"Faszinierende Kinder, die eine ungeheure Vitalität haben!"
Interview mit Hartwig Weber über sein Fotoprojekt mit Straßenkindern und soziale Missstände in Kolumbien
Hartwig Weber/
Sor Sara Sierra Jaramillo
"Narben auf meiner
Haut"
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| Hartwig Weber © privat |
Worum geht es in Ihrem Buch "Narben auf meiner Haut"?
Das Buch soll Menschen, die offen sind für Probleme, die die ganze Welt
betreffen, mit dem Thema Straßenkinder konfrontieren. Dieses Thema ist
für mich gewissermaßen ein Abholthema.
Es schließt die Menschen auf - emotional, persönlich, weil alle
Menschen Kinder haben oder einmal Kind waren. Plötzlich stehen sie dem
Phänomen gegenüber, dass Kinder in einer anderen Situation, in einer
anderen Welt völlig anders leben. Dass sie zwar die gleichen Interessen
und Wünsche haben, aber ganz andere Lebensbedingungen. Wenn man das weiß,
möchte man natürlich wissen, was da noch los ist, wie es kommt, dass
Kinder in dieser Situation leben, und was die Gründe dafür sind.
Das heißt, wenn wir erreichen können, dass sich Menschen hier mit
der Situation dort auseinandersetzen, dass kann man auch davon ausgehen, dass
sie auch von den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen
das eine oder andere wissen wollen. Deshalb führt das Buch über das
Thema Straßenkinder in globalere Fragestellungen und Probleme ein.
Können Sie etwas zu Ihrer Co-Autorin sagen?
Sor Sara Jaramillo ist Nonne und Direktorin einer Lehrerbildungseinrichtung,
der Escuela Normal Superior und sie ist gleichzeitig Direktorin aller Lehrerbildungseinrichtungen,
aller Normales in Kolumbien.
Mit ihr und über sie versuche ich zu erreichen, dass in die Lehrerbildung
das Thema Straßenkinder-Pädagogik eingeführt wird. Es gibt
viele Projekte, viele Ansätze, viele Programme, die sich mit Straßenkindern
beschäftigen - alle karitativ. Mein Ansatz aber ist pädagogisch,
weil ich glaube, diese Straßenkinder müssen nicht nur durch Essen,
Kleidung und Gesundheitsfürsorge am Leben gehalten werden, sondern sie
müssen auch ein bessere, menschenwürdigere, offenere Zukunft haben,
und das gelingt nur durch Bildung.
Ihr Engagement in Kolumbien begann ja schon viel früher?
Ich war in den Siebzigerjahren im Erziehungsministerium Kolumbiens zuständig
für die Reform der Lehrerausbildung. Ich habe damals, außerhalb
meiner Arbeit, in Slums gearbeitet und bin schließlich auf das Problem
der Straßenkinder gestoßen. Als ich aus Kolumbien zurückkam
und hier eine Professur angenommen habe, lag es nahe, das Thema weiter zu behandeln.
Meine Studenten waren sehr interessiert und eines Tages haben sie zu mir gesagt: "Warum
reden wir immer nur theoretisch über die Probleme in Kolumbien, fahren
wir doch hin und machen was." Daraus ist vor etwa 2 Jahren das Projekt
Patio 13 mit dem Buch Narben auf meiner Haut entstanden.
Patio ist ein Ort, wo die Kinder hingehen können, nachdem sie die Nacht
auf der Strasse verbracht haben. Dort können sie sich ausschlafen, können
sich waschen, bekommen etwas zu essen, können spielen, können reden,
können ihre Wunden ausheilen lassen, die sie sich in der Nacht zugezogen
haben.
Wie kommt es zu dem Titel Narben auf meiner Haut?
Das Sprechen über die Narben, die sie auf der Haut haben, drängt sich eigentlich auf. Erstens haben alle Straßenkinder Narben, zweitens sind diese Narben etwas ganz Typisches für sie und drücken aus, wie sie permanent einer enormen Gewalt ausgesetzt sind. Sie erzählen sehr gerne, wo sie sich diese Narben zugezogen haben, und wenn man ihr Vertrauen gewonnen hat, dann braucht man ihnen eigentlich nur zuhören und erfährt sehr viel über ihre äußeren und inneren Narben und damit über ihr Leben, ihre Einstellungen, ihre Wünsche.
Warum wählten Sie die Fotografie für Ihr Projekt?
Man kann den Kindern nicht die eigenen Vorstellungen überstülpen,
sondern muss sie erst kennen lernen, muss verstehen lernen, was sie wollen
und was sie brauchen. Mit den Fotoapparaten konnten wir sie einfacher fragen: "Sagt
ihr mal, wer ihr seid, wie empfindet ihr euch und welche Perspektiven habt
ihr?" Darüber hinaus hat das Fotografieren gegenüber dem bloßen
Reden den Vorteil, dass man viel schneller viel mehr zeigen und ausdrücken
kann. Gerade für Kinder, die nicht so eloquent sind und beispielsweise
nicht schreiben können. Es ist eine einfachere, emotionalere und umfassendere
Art, sich auszudrücken.
Wir haben 100 Einwegkameras an die Straßenkinder ausgeteilt und gesagt,
sie sollen uns doch Bilder bringen. Allerdings dachten wir, sie bringen sie
nie zurück, verhökern sie an der nächsten Ecke, aber das war
falsch. Erstaunlicherweise haben wir etwa 80 % der Kameras wieder bekommen.
Waren sie überrascht, welche Motive sie bekommen haben?
Ja! Ich glaube, dass es einen großen Unterschied gibt zwischen dem, was Straßenkinder, die sich selbst zeigen wollen, fotografieren, und dem, was wir aufnehmen würden. Unsere Art zu fotografieren ist sehr an Vorurteilen orientiert. Straßenkinder wählen Situationen, die schön sind, geordnet sind, die zeigen, was sie können. Sie sind meist sehr fröhlich. Sie zeigen sich nie mit Drogen, sie zeigen nicht den Dreck, sie zeigen ihre cambuches, ihren Behausungen aus Stoff, aus Pappe und Blech, und sie zeigen, was ihnen gelingt.
Einige
Kinder liegen Ihnen besonders am Herzen?
Ja, im Laufe des Buches identifiziert man sich mit manchen. Das abgebildete Foto zeigt zwei junge Frauen: Marcela (24) und Erika (15). Marcela war, als das Projekt begann, der erste Kontakt auf der Straße und sie ist bis zum Schluss dabei geblieben. Von ihr und Erika hörte man da mal etwas, sah dort mal etwas. Auf diese Art und Weise ist es möglich, sich selbst und das, was man erfährt und hört, denkt und fühlt, an zwei ausgewählten Personen fest zu machen.
Sie haben bei ihrem letzten Besuch in Kolumbien versucht, Marcela wieder zu finden?
Zurzeit ist sie im Gefängnis. Das Buch endet damit, dass ich vergeblich nach ihr suche. Zu dem Zeitpunkt habe ich geglaubt sie seit tot, weil wir an allen möglichen Stellen nach ihr gesucht haben. Zuvor hatten wir erreicht, dass sie von einem Straßenkinderprojekt in Bucaramanga aufgenommen werden würde. Es ist sehr schwer, jemanden, der über 20 Jahre alt ist, in einem Projekt unterzubringen, noch dazu eine Frau mit zwei Kindern. Aber wir hatten es geschafft. Kurz darauf war sie trotzdem weg, wie vom Erdboden verschluckt. Dann musste ich abreisen. Als ich einige Wochen hier war kam die Nachricht, sie sei wieder aufgetaucht und man habe sie in einem Programm für Straßenkinder untergebracht. Aber dann hat sie Konflikte bekommen, hat rebelliert und sich schließlich erneut aus dem Staub gemacht. Sie hat es nicht ausgehalten das ist symptomatisch für viele. Kurz darauf wurde sie beim Verkauf von Drogen festgenommen und kam ins Gefängnis.
In Ihrem Buch schreiben Sie, Straßenkinder hätten ganz erstaunliche mathematische Fähigkeiten?
Man stellt in den Programmen für Straßenkinder oft fest, dass diese große Begabungen haben, dass sie intelligent und künstlerisch begabt sind wie andere Kinder auch. In unserem Projekt machen wir auch kleinere Forschungen. Wir versuchen zunächst herauszufinden, was die Eigenarten der einzelnen Kinder sind, was ihre Überlebensstrategien und Techniken. Dabei stellen wir fest, dass sie eine eigene Art zu lesen haben und eine eigene Art zu rechnen. Kinder in der Schule rechnen anders und bekommen das Rechnen auf eine andere Art beigebracht. Straßenkinder vollziehen eigene mathematische Operationen, und im Vergleich stellt man fest, dass sie besser und schneller rechnen. Vielleicht hängt das damit zusammen, dass das Rechnen davon motiviert ist, das Überleben zu sichern, was ja bei Kindern in der Schule weniger der Fall ist.
Sie haben mittlerweile auch eine Druckerwerkstatt eingerichtet. Welche Idee steckt dahinter?
Um Dinge zu fördern, haben wir zweierlei eingerichtet: Erstens eine Druckerwerkstatt. Das ist ganz neu, ist jetzt im August erst angelaufen. Die Straßenkinder lernen dort, ihren Namen, den Namen ihrer Freundin oder wichtige Botschaften mit beweglichen Lettern zu drucken. Einer hat zum Beispiel ein Liebesgedicht für seine Freundin gedruckt. Das zweite: Ich treffe zurzeit Vorbereitungen für die Einrichtung eines Computerraumes, damit Straßenkinder die Möglichkeit haben, wie Kinder überall auf der Welt im Internet zu surfen.
Kann man die Verhältnisse auch auf Deutschland übertragen?
Ja und nein. Man kann ja sagen, dass das Phänomen Straßenkinder früher eine Art Symbol war für arme Entwicklungsländer, für die Dritte Welt. Das hat sich in den letzten Jahren gründlich geändert, nachdem es Straßenkinder in vielen industrialisierten Ländern, sogar in Deutschland gibt. Damit hatten wir nie gerechnet. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen Straßenkindern in Deutschland und Straßenkindern in Kolumbien, aber auch Gemeinsamkeiten. Auf jeden Fall gibt es eine Notwendigkeit, sich auch hier damit auseinanderzusetzen. Vielleicht kann man in Deutschland von einem Land wie Kolumbien auch profitieren, weil es dort dieses Phänomen schon dreihundert Jahre gibt: Es wird seit langer Zeit beobachtet und es gibt Programme und Erfahrungen, wie man mit Straßenkindern umgehen kann.
Wie beurteilen Sie die politischen Verhältnisse in Kolumbien? Bürgerkrieg, Drogenkartelle Gibt es eine Perspektive für die Zukunft?
Es gibt einen neuen Präsidenten, und viele Kolumbianer verbinden mit Alvaro Uribe eine große Hoffnung. Er ist so etwas wie eine letzte Hoffnung, auch für viele Intellektuelle und Linke. Zunächst ist von Verbesserung noch sehr wenig zu spüren, es gibt fast wöchentlich neues Massaker und Konflikte mit der Guerilla. Auf der anderen Seite bessert sich die Situation auf dem Land. Bevor Uribe sein Amt angetreten hat, konnte man nicht aus den Städten herausfahren, weil die Situation so gefährlich war und man damit rechnen musste, dass man angehalten und entführt wird. Er hat in spektakulären Aktionen die Straßen wieder sicher gemacht. Solche kleinen Fortschritte gibt es.
Wen wollen Sie mit Ihrem Buch erreichen?
Ich will mit den verschiedenen Materialien Bewusstseins-Veränderungsprozesse einleiten und den Leuten sagen: "Ihr lebt hier in Frankfurt oder in Heidelberg nicht im Zentrum der Welt, die Welt ist größer, die Verflechtungen sind profunder und unsere Verantwortung für Situationen, die nicht so gut sind wie hier, die ist gegeben." Heute redet kaum mehr jemand über die Dritte Welt, als wären die Probleme der so genannten Dritten Welt gelöst, als wären die Wirtschaftsbeziehungen nicht genauso ungerecht wie früher. Darauf, auch wenn das Thema derzeit keine Konjunktur hat, permanent hinzuweisen, ist wichtig. Und es gelingt schon, den einen oder anderen anzustoßen, wachzurütteln und zu informieren.
Was können wir von den Kindern lernen?
Es sind faszinierende Kinder, die eine ungeheure Vitalität haben. Die Lebensumstände sind denkbar misslich, gefährlich und menschenunwürdig. Die Kinder lachen, sind fröhlich und haben eine ungeheuer lebendige Zukunftshoffnung. Das ist schon erstaunlich. Sie haben eine große Kraft und Kreativität und Vitalität. Man kann sehr vieles von ihnen lernen Kolumbianer sind wunderbare und anregende Menschen.
Sie lieben offenbar das Land Kolumbien?
Das ist so eine Sache, wissen Sie. Man redet stundenlang über Elend, Not und Armut, aber das ist nur die eine Hälfte der Wahrheit. Die andere Hälfte ist die Schönheit dieses Landes, die kulturelle Vielfalt, die attraktiven Seiten. Wenn ich mit meinen Studenten nach Kolumbien gehe, dann müssen die auch ans Meer zum Baden fahren, müssen auch kolumbianisch essen und müssen auch Abende mit Tanz und Musik erleben. Das gehört mit zur Realität dieses Lebens. Das Land ist sehr ambivalent, aber man kann nicht nur im Elend waten und denken, man hätte irgendetwas verstanden.
Das Gespräch führte Jürgen Sander
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Hartwig Weber/ |
Hartwig Weber
wurde 1944 in Neustadt an der Weinstraße beboren. Nach dem Studium der Evangelischen Theologie und Pädagogik wurde er 1977 zum Professor an der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg berufen, an der er seit 1984 auch wieder lehrt. Er ist verheiratet und Vater von vier Kindern.
Sor Sar Sierra Jarramillo
wurde 1964 geboren und gehört dem Orden der Salesianerinnen an. Seit 1998 ist sie Direktorin eines Lehrerausbildungszentrums in Copacabana bei Medellín. Zusammen mit Hartwig Weber leitet sie das Projekt Patio 13.
Patio
13 - Schule für Strassenkinder ist ein Projekt internationaler Zusammenarbeit
zwischen der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und der Escuela Normal
Superior in Copacabana (Kolumbien). Mehr Informationen finden Sie unter www.patio13.de








