Die Ränder Chinas und die Ränder der eigenen Existenz
Der chinesische Autor Ma Jian lebt in London im Exil. Sein Roman Red Dust ist aktuell in China verboten und liegt jetzt unter dem Titel Red Dust. Drei Jahre unterwegs durch China auf Deutsch vor. Ruthard Stäblein hat ihn gelesen und findet, dass dieser Reiseroman eine der besten Möglichkeiten zur Einstimmung auf das diesjährige Gastland der Frankfurter Buchmesse ist.
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Ma Jian: Red Dust (vergriffen) Drei Jahre unterwegs Aus dem Englischen von Barbara Heller |
Ma Jian war ein Künstler der Pekinger Bohème. Als der Grafiker, Fotoreporter und Maler Anfang der 80er-Jahre in seinem Pekinger Backsteinhäuschen nächtelang feierte und dann noch anfing, Akt zu zeichnen, bekam er immer mehr Schwierigkeiten bei der Arbeit und mit der Partei. Die startete damals eine Kampagne gegen "geistige Verschmutzung". Mit anderen Worten: gegen missliebige Intellektuelle und mit dem geschätzten Ergebnis von einer Million Verhaftungen und 24.000 Todesurteilen.
Die neuen Machthaber nach Mao wollten (und wollen) die wirtschaftliche Liberalisierung, aber keineswegs die geistige Freiheit. Ma Jian sollte sich im Betrieb und vor der Gewerkschaft rechtfertigen. Aber er hatte keine Lust auf Demütigung. Zudem befand er sich in einer persönlichen Krise. Ma Jian wurde geschieden. Seine Frau nahm die Tochter. Die Freundin verließ ihn. So ergriff er die Flucht nach vorn, fälschte Empfehlungsschreiben – ohne ein offizielles, gestempeltes Papier konnte man sich damals kaum bewegen – und zog durch das riesige Reich der Mitte.
Drei Jahre lang; wenn er Geld hatte, mit dem Zug oder Bus; als Tramper mit LKWs; die meiste Zeit jedoch zu Fuß. Insbesondere die Ränder Chinas interessierten den "Wanderautomate"“: die kasachische Steppe, die Wüsten, die Innere Mongolei, die Grenzgebiete zu Vietnam mit den noch archaisch lebenden Gemeinschaften und vor allem Tibet.
Mi Jian gab sich als Reporter aus und verhielt sich so. Er hörte zu, enthielt sich des Kommentars und hatte den Mut, unbequeme Fragen zu stellen. So erfuhr einiges über die Brutalität des chinesischen Alltags, wie kasachische Nomaden umgesiedelt werden sollten, die Entmündigung und zugleich die extreme Armut tibetischer Bergvölker, die Misshandlung der Flüsse: Der Tang-Dichter Li-Bai " schrieb von bunten Wolken über dem Jangtse und kreischenden Affen am Ufer. Heute sieht man dort statt der Affen Düngemittelfabriken und Zementwerke, die den Fluss mit ihren gelben Abwässern verschmutzen. Wo die grünen Böschungen abgetragen wurden, glänzt die Erde wie ungegerbtes Schweinsleder."
Und Ma Jian gibt die ihm mitgeteilten Schrecken der Kulturrevolution an die Leser weiter: Im Kampf gegen bürgerliche Autoritäten etwa schlachteten Schüler in einem Dorf der Zhuang ihren Lehrer ab. "Um der Partei ihre Ergebenheit zu beweisen, kochten sie seinen zerstückelten Körper und aßen ihn zum Abendbrot auf. Sie fanden Geschmack an frischen Innereien, und bevor sie ihr nächstes Opfer töteten, schnitten sie ein Loch in seinen Brustkasten und traten es in den Rücken, so dass ihnen seine Leber in die Hände flog.“ – Stein zeitkommunismus à la Pol Pot, Joseph Conrad und Apocalypse now.
Ma Jian beschreibt indessen auch die Schönheiten einsamer Landschaften, schreibt von Mädchen mit roten Blusen unter schweren Schaffellmänteln und den Wohltaten der Gastfreundschaft. Wie ein guter Reporter verklärt er nicht und kommentiert nur wenig. Gelegentlich steht dann doch eine Warnung an Rousseauisten und andere Idylliker: Die Natur frisst dich von innen auf. Denn Ma Jian fühlt gerade in der Natur nicht die Harmonie, sondern die Extremsituation. In der Wüste sucht er die Nähe zum Tod, wird im letzten Augenblick gerettet und spürt erst so, dass er existiert. Als wollte er das existentialistische Programm von Karl Jaspers erfüllen: Erst in Extremsituationen von Angst- und Todeserfahrung entscheidet sich das Leben, erfährt man sich selbst, wird aus dem "man" ein "ich". Auch die Nähe zu den amerikanischen Abenteurern Jack London, Walt Whitman und Ernest Hemingway wird deutlich. Drogen verabscheut Ma Jian. Er sucht die Ränder der eigenen Existenz und die Ränder Chinas. Dazu bewegt er sich horizontal und vertikal fort. Er will bei seiner Reise in die entlegensten Provinzen möglichst viel von China sehen, in das "schwarze Loch China" eintauchen und es erhellen. Und er will sich selbst erfahren, den roten Staub der Straße – die buddhistisch eingefärbte Titelmetapher – als Illusion durchschauen.
So gelingt ihm ein formidabler Reisebericht und zugleich die vom Willen zur Selbsterkenntnis angetriebene Autobiographie. Ohne literarisch geschraubt zu werden, malt er schillernde Bilder. Erlebnisreich und vorurteilsfrei. Der Beweis: Obwohl Ma Jian Buddhist ist, auf einer Pilgerreise zu sich selbst, himmelt er nicht die Tibeter an, sondern zeigt auch auf ihre Grausamkeiten.
Ruthardt Stäblein ist Literaturredakteur des Hessischen Rundfunks.
Dieser Artikel erschien in Literaturnachrichten
"Eine der wichtigsten und mutigsten Stimmen der chinesischen Literatur." "So kunterbunt, so bizarr, so hautnah sind die Regionen, die sich bislang der touristischen Erfassung entzogen, noch nicht beschrieben worden." |







