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Schreiben hat etwas mit Zauberei zu tun!

Ein Interview mit Urs Widmer über seinen Roman Im Kongo, die Schicksalslosigkeit der Schweizer und den "Schwarzen in ihm".

Worum geht es in Ihrem Buch Im Kongo?

Das ist nicht ganz einfach. Ursprünglich sollte das Buch nicht Im Kongo heißen, sondern Wiking, was sehr anders klingt. Im Kern des Buches sollte die Tätigkeit einer Spionagelinie des Schweizerischen Nachrichtendienstes während des Zweiten Weltkrieges stehen: die so genannte Linie Wiking, die nach Deutschland führte. Es gab sie tatsächlich, und darüber hatte ich einige historische Informationen. Wiking erschien mir als Kern eines Buches sehr gut geeignet, weil man darüber in der Literatur kaum etwas liest, was wiederum selbstverständlich ist. Und zwar, weil Geheimdienste nicht sonderlich viel aufschreiben und das, was sie aufschreiben, nicht herumzeigen. Man weiß aber doch einiges, und all das steckt auch im Buch. Dann hat sich der Roman aber wider Erwarten ausgewuchert und landete zu meiner Überraschung im Kongo.

War es Zufall, dass Sie im Kongo gelandet sind?

Es kann kein Zufall gewesen sein, weil meine Besessenheit von Schwarzafrika schon viele Jahrzehnte dauert, ohne dass ich jemals dort gewesen wäre. Aber ich habe mich schon immer für die Entdeckungsgeschichte Schwarzafrikas interessiert und kenne mich damit relativ gut aus. Zudem hatte ich kurz vorher Joseph Conrads Herz der Finsternis übersetzt. Mein Roman ist natürlich auch eine Hommage an Joseph Conrad, indem es einzelne Stellen aufnimmt. So ist die Schifffahrt unübersehbar eine Replik der Schifffahrt von Conrad. Gedacht nicht als Plagiat, sondern als Verbeugung.

Zur VergrößerungSie sagen, Sie seien von Schwarzafrika besessen. Das "Schwarze" ist im Roman sehr positiv besetzt.

Stimmt, Im Kongo ist auch eine Wunscherfüllungsphantasie. Indem - erklären Sie mir warum - das schwarz werden für alle Glück bedeutet. Dass Kuno, der Held, am Schluss schwarz ist und im Kongo bleiben kann mit seiner geliebten Anne, die auch schwarz ist, ist die Erfüllung eines Märchens und die Überwindung eines Schmerzes; des uralten Schmerzes vom Tod seiner Mutter.

Hatten Sie Ihre Geschichte ursprünglich so angelegt, dass sie im reinen Glück endet?

Ja, schon. Ein Buch zu schreiben, ist natürlich ein Abenteuer. Weil man nicht unbedingt weiß, wie es sich entwickeln und was geschehen wird. Aber ganz ahnungslos bin ich natürlich nicht, das geht ja nicht. Eine Art Strategie entwickle ich bzw. entwickelt die Geschichte, während sie sich schreibt. Das wird dann immer deutlicher, und mit der Zeit macht man manche Dinge durchaus bewusst. Aber ganz am Anfang weiß ich nicht alles. Ich wusste nicht einmal, dass Anne sagen wird: "Da kannst du warten, bis du schwarz bist." Das war wahrscheinlich ein Auslöser für die Fantasie des Folgenden.

Den Teil der Geschichte, der in der Schweiz spielt, könnte man auch als Kritik an dem Selbstbild der Schweiz lesen?

Nicht an der Schweiz, aber an ihren Selbstbild durchaus. Wir Schweizer haben ein kollektives Defizit, zumindest die Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Da gibt es eine seltsame bizarre Scham oder Verwirrung, kein Schicksal gehabt zu haben. Wir sind umgeben von Menschen, die völlig unfreiwillig ganz Schreckliches durchgemacht haben, und wir Schweizer haben nichts dergleichen erlebt. Das ist natürlich Glück, aber komischerweise sind wir irgendwie neidisch auf diejenigen, denen diese pathetischen Dinge geschahen. Und das Buch beschreibt ein bisschen dieses Denken.
Kuno, der von sich selbst denkt, ihm passiere gar nichts, erlebt plötzlich sehr, sehr viel. Noch drastischer ist das bei seinem Vater, von dem er denkt, der sei ein Langweiler gewesen und habe nie irgendwas gemacht hat. Im Altersheim stellt sich heraus, dass der Vater außerordentlich viel erlebt und auch politisch Sinnvolles getan hat. Ein Nachrichtendienst ist ja nichts Böses, wenn er den Faschismus bekämpft. Diese Geschichten haben sich in mir immer weiterbewegt, auch konkret diese Wiking-Geschichte. Auch wir haben Schicksal.

Aber ein bisschen kann man doch eine Kritik heraushören? Berger sagt im Altersheim, er sei ein Kriegsgewinnler gewesen und parallel dazu steht die Brauerei im Kongo, wo die Direktoren Weiße sind oder zumindest anfangs waren.

Ja, aber das ändert sich schließlich. Ich korrigiere ein bisschen die Unterschiede. Natürlich wird auch die Schuldfrage diskutiert, aber der Herr Berger ist ja eigentlich eine positive Figur. Natürlich, er verkauft die - von mir erfundene - Optik, diese Leute gab es natürlich. Und einer der großen Gesuchten in dem Wiking-Puzzle ist ein Industrieller, der so handelte wie Berger im Buch. Das Buch will sich ja nicht blind stellen, aber die Figuren im Buch stellen sich schließlich auch nicht blind, wissen letztlich, was geschieht. Insgesamt ist das eines meiner positivsten Bücher.

Zur VergrößerungSteckt auch ein bisschen Globalisierungskritik dahinter?

Nein, eigentlich nicht. Eine Brauerei in Kisangani ist an sich ja nichts Böses. Und Anselm und Willy sind keine Bösen. Sie produzieren das Osterbock: Beim Osterbock wird man schwarz, und das ist großartig. Aber mein Buch hat natürlich mit Kolonialismuskritik zu tun und dem Versuch zu zeigen, dass Mobutu ein ziemliches Schwein war. Heute benötigt man den Hinweis vielleicht weniger, weil Mobutu zum einen vergessen ist, zugedeckt durch die Nachfolger, die die gleichen Schweine sind, und zum anderen wurde bei seinem Tod alles noch einmal nach oben geschwemmt. Aber als ich den Roman schrieb, lag der Kongo völlig im Schatten der Geschichte, und die kannte ich ja gut von Joseph Conrad. Eine der schlimmsten Kolonialgeschichten Schwarzafrikas, ja der Welt. Das liegt an Leopold dem Zweiten, le roi de belge, der ein absolutes Monster war. Und darauf folgte eine Kette der Ausbeutung. Das Tragische ist, dass sehr bald auch die Kongolesen darin verstrickt waren.

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Was hat sie besonders an Afrika interessiert. Die Kolonialgeschichte oder eher, wie andere Kulturen funktionieren?

Es war beides: Die weißen Flecken auf der Landkarte - also etwas, was man nicht weiß - mit Inhalten zu füllen. Das hat auch etwas mit Utopie zu tun, mit dem, was alles möglich wäre. Heute ist jeder Quadratmeter der Erde praktisch durchschritten, und dadurch sind uns die auf die Welt projizierbaren Forschungsträume gestohlen worden. Es gibt die Science-Fiction erst seit die Welt völlig erforscht ist. Vorher reichten Reiseromane durchaus aus.
Zum anderen ist Schwarzafrika bis heute etwas wie - bitte nicht falsch verstehen - der Urzustand des Menschen vor jeder Zivilisierung. Bis heute transportieren afrikanische Kulturen etwas vom Triebhaften des Menschen, das noch nicht so gebändigt ist wie in unserer westlichen Kultur. Das ist natürlich nur ein Bild, weil die Realität viel komplexer ist, auch und gerade in Afrika. Und dann interessiert mich die Verschiedenheit der Kulturen. Dieses Fremde hat etwas außerordentlich Faszinierendes, vor allem, um es als Romancier für seine Zwecke auszubeuten.

Bei der Beschreibung des Festes wird ja das Mystische deutlich. Verstehen Sie das unter Urzustand?

Ja, natürlich hat es etwas damit zu tun. Ich hätte aber eher magisch gesagt. Mystik ist zu besetzt durch das Christentum. Aber hier ist es ein Denken in Magie. Das ist übrigens auch im realen Schwarzafrika so faszinierend, dass die Schwarzafrikaner bis in politische Entscheidungen hinein magisch denken. Und ich bin der letzte, der sich darüber lustig macht. Sie setzen sich nicht - wie wir - über magische Signale hinweg. Und einen Dichter interessiert natürlich das Magische sehr. Schreiben hat ja auch etwas mit Zauberei zu tun. Und in so einem Buch konnte ich den Schwarzen in mir loslassen.

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Das Magische hat was mit Ihnen persönlich zu tun?

Es ist ja nicht grundlos, wenn ein Autor immer in der Ich-Form schreibt. Im Roman ist das ein sechzigjähriger Mann. Das heißt, ich halte meinen Helden verhältnismäßig nahe bei mir, um ihn verstehen zu können. Dennoch ist er nicht ich. Ich bin kein Altenpfleger, war nicht in Afrika, leite keine Brauerei und habe auch keine Anne, bedauerlicherweise. Aber in dem Buch sind meine magischen Hoffnungen enthalten.

In ihrem Buch gibt es nicht nur das Magische, sondern auch den realistischen Alltag des heutigen Afrika.

Ja, die politische Realität hat das Buch in einer verblüffenden Weise bestätigt. Das gibt es eine Machtpolitik, Rechtlosigkeit, Schlächterei, Horror. Von den dortigen Machthabern ausgehender Horror. Kabila ist keine Spur angenehmer als Mobutu, der allerdings schwer zu übertreffen ist. Der ganze Roman hat als Basis eine realistische Struktur. Es ist kein erfundenes, kein Traum-Afrika. Ich habe zwar vieles frei Faust erfunden, habe es dann aber checken lassen. So ein Zollbeamter am Flughafen von Kinshasa ist völlig denkbar. Er beruht aber auf Dingen, die man mir erzählt hat. Manche meiner Beschreibungen mussten auch korrigiert werden. Mir war zum Beispiel nicht bewusst, wie grauenvoll Kinshasa aussah und aussieht. Ohne Krieg eine Kriegslandschaft. Ich hatte immer die Vorstellung von einem strahlend blauen Himmel. Das ist natürlich quatsch, es ist ein Regengebiet. Über dem Urwald hängt sehr viel Dunst. Solche Dinge bekommt man dann korrigiert von Leuten, die sich dort auskennen.

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Ihre Bücher sind zum einen leichte Lektüre. Sie lesen sich sehr flüssig und sind sehr komisch, oft absurd. Trotzdem gibt es immer etwas, was dahinter steckt, was sehr uneindeutig ist und eine andere Ebene hat.

Ja, ja. Ich bin früher oft mit so einer Art lustigem Purzel von den Alpen verwechselt worden. Manche hielten mich für einen Satiriker, ein Basismissverständnis, das ich aber überhaupt nicht korrigiere. Das korrigiert sich ja heute auch von selbst. Aber am Anfang dachte man, ich sei einfach ein Lustiger, weil ich gern lache.

Was sagen Sie zu den Illustrationen zu ihrem Buch von Tina Good?

Ja, die kann was. Das gefällt mir sehr. Ich habe keine Angst vor Illustration, denn in der Regel fürchten sich Autoren ja eher. Wenn sie die eigenen Bilder im Buch plötzlich materialisiert sehen, dann ist das für einige schwierig. Aber wirklich, die Arbeiten von Tina Good sind sehr gut.

Mit Urs Widmer sprachen Ingmar Weber und Jürgen Sander

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Urs Widmer
"Im Kongo"
Mit 15 farbigen, überwiegend ganseitigen Illustrationen von Tina Good
Buchgestaltung: Anke Rosenlöcher
Bedrucktes Leinen mit Schutzumschlag
176 Seiten
€ 21,00/ SFR 33,50

Leseprobe »

Urs Widmer,

geboren 1938 in Basel, studierte Germanistik, Romanistik und Geschichte in Basel, Montpellier und Paris. 1966 promovierte er mit einer Arbeit über die deutsche Nachkriegsprosa und war dann als Verlagslektor tätig. Heute lebt und arbeitet Urs Widmer als Schriftsteller in Zürich, ist verheiratet und hat eine Tochter.

Tina Good
© Jürgen Sander

Tina Good,

geboren 1976 in Männedorf (Schweiz) studierte Illustration an der Hochschule für Gestaltung und Kunst in Luzern. Mit ihren Illustrationen zu "Im Kongo" gewann sie den Büchergilde-Gestalterpreis 2003, den die Büchergilde Gutenberg für Studierende an dieser Hochschule ausgeschrieben hatte. Heute lebt und arbeitet Tina Good als freischaffende Illustratorin und Trickfilmerin in Zürich.

 

 

 

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