun kann ein Comic-Zeichner bei einem solchen Stoff historisch penibel recherchierend herangehen oder auch völlig frei. Für die beiden geschichtsbegeisterten Illustratoren machte das Herantasten an genaue Details und historische Fakten einen besonderen Reiz aus. So manche Überraschung lag im Text Hoffmanns verborgen für den sorgfältiger und tiefer forschenden Leser. Nicht zuletzt, weil sich viele Details der hoffmannschen Erzählung eng an historische Begebenheiten halten und die Geschichte eine Teil ihrer Spannung auch daraus zieht.
Letztlich wuchs aus der umfangreichen Recherchearbeit, die natürlich für Kleidung, Architektur und viele Details geleistet werden musste, die Lust, der Bilderzählung des Fräulein von Scuderi eine Art zusätzliche Textebene zu geben, die sich lustvoll und spielerisch an Figuren und Details – wie etwa einer zufällig herumstehenden Parfümflasche, einem Blick aus dem Fenster oder einer roten Trinkernase – entfaltet. Hier werden Informationen zusammengefasst, die die Zeit Louis' XIV ohne Anspruch auf Vollständigkeit beleuchten und der Geschichte des ehrenwerten und detektivisch forschenden Fräulein von Scuderi einen Aspekt beifügen, der im Hoffmannschen Text als Wissen des Schriftstellers zwar tragend unterlegt ist, für den heutigen Betrachter aber nun herauskristallisiert und zu einem amüsanten, leichten und manchmal auch schaudern machenden Exkurs in die Welt des barocken Lebens wird.








