"Das war immer schon mein Traum"
Der Künstler Mehrdad Zaeri im Interview über seinen Werdegang, über die Kunst, seine Theaterarbeit und über seine Illustrationen zum Chinesischen Dekameron. Die Fragen stellte Jürgen Sander
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© privat |
Lieber Herr Zaeri, Sie sind in Isfahan im Iran geboren und sind dann mit ihren Eltern über die Türkei als politische Flüchtlinge nach Deutschland gekommen?
Das war etwa fünf Jahre nach der Revolution. Meine Eltern sind Akademiker und die Akademiker gehörten zu den ersten, die nach der Revolution viele Probleme bekamen. Sie hatten ihre Meinung zur Politik und wollten sich den Mund nicht verbieten lassen. Wir gehörten zu der Welle, die fünf Jahre nach der Revolution das Land verlassen hat. In die Türkei ging es zunächst, weil man ohne Visum einreisen konnte. Und von dort aus suchten wir nach einer Möglichkeit weiterzukommen.
Sie sind dann nach Deutschland gekommen?
Wir kamen zunächst nach Berlin und dann hat man uns als Flüchtlingsfamilie nach Heidelberg geschickt.
Sie haben mal gesagt, der Beginn des deutschen Lebens war am Anfang richtig schwer.
Als Asylbewerber, der dunkle Haare hat, gehört man zur untersten Schicht. Man ist sehr verunsichert und wenn man verunsichert ist, bekommt man sehr schwer Kontakte. Dann fällt es schwer charmant zu sein. Das hat nicht unbedingt mit Deutschland zu tun, das gilt ganz allgemein, wenn man Ausländer ist. Aber die Deutschen sind am Anfang etwas distanziert, wenn sie aber jemanden in ihrem Herzen aufgenommen haben, dann richtig. Ich bin nach 22 Jahren in Deutschland mittlerweile auch so – sehr aufrichtig, nicht oberflächlich, sondern mit ganzem Herzen. Und deshalb war der Beginn schwierig, aber als ich dann in den Herzen war, ging alles besser.
Mehrdad Zaeri (Illustrationen) "Das Chinesische Dekameron" Aus dem Chinesischen von Johanna Herzfeldt Mit 24 ganzseitigen vierfarbigen Illustrationen Format 15 x 24 cm Geprägtes Leinen mit Schutzumschlag 296 Seiten 21,90/ SFR 36,90 Leseprobe » Vorzugsausgabe »
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Dann haben Sie Abitur gemacht und danach begann die Künstlerkarriere – oder begann Sie schon früher?
Die begann schon früher, aber weil ich kurz vor dem Abi stand habe ich den Abschluss gemacht, obwohl ich eigentlich kein Interesse mehr daran hatte. Aber schon drei, vier Jahre früher habe ich eine Ausbildung bei einem erfahrenen Maler begonnen, der heute um die 60 sein müsste und auch aus dem Iran kommt. Er hat viel mit Öl und Aquarellfarben gearbeitet und zwar im klassischen Sinne, wie Rembrandt zum Beispiel. Ich habe diese klassischen Techniken gelernt doch nach dem Abi habe ich gemerkt, dass ich mich nicht unbedingt für Öl und Leinwand interessiere sondern für Papier und Stift. Nach und nach habe ich erkannt, dass die Leute, die mich faszinierten, oft Grafiker waren, Illustratoren, Zeichner. Es waren immer die grafischen Elemente, die mich begeisterten. Seit 10 Jahren arbeite ich vor allem mit Buntstiften, Filzstiften, Tusche usw.
Gibt es bei Ihren Bildern irgendeinen iranischen Einfluss?
Ich höre sehr oft, es gäbe orientalische Elemente. Ich bin ja die ersten 15 Jahre meines Lebens im Iran aufgewachsen und ich bin mir sicher, dass es orientalische Elemente in meinen Bildern gibt, aber man erkennt sie nicht auf den ersten Blick. Meine Vorbilder sind allerdings eindeutig die Europäer: Paul Klee, Friedrich Carl Waechter ist ein großes Vorbild, Picasso.
Es sind oft Europäer, vermutlich steckt also beides in meinen Bildern.
Aber dann eher unbewusst?
Im Vordergrund steht Europa im Hintergrund Asien.
Haben Sie im Iran auch schon gezeichnet?
Wie viele Schulkinder habe ich auch im Iran gezeichnet. Ich kann mich an viele Erfahrungen erinnern, die ich schon in jungen Jahren gemacht habe. Als ich mit meiner Mutter zusammen saß und sie mir Tipps gegeben hat. Sie hat mir mal geraten, Figuren, die ich male mit einer schwarzen Linie zu umranden, damit sie interessanter werden. Und das war der Beginn meines grafischen Lebens. Diese Silhouetten waren mir das allerwichtigste und die Farben waren nicht mehr so interessant.
Hat ihre Mutter auch einen künstlerischen Background?
Ja, sie malt auch selbst, aber als ich auf die Welt kam - als erstes von vier Kindern - musste sie das ganze weitgehend beiseite legen. Sie hat ein Stück weit ihre künstlerische Karriere für uns geopfert. Sie hat mir sicherlich viel mitgegeben. Mein Vater kommt eher aus der Wissenschaft.
Mittlerweile können Sie Geld mit ihrer Kunst zu verdienen?
Nach der Schule habe ich als Taxifahrer gearbeitet. Dann habe ich angefangen, Ausstellungen zu machen. Zu Beginn waren es nur kleine Ausstellungen in Cafes. Ich hatte beim Taxifahren meine Skizzenblöcke und Quittungsblöcke voll gezeichnet und habe immer mehr Bilder ausgestellt. Irgendwann habe ich dann pro Monat 2-3 Ausstellungen gehabt. Die Ausstellungsorte wurden besser und im Laufe der Zeit konnte ich das Taxifahren an den Nagel hängen. Ausstellungen mache ich heute fast keine mehr. Ich verkaufe meine Bilder hauptsächlich im Atelier oder übers Internet. Mittlerweile arbeite ich viel mit Theatergruppen. Theaterarbeit heißt live zeichnen auf der Bühne, die Bilder werden mit einem Overhead-Projektor oder mit Videobeamer auf die Leinwand projiziert.
Das Publikum schaut Ihnen beim Zeichnen zu?
Ja, das ist spontanes Live-Bühnenbild, das entsteht, während die Schauspieler spielen. Deshalb arbeite ich auch viel mit Improvisationstheatern, denn sie improvisieren auf der Bühne und ich improvisiere das Bühnenbild.
Und nun beginnen Sie Literatur zu illustrieren?
Das war immer schon mein Traum. Ich habe immer davon geträumt Bücher zu machen und Zeichentrickfilme. Zeichentrickfilme habe ich schon probiert, das ist mir zu langsam. Ich möchte gerne ein bisschen schneller arbeiten. Hierfür eignet sich die Illustration wunderbar und da ist die Büchergilde natürlich ein großer Schritt.
Ich bin sehr interessiert an Literatur und deshalb bin ich auch ein großer Fan der Büchergilde, weil das ein Verlag ist, der perfekt Bilder und Texte miteinander verbindet.
Wie kam der Kontakt zustande?
Durch die Buchmesse. Ich bin vor ein paar Jahren mit der Mappe unter dem Arm über die Buchmesse gelaufen, keiner wollte sie sehen und ich war ganz deprimiert. Plötzlich habe ich mein großes Vorbild, Friedrich Carl Waechter, gesehen. Er ist wie ein großer Geist an mir vorbeigelaufen und ich war noch deprimierter … Und dann habe ich plötzlich unter den Tausenden von Ständen diesen wunderschönen Stand der Büchergilde gesehen und ich konnte da nicht weitergehen – das war wirklich so. Ich wollte sofort alles Mögliche kaufen, und bin Mitglied geworden und nun hat diese Begegnung mit der Büchergilde zu dieser Zusammenarbeit geführt.
Wie geht es ihnen mit der Arbeit am Chinesischen Dekameron?
Am Anfang hatte ich meine Schwierigkeiten, weil ich nicht wusste, wie frei ich damit umgehen soll. Ich bin ja auch neu in der Illustrationsszene, das heißt, ich habe noch nicht die Leichtigkeit, die ich auf der Bühne habe. Ich habe eine Weile gebraucht, um zu sehen, wo meine Möglichkeiten sind. Ich habe dann auch durch Gespräche bei der Büchergilde festgestellt, dass ich spielen darf. Jetzt bin ich ganz glücklich, bin voll drin.
Haben Sie eine konkrete Vorgehensweise bei der Auswahl der Motive?
Der Kern meiner Kunst sind meine kleinen Skizzenhefte. Die habe ich immer bei mir. Ich zeichne in der S-Bahn, beim Zahnarzt usw. Mittlerweile habe ich Tausende von Skizzen. Immer wenn ich einen Auftrag habe, fange ich an zu kritzeln. Diese Skizzen übernehme ich dann manchmal indem ich sie einscanne und sie dann am PC bearbeite oder ich zeichne sie noch mal neu in groß auf Papier mit dem Stift. Für das Dekameron habe ich mich dafür entschieden, die Skizzen einzuscannen und am PC zu bearbeiten. Manchmal wird das Ganze kopiert und das Kopierte wird noch mal mit Stiften nachbearbeitet und das Ergebnis scanne ich wieder ein.
Denken Sie an eine bestimmte Textstelle bei einer Illustration?
Meist ist es mir wichtig eine bestimmte Stimmung wiederzugeben. Manchmal habe ich Lust ein bestimmtes Ereignis einzufangen, aber meistens will ich nur die Stimmung wiedergeben, ähnlich wie es im Improvisationstheater abläuft. Das was auf der Bühne gespielt wird, braucht man nicht noch mal zu zeichnen, sondern man soll es ergänzen. Ich habe mal gehört, die Bilder sollen das Buch nicht illustrieren, sondern illuminieren. Ich begleite das Buch, aber ich gebe es nicht wieder.








