"Die Welt im Wassertropfen"
Ingo Schulze erzählt in seinem Roman Neue Leben von der Wendezeit in der ostdeutschen Provinz und wie der Westen in den Kopf seines Protagonisten Enrico Türmer kam. Im Interview berichtet Ingo Schulze von der Arbeit an seinem Roman und der ehemaligen DDR
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Lieber Herr Schulze, können Sie kurz erzählen, worum es in Neue Leben geht?
Ich hoffe ja immer, dass es um Alles geht, dass es gelingt, die Welt im Wassertropfen zu zeigen. Der Wassertropfen wäre in diesem Fall die ostdeutsche Provinz im ersten Halbjahr 1990, der Aufstieg eines verzweifelten Schriftstellers zum glücklichen Zeitungs- und Geschäftsmann, der mit seinem bisherigen Leben abrechnet. Seinen Aufstieg wie auch seine Vergangenheit erfährt man sowohl aus Briefen wie auch aus seinen Erzählungen, denn einen Teil seiner Briefe schreibt Enrico Türmer auf der Rückseite von Manuskripten.
Der Werdegang des Hauptprotagonisten ähnelt Ihrem eigenen Lebenslauf. Inwieweit ist dieses Buch Fiktion und inwieweit ist es eine Autobiografie?
Die Lebensstationen von Enrico Türmer, der Hauptfigur, entsprechen meinen eigenen. Wenn man mit Ortsangabe und Datum arbeitet, dann sollte man auch wissen, wie es sich damals angefühlt hat. Natürlich muss man auch recherchieren, um sich hier und da zu vergewissern, aber das wichtige ist doch die Erfahrung: Wie war es im Herbst 1977 in einer Schule oder Ende 1981 bei der Armee oder am 9. Oktober in Leipzig, wie lange hatte man Angst. Vor diesem Hintergrund beginnt dann die Erfindung. Erfinden muss man auf jeden Fall, nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil es um die Stimmigkeit auf dem Papier geht.
Der fiktive Herausgeber kommentiert die Briefe in Fußnoten. Warum haben Sie sich für diese Fußnoten entschieden. Können Sie damit etwas ausdrücken, was sonst verloren gehen würde?
Die Figur des Herausgebers, die ja meinen Namen trägt, bot sich durch die “Briefedition“ an, er ist sozusagen der Reisebegleiter des Lesers und scheint auch hier und da ganz nützliche Hinweise zu geben. Wichtig ist aber, dass er Türmers Erzählungen korrigiert, relativiert und zum Teil ganz in Frage stellt. Zugleich offenbart der Herausgeber mehr und mehr seine eigenen Ambitionen.
In Ihrem Roman prallen der Westen und der Osten aufeinander. Der Osten befindet sich im Umbruch. Niemand weiß, wohin die Reise geht. Welche Richtung hat sich heute durchgesetzt?
Der Osten war eine Welt, in der die Worte die Zahlen verdeckt haben. Das ideologische Bekenntnis war wichtiger als jede Schulnote oder Arbeitsleistung. Daran ist ja auch der Ostblock kaputtgegangen. Spätestens mit der Währungsunion schoben sich die Zahlen vor die Worte. Man konnte sagen, was man wollte solange “es sich rechnete“. Bedeutung hat nur, was “zählt“, was sich in Zahlen ausdrücken lässt. Deshalb fand ich den Wechsel des Schriftstellers zum Geschäftsmann auch beispielhaft für diese Zeit. Aber auch im Westen hatte das Wort bis zum Ende des kalten Krieges eine größere Bedeutung. Nach 1989 musste man es niemandem mehr beweisen, dass man die beste aller existierenden Welten ist. Die ungebremste Ökonomisierung nahezu aller Lebensbereiche, die Verarmung und seelische Erkrankung von immer mehr Menschen, die wachsende Ungerechtigkeit machen es notwendig, wieder über die Worte hinter den Zahlen zu reden, und die Zahlen nicht länger wie Naturereignisse hinzunehmen.
Sie gelten ja seit „Simple Stories“ als der Autor des Wenderomans, den alle erwartet und herbei gesehnt hatten. Wie ging es Ihnen mit dieser Erwartungshaltung?
Erwartet zu werden ist immer besser, als nicht erwartet zu werden. Ich war und bin sehr dankbar für diese Aufmerksamkeit.
Viele Westkommunisten dachten, wie die Figur Roland in Neue Leben, sie müssten nach der Wende den Bürgern der Ex-DDR den Kommunismus erklären. Wie haben Sie selbst das erlebt?
Es ist immer komisch, wenn einem, gleichgültig von welcher Seite, das Leben in der DDR erklärt wird. Durch die Mauer war die DDR indiskutabel geworden, sie behandelte ihre Bürger wie Eigentum, sie ließ ihnen ja nicht mal die Wahl, sich für sie zu entscheiden. Heute hat man die Möglichkeit, dieses Land besser einzuordnen, ohne dabei irgendetwas zu beschönigen. Ich hatte die Möglichkeit, in den letzten Jahren zweimal in Südamerika zu lesen. Denen muss ich nichts über Diktatur erzählen, die waren zum Teil dankbar, dass es den Ostblock gab. Jede neue Erfahrung verändert auch den Blick auf die Vergangenheit.
Ist die Wiedervereinigung gelungen und welche Herausforderungen hat dies an die Bürger der ehemaligen DDR gestellt. In Ihrem Buch erscheint es ja wie ein schleichender Prozess, der erst Jahre später bewusst gemacht werden kann. Immerhin erschien ihr Roman auch erst nach siebenjähriger Arbeit?
Die Wiedervereinigung ist insofern gelungen, als dass es keine Sezessionsbestrebungen gibt, wie wir sie aus anderen europäischen Ländern kennen. Und zugleich ist sie nicht gelungen. Die Landschaften blühen tatsächlich, weil es kaum noch Arbeit gibt. Im Endeffekt hat man mit dem Osten einen großen, staatlich subventionierten Absatzmarkt gewonnen, ohne sich mit lästiger Konkurrenz herumschlagen zu müssen. Man hat damals versäumt, die gesamte Bundesrepublik zu ändern. Daran haben allerdings auch die Ostdeutschen ihren Anteil, denn die verhielten sich zum Großteil wie Kinder, die an den Weihnachtsmann glaubten, obwohl sie es besser hätten wissen können.
Während der Montagsdemonstrationen in Leipzig ist Enrico Türmer, der ja eine ganze Reihe aufrührerischer Reden im Schreibtisch liegen hatte, vom Drang beseelt, eine heroische Tat zu begehen. Doch im entscheidenden Moment kommt ihm alles seltsam unrecht vor. Er befürchtet, dass die Uniformierten losschlagen und ruft die Parolen nicht mit. Ist das in etwa die Gemengelage in der sich viele DDR-Bürger befanden?
Da halte ich Türmer für recht untypisch. Sein Traum ist ja, in der DDR zu leiden, darüber zu schreiben und dann als gefeierter Dissident in den Westen zu gehen. Er ist gegen die DDR, braucht sie aber zur Erfüllung seines Traums. Als die DDR zu kippen beginnt, gerät er in einen Zwiespalt. Er verzweifelt, versinkt in Depressionen und befreit sich vielleicht sogar mit Hilfe des Teufels davon, in dem er ein neues Spiel für sich entdeckt, das Geld.
Das Roulette-Spiel in Monte Carlo wirkt wie eine Metapher für den „Westen“, für das Leben im Kapitalismus.“ Welche Veränderungen hat das Leben wirklich gebracht?
Das Roulettespiel ist natürlich eine sehr heutige Metapher. An der Börse, bei der Geldanlage, geht es ja vor allem darum, möglichst viel Geld hinzuzugewinnen. Inhalte spielen praktisch keine Rollen mehr. Wer will schon wissen, durch welche Geschäftsfelder sein Fond Geld macht, wenn es nur möglichst viel ist. Zudem ist der Playboy unser gesellschaftliches Leitbild geworden, also jemand, der in möglichst kurzer Zeit möglichst viel Geld ausgibt, damit die Binnenkonjunktur endlich anspringt.
Verändert hat sich im Osten tatsächlich alles: die Luft, das Geld, das Essen, die Häuser, die Reisen, die Sprache, der Kaffee, die Liebe, das Wasser, die Schulbücher, die Straßen und die Straßennamen... eben alles.
Gibt es wichtige Ost/West-Unterschiede in den Reaktionen auf Ihr Buch?
Im Osten werde ich ab und zu gefragt, ob man sich denn im Westen überhaupt für dieses Buch interessiert. Aber da konnte ich bisher die Frager wirklich beruhigen.
Ihr Protagonist Enrico Türmer will ja zunächst Schriftsteller werden. Schriftsteller genossen ja eine besondere Wertschätzung in der DDR sofern ihre Bücher gedruckt wurden. Können Sie den besonderen Nimbus der Autoren in der DDR erläutern?
Das hängt, wie gesagt, mit dieser Welt zusammen, in der die Worte die Zahlen verdeckten. Denken Sie an Biermann, ein Liedermacher erschüttert mit ein paar Zeilen ein ganzes Land und bekommt eine große Fernsehübertragung seines Konzertes. Das schaffen heute nicht mal alle lebenden Literaturnobelpreisträger zusammen.
Die Büchergilde verlegt seit kurzem die Reihe Verschwiegene Bibliothek, in der Literatur von Autoren erscheint, die in der DDR systematisch unterdrückt und verschwiegen worden war. Glauben Sie, dass die Literaturgeschichte der DDR korrigiert werden muss?
Jede Zeit schreibt ihre eigenen Geschichtswerke, und selbstverständlich ist es gut und begrüßenswert, wenn Literatur dem Vergessenwerden entkommt. Ich halte das für sehr verdienstvoll. Mir drängt sich dabei aber auch die Frage auf: Wer wird sich um jene Literatur kümmern, die nach 1989 aus ökonomischen Gründen keinen Verlag mehr findet. Ich habe Kollegen, zum Teil jünger als ich, die für ihr viertes oder fünftes Buch plötzlich keinen Verlag mehr finden, weil ihre Bücher nicht die finanziellen Erwartungen erfüllten, die man in sie gesetzt hat. Da helfen auch keine begeisterten Kritiken, ja nicht mal Übersetzungen.
Doch die Wende brachte für Künstler und Intellektuelle einen ungeheuren Bedeutungsverlust. Ihr Protagonist Enrico Türmer sagt in Neue Leben: „Was sollte ich, ein Schriftsteller, ohne Mauer?“ Wie haben Sie selbst diese Situation erlebt?
Ich war glücklicherweise kein Autor. Ich arbeitete am Theater und stürzte mich freiwillig ins Unternehmertum, ein Leben, das mich zumindest eine Zeit lang sehr erfüllt hat.
Wie sehen Sie auch vor diesem Hintergrund die Versuche, die DDR zu verklären und zu verharmlosen, insbesondere verkörpert in Nostalgie-Shows oder auch in dem Versuch, Ostprodukte an Nostalgiker zu verkaufen?
Ich glaube, Ost- und Westnostalgie entsprechen einander. Nostalgie entsteht immer, wenn man die Widersprüche vergisst, Nostalgien sind Halbwahrheiten.
Die Fragen stellte Jürgen Sander
Ingo Schulze wurde 1962 in Dresden geboren und lebt seit 1993 in Berlin. Der New Yorker zählte ihn zu den "Six Best European Young Novelists“, und der Londoner Observer nannte Ingo Schulze einen der "21 Autoren, nach denen man im 21. Jahrhundert Ausschau halten sollte“. Seine Bücher wurden mehrfach ausgezeichnet und in 25 Sprachen übersetzt.







