Die Journalistin Sigrid Brinkmann über den außer gewöhnlichen Lebensweg von Adolfo Kaminsky, den Meisterfälscher von Paris, der tausenden von jüdischen Flüchtlingen, Widerstandskämpfern und Auftständischen in Afrika und Lateinamerika das Leben rettete.
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Sarah und Adolfo Kaminsky im Labor in der Rue de Jeûneur |
Schwarz-Weiß-Fotografien von Menschen und Stadtlandschaften
hängen an den Wohnzimmerwänden.
Das einfallende Licht wird durch helle Vorhänge
gedämpft. Adolfo Kaminsky hat empfindliche
Augen. Er ist 86 Jahre alt und auf einem Auge fast
erblindet – eine Folge des exzessiven Arbeitspensums,
das zu erledigen er als zwingende Pflicht
empfand. Zwischen 1943 und 1971 war er der meistgesuchte
Fälscher von Ausweispapieren in Frankreich.
Vielen tausend Menschen
rettete er das Leben:
jüdischen Flüchtlingen, die
durch Europa zogen; Widerstandskämpfern
und Aufständischen
in Afrika und
Lateinamerika. 2010 veröffentlichte seine Tochter
Sarah bei Calman-Lévy in Paris den Bericht Ein Fälscherleben.
Wo immer Vater und Tochter danach gemeinsam
auftraten, erhielten sie stehende Ovationen.
Sarah ist Schauspielerin, 33 Jahre alt, eine
charmante, geübte Rhetorikerin. Ihr Vater ist sichtbar
stolz auf sie, genau wie auf die Söhne Atahualpa
und Roce. Letzterer ist in Frankreich ein bekannter
Rapper.
Die Familiengeschichte der Kaminskys ist kompliziert. Adolfo Kaminsky wurde am 1. Oktober 1925
in Argentinien geboren. Frankreich hatte seine russisch-
jüdischen Eltern nach der Oktoberrevolution
ausgewiesen. In den späten 30er-Jahren gelang es
den Kaminskys, nach Frankreich zurückzukehren.
Adolfo fing eine Lehre als Färber an, bis er, seine
Brüder und sein Vater 1942 aufgegriffen und im
Übergangslager Drancy bei Paris drei Monate lang
interniert wurden. Nur durch eine Intervention des
argentinischen Konsulats entgingen die Kaminskys
der Deportation. Adolfo nannte sich fortan Julien
Keller und tauchte in Paris unter. In einer heimlich
eingerichteten Lichtdruckwerkstatt begann er mit
dem Fälschen von Ausweisen, Mietverträgen, Führerscheinen
und Lebensmittelkarten. Letztere
waren für flüchtige Juden und Widerständler oft wichtiger als Personaldokumente, denn wer in
Kriegszeiten auf Essensrationen verzichtete, war
sofort verdächtig. Bis zu 500 Dokumente fälschte
Adolfo in einer Woche. Er schnitzte Stempel, perforierte
Gebührenmarken, erfand Namen und verwandelte
sich nach der Sperrstunde in einen Schatten,
der die Häuserwände entlang flog, immer auf der
Hut vor Polizisten und sämtliche Adressen von Menschen
memorierend, die in ihren Wohnungen darauf
warteten, dass er ihnen die lebenswichtigen Papiere
aushändigte. Adolfo Kaminsky hat nie Geld für
seinen Einsatz genommen. Er glaubt fest, dass diese Haltung ihn davor bewahrte, in eine Falle zu gehen und verraten zu werden.
Das Leben im Untergrund verlangte absolute Verschwiegenheit
und Disziplin. Zwei Kinder aus erster
Ehe glaubten eine Weile sogar, er sei tot. 1971 fühlte
sich Adolfo „verbrannt“. Er ertrug es nicht länger,
ein „Gefangener einsamer Geheimnisse“ zu
sein, verließ Paris fluchtartig und nahm in Algier
eine Stelle als Dozent für Fotografie an. Er verliebte
sich in eine junge Anwältin aus dem Süden Algeriens,
Leila, die Tochter eines progressiven Imams.
Sie überzeugte Adolfo 1982 davon, Algerien mit ihren
„drei kleinen Mischlingen“ zu verlassen, weil sie
spürte, „dass die Welle des religiösen Fanatismus
nicht wieder verebben würde“. Die Familie reiste
ohne Gepäck, ohne Aussicht auf Arbeit, mit nichts
als einem dreimonatigen Touristenvisum nach Paris.
Bis 1992 behielten die Kaminskys ihre argentinischen
Pässe.
Sarah Kaminsky |
Vor acht Jahren begann Sarah, ihrem Vater Fragen nach seinem Vorleben zu stellen und ehemalige Weggefährten aufzusuchen. Stets hatte sie nur in Andeutungen, wenn Männer wie der Sartre- Vertraute Francis Jeanson zu Besuch kamen, von Adolfos Einsatz für Kämpfer im algerischen Unabhängigkeitskrieg gehört. Ihr jüdischer Vater ein Moudjahid? Den Boden der Legalität nicht zu verlassen, nicht zu lügen, zu betrügen, wurde zuhause doch ganz groß geschrieben. Sarah war im Glauben aufgewachsen, ihr Vater sei ein Streetworker, der jugendlichen Straftätern bei der Wiedereingliederung half und ihnen das Fotografieren beibrachte.
Sarah Kaminskys atmosphärisch dichter, dabei
sachlich gehaltener Lebensbericht macht deutlich,
warum ihrem Vater das Fälschen zur Pflicht wurde
und er auch nach der Befreiung Frankreichs nicht
aufhören konnte, falsche Papiere zu fertigen für
Männer und Frauen, die unter kolonialem und
staatlich sanktioniertem Rassismus litten. Adolfo
Kaminsky hat die drei Jahrzehnte in der Illegalität
mit gesundheitlichen Schäden und Einsamkeit bezahlt.
Sein Werkzeug hat er aufbewahrt. Leise
spricht er wiederholt von dem großen Glück, Menschen
retten zu können. „Ich kam dank des Einsatzes
des argentinischen Konsulats im Winter 1942
aus dem Lager Drancy heraus“, sagt er, „aber es hätte
nicht viel gefehlt und ich wäre geblieben und in
den Zug nach Auschwitz gestiegen, aus Solidarität
mit den Todgeweihten“. Adolfo Kaminsky schaut auf
und lächelt. Seine Tochter fasst ihn am Arm.
Text von Sigrid Brinkmann
Sigrid Brinkmann studierte Romanistik in Montpellier, Paris und Berlin, arbeitet als freiberufliche Journalistin für ARD-Anstalten. Sie moderiert das Magazin Fazit und die Lesart im Deutschlandradio Kultur.








