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"Es gibt keine Stabilität."

Hartwig Weber über die Straßenkinder in Kolumbien und ihre Überlebensstrategien

 

Mehr zum Buch
Hartwig Weber/
Sor Sara Sierra Jaramillo
"Das blutende Herz "
Religion der Straße
Originalausgabe
Mit 100 Farbfotos
Farbig bedruckt
Fester Einband mit Schutzumschlag
216 Seiten
€ 19,90 / SFR 32,—


Leseprobe »

Worum geht es in Ihrem Buch Das blutende Herz. Religion der Straße?

Religion ist für den Menschen das Intimste, was es gibt. Wenn ich andere Menschen verstehen und Ihnen näher kommen will und etwas weiß von ihrer Religion, dann verstehe ich etwas sehr Intimes von ihnen. Die Kenntnisse über Religion von anderen Menschen erschließen mir ihre Gefühle, ihre Orientierung in der Welt, im Alltag und ihre Motivation das eigene Leben einzurichten. Das ist das erste Interesse. Auf der anderen Seite ist es so, dass man komplizierte Phänomene oft in Extremsituationen leichter erkennt.
Religion unter den Bedingungen der Straße heißt auch: Wenn ich von dieser Religion der Straße etwas verstehe, dann verstehe ich auch etwas von Religion insgesamt. Wenn ich also den Umweg mache über die Straße in einem Land wie Kolumbien, einem Entwicklungsland, gespiegelt in der Existenzform von Kindern und Jugendlichen, Erwachsenen, die auf der Straße leben, erkenne ich plötzlich auch etwas über die eigene Religion, die mir natürlich sehr viel unzugänglicher ist, obwohl sie mir näher ist.

Sie haben ja bereits ein Buch bei der Büchergilde veröffentlicht. Inwieweit kann man Das blutende Herz als Fortsetzung von Narben auf meiner Haut lesen?

Auf der einen Seite setzt sich mein Interesse fort, Bewohner der Straße kennen zu lernen. Es setzt sich fort die Begleitung und Beobachtung von einzelnen Personen. Personen, die im ersten Band vorkommen, tauchen im zweiten wieder auf. Auf der anderen Seite gibt es auch einen ganz neuen Zugang verbunden mit dem Wunsch, dass sich Leser, die Interesse am ersten Band gewonnen haben, auch Interesse an diesem zweiten Band, an der Fortsetzung und Vertiefung haben.
In Das blutende Herz haben mich vor allem folgende Fragestellungen interessiert: Wie orientieren sich Menschen in extremen Situationen, wie sehen deren Überlebensstrategien aus, wie sieht deren Alltagsphilosophie aus, und wie sehen Religion und Religiosität aus.

Was kann die Religiosität den Straßenkindern geben?

In einem Land wie Kolumbien, das ganz stark vom Katholizismus geprägt ist, ist Religion zunächst ganz klar die christliche Religion. An den Rändern kommen aber auch andere Glaubensformen ins Spiel, einmal die Religion indigener Gruppen aber auch religiöse Traditionen von Schwarzen. Eine Sonderform der kolumbianischen Volksfrömmigkeit ist die Religion der Straße. Es zeigt sich, dass die Religion auf der Straße auch eine Möglichkeit ist, sein Leben zu strukturieren und zu ordnen. Das Leben auf der Straße ist extrem gefährdet, extrem gefährlich, extrem ungesichert. Die Funktion von Religion, nämlich, dass sie hilft, das Leben und den Alltag zu bewältigen, das gewinnt an Bedeutung gerade in so extremen Situationen wie der Straße. Wenn die nächste Stunde und der nächste Tag ungesichert ist, wenn es überhaupt keine Möglichkeit gibt, einen Sinn in seinem Dasein zu finden, entsteht ein großes Bedürfnis sich Zuspruch von außen zu holen und aus diesem Bedürfnis heraus wählen Straßenkinder bestimmte Elemente der Religion aus, machen sich diese Elemente zunutze und bewältigen dadurch ihr Leben.

Vielleicht können Sie in diesem Zusammenhang auch den Titel Ihres Buches erläutern: Das blutende Herz?

Das blutende Herz hat sich früher auf das Herz von Maria, der Mutter von Jesus, bezogen. Später ist in der Frömmigkeitsgeschichte daraus das blutende Herz von Jesus geworden. Das ist in südamerikanischen Ländern wie Kolumbien eines der wichtigsten religiösen Symbole. Darin drückt sich aus: das Blut, das Leiden, das Opfer, aber auch der Aspekt der Barmherzigkeit und Zuwendung. Die starke Zuwendung von Armen und Straßenkindern zu dem blutenden Herz drückt ihr Bedürfnis danach aus, dass sich irgendjemand ihnen zuwendet, dass ihnen ein Sinn und eine Zukunft zugesprochen wird, das es ein Jenseits gibt, wo es einen Ausgleich gibt für das, was ihnen das Leben vorenthält.

Straßenkinder haben ja auch meist einen kleinen Hausaltar, selbst wenn sie in einer selbstgebauten Hütte, oder unter einer Brücke schlafen.

Man muss wissen, dass religiöse Bilder, Heiligenbilder in Kolumbien sehr viel verbreiteter sind, als wir uns das vorstellen können. Und die Straßenkinder, die ja meist vom Land kommen, dort vertrieben wurden oder geflüchtet sind, versuchen, sich ihre Behausungen, ihre Hütten, ihren Schlafplatz so einzurichten, wie sie es aus ihren früheren Wohnungen kennen. Wenn man die Straßenkinder in ihren cambuches aufsucht, zum Beispiel unter Brücken, dann stößt man dort auf Altäre, oder man stößt auf religiöse Zeichnungen an den Brückenpfeilern oder man stößt auf Bilder. Und in diesem Buch haben wir ja eine ganze Reihe von solchen Situationen und Stellen dokumentiert.

Wie bereits in Narben auf meiner Haut beschreiben Sie auch in Ihrem neuen Buch die politische Situation in Kolumbien. Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, stand ja gerade Alvaro Uribe zur Wahl. Er war der Hoffnungsträger und ist der erste Präsident, der wieder gewählt wurde. Wie hat sich die Situation in Kolumbien verbessert?

Nun Uribe ist ja nun zum zweiten Mal gewählt worden und hatte ein großes Problem. Um wieder gewählt werden zu können, mußte Uribe die Verfassung ändern, das hat er durchgesetzt und ist jetzt mit weit über 50% wieder gewählt worden.
Unter Uribe hat sich sicher die öffentliche Sicherheit verbessert. Vor der Wahl von Uribe konnte man nicht aus den Städten raus. Jetzt kann man wieder von einer Stadt zur anderen fahren. Gruppen von Paramilitärs haben die Waffen abgegeben, andererseits hat sich für die ganz Armen die Situation eher verschlechtert. Die neue Regierung erhebt Abgaben, eine Art Kriegssteuer. Für die Armen gibt es eigentlich keine konkrete Verbesserung. Aus ihrer eigenen Sicht geht es ihnen eher schlechter. Trotzdem zeigt die Wahl, dass die Mehrzahl der Bevölkerung sich von Uribe eine, wenn auch teuer erkaufte, Verbesserung erhofft.

Wenn man über Politik und über Religion in Südamerika redet, liegt natürlich das Stichwort Befreiungstheologie nahe. Wie stehen Sie zu dieser Befreiungstheologie?

Als sie ihre Hochkonjunktur hatte, war sie hier in Deutschland bekannter als in Kolumbien. In Kolumbien gab es auf Seiten der katholischen Kirche immer eine große Zurückhaltung und so viel Boden gewonnen, wie es von hier aus erschien, hatte die Theologie der Befreiung überhaupt nicht. Und sie ist insbesondere heute nicht mehr aktuell. Das heißt nicht, dass diese Theologie nach dem 2. Vatikanischen Konzil nicht ganz konkrete Erfolge gehabt hätte, zum Beispiel auf unserem Gebiet, der Arbeit mit Straßenkindern. Viele Ansätze pädagogischer aber auch theologischer Art gehen auf die Folgen dieses Konzils zurück. Aber eine politische Theologie, die vom südamerikanischen Katholizismus getragen wird, sucht man weithin vergebens.

Sie haben ja das Projekt Patio 13 gegründet. Wie hat sich dieses Projekt inzwischen entwickelt?

Das Projekt ist inzwischen enorm gewachsen. Es ist zu einem großen Netzwerk geworden. Die Ausgangsidee war ja, den Straßenkinder nicht nur karitativ zu helfen, sondern sie durch Bildungsangebote zu befähigen, ein Stück weit die eigene Zukunft in die Hand zu nehmen und eine einigermaßen menschenwürdige Zukunft zu haben. Deshalb haben wir ein Netzwerk aufgebaut, zwischen den Bewohnern der Straße, Universität und Lehrerbildung mit dem Ziel, dass diejenigen, die das pädagogische Know How haben, Lehrer, Professoren, Ausbilder, Studenten, das Thema Straßenkinder für sich entdecken auf die Strasse gehen und mit Straßenkindern arbeiten. Und das funktioniert in Forschung und Lehre, in der Ausbildung und in der Herstellung und Publikation von Lehrmaterialien. Wir sind jetzt dabei, dieses Netzwerk jetzt auch in Deutschland zu realisieren.

Sie wollten ja auch eine Druckwerkstatt einrichten?

Wir bekommen jetzt eine Druckmaschine von Heidelberger Druck geliefert. Damit werden die Texte noch in Hand gesetzt. Dadurch wird die Alphabetisierungsarbeit mit Straßenkindern vorangetrieben. Die Straßenkinder werden ausgebildet, drucken ihre eigenen Texte und ihre eigenen Materialien und gewinnen vielleicht Spaß an der Sache und werden irgendwann Drucker. Eine ganz neue Idee ist, die Lyrikbox, die bei der Büchergilde angeboten wird, mit Straßenkindern zu produzieren. Damit können die Kinder künstlerisch arbeiten. Sie können ihre Lieblingsgedichte aufschreiben, eigene Geschichten verfassen und drucken und lernen damit auch besser lesen und schreiben. Darüber hinaus können sie sich aber auch selbst darstellen und lernen zu kommunizieren.
Diese Druckmaschine wird das Zentrum sein für die Lehrerfortbildung mit dem Schwerpunkt Straßenkinderpädagogik.

Sie hatten ja auch vor in Kolumbien, in Medellin, einen Lehrstuhl einzurichten für Straßenkinderpädagogik. Das haben Sie glaube ich, mittlerweile erreicht?

Ja, und was ich Ihnen noch nicht erzählt habe ist, dass ich hier mittlerweile ein Netzwerk eingerichtet habe ausgehend von der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg in Kooperation mit der Universität Heidelberg, mit der Universität Freiburg und der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Diese 4 Institutionen bauen einen Masterstudiengang Straßenkinderpädagogik auf. Zurzeit bereiten wir gerade einen Akkreditierungsantrag vor, und wir hoffen die Akkreditierung im Wintersemester nächsten Jahres durchzubekommen und dann würden wir sowohl in Freiburg als auch in Heidelberg diesen Studiengang anbieten.

Das geht dann über den Schwerpunkt Kolumbien hinaus?

In Kolumbien wurde dieses Modell aufgebaut und die Idee ist, das auf andere Länder zu übertragen. Der Ansatz ist interkulturell, fächerübergreifend, institutionenübergreifend und er ist interkonfessionell. Für Hochschulen ist das natürlich eine Möglichkeit sich zu profilieren.

Auch in Das blutende Herz schreiben Sie die Geschichte von Marcella fort.

Die Hauptperson der beiden Bücher, Narben auf meiner Haut und jetzt auch von Das blutende Herz ist diese junge Frau, Marcella. Wir begleiten sie jetzt schon über 5 Jahre. Und es ist auch eine Möglichkeit anhand ihrer Geschichte mitzuerleben, wie ein solches Schicksal verläuft und seine ganze Tragik zu verstehen. Es gibt über sie nichts Positives zu berichten. Es gibt uns aber die Möglichkeit aus ihrer Geschichte zu lernen.

Narben auf meiner Haut endete damit, dass Marcella verschwunden war. Und auch in Das blutende Herz sind Sie vergeblich auf der Suche nach ihr.

Das ist leider typisch, dass Personen verschwinden, dass Personen umkommen, an einem ganz anderen Ort wieder auftauchen. Es gibt keine Stabilität und daher ist es für uns eine Arbeit unter erschwerten Bedingungen Das macht eine Pädagogik notwendig, die wir noch nicht kennen. Wir arbeiten mit Gruppen, die völlig inhomogen sind, die unterschiedlichste Voraussetzungen mitbringen und die nicht dauerhaft sind. Das macht einen ganz anderen Zugang notwendig. Das heißt, man kann eine Pädagogik der Erwachsenenbildung oder der Schule in Europa überhaupt nicht übertragen.

Wir hatten auch beim letzten Mal schon darüber gesprochen, dass Marcella im Grunde zu alt war, um mit größerem Aussicht auf Erfolg in Ihrer Einrichtung betreut zu werden.

Die meisten Einrichtungen lehnen Ältere ab. Es gibt für 18- oder 20jährige und ältere so gut wie keine Angebote, weil viele sagen, das lohnt sich nicht. Für das gleiche Geld kann man 10 oder 15 Jüngeren helfen.
Das ist aber für mich und für uns kein Gesichtspunkt. Was für uns zählt ist, dass hier ein Mensch ist, dem wir eine Perspektive eröffnen wollen, bei aller Unwahrscheinlichkeit und bei allem Pessimismus, der immer neu bestärkt wird durch das, was passiert.

Die Fragen stellte Jürgen Sander.

Mehr zum Buch

Hartwig Weber / Sor Sara Sierra Jaramillo
"Narben auf meiner Haut "
Straßenkinder fotografieren sich selbst
Originalausgabe
Mit 90 vierfarbigen Fotos
Geprägtes Leinen mit Schutzumschlag
200 Seiten
€ 19,90 / SFR 32,-

 

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