KultKrimis Fabelhaft

Belletristik

Jaume Cabré

Das Schweigen des Sammlers

Eugen Ruge

In Zeiten des abnehmenden Lichts

Herman Koch

Sommerhaus mit Swimmingpool

Ulrich Ritzel

Schlangenkopf

Robert Gernhardt/Rudi Hurzlmeier (Ill.)

Wenn schöne Frauen morgens sich erheben

Pete Dexter

Deadwood

Jan Brandt

Gegen die Welt

 

Petits Fours

Merav Salomon

Frostbeulen

Jeffrey Eugenides

Die Liebeshandlung

Sachbuch

Christian Felber

Gemeinwohl-Ökonomie

Wiglaf Droste/Nikolaus Heidelbach/Vincent Klink

Gemüse

Hermann Pölking

Ostpreußen

Ian Morris

Wer regiert die Welt?

Doug Saunders

Arrival City

Götz Aly

Warum die Deutschen?
Warum die Juden?

Sarah Kaminski

Adolfo Kaminsky. Ein Fälscherleben

Frank Nordhausen/Thomas Schmid (Hg.)

Die arabische Revolution

Kerstin Decker

Lou Andreas-Salomé

Jim al-Khalili

Im Haus der Weisheit

Kinder- und Jugendbuch

Ursula Poznanski

Saeculum

Richard David Precht

Warum gibt es alles und nicht nichts?

Louisa und Ida

Das ABC-Buch

Markus Osterwalder

Das Beste von Bobo Siebenschläfer

David Walliams

Gestatten, Mr. Stink

Mirjam Pressler/Thomas M. Müller (Ill.)

Mucksmäuschenstill

Britta Teckentrup

In der Stadt ist was los!

Rotraut Susanne Berner

Das ABC-Spiele-Buch

Hans Baltzer

Die Stadt im Wandel der Zeit

Per Olov Enquist

Großvater und die Schmuggler

Musik

Franz Josef Degenhardt

Gehen unsere Träume durch mein Lied. Ausgewählte Lieder: 1963-2008

 

Das deutsche Chanson und seine Geschichte(n) - 100 Jahre Brettlkunst, Teil 2

Lana Del Ray

Born to Die

Christina Pluhar

Los Pájaros Peridos

Adele

21

Malia

Black Orchid

Christophe Coin

Le Violoncelle Baroque

The Little Willies

For the Good Times

Gianmaria Testa

Vitamia

Ricardo Tesi & Banditaliana

Madreperla

 

"Ich denke jeden Morgen an Damskus"

 

Rafik Schami
© Root Leeb

Rafik Schami im Gespräch über sein neues Buch "Die dunkle Seite der Liebe", über arabisches Leben, die Macht der Sippen und die Liebe.

 

Herr Schami, worum geht es in Ihrem Buch?

In erster Linie geht es um eine verbotene Liebe. Die Handlung spannt sich über 110 Jahre syrische Geschichte und drei Generationen. In Arabien lebt die Gesellschaft unter vielen Repressalien. Eine davon ist: Man darf nicht über die Grenze der Konfession hinweg und niemanden aus einer verfeindeten Sippe lieben. Dieser Roman versucht zu erzählen, woher das kommt und warum das so ist. Und unter dem Liebesroman ist ein Kriminalroman eingebettet.

Sie haben 30 Jahre lang an diesem Buch gearbeitet. Würden Sie es als Ihr Opus Magnum bezeichnen?

Ja, eindeutig ja. Ich werde noch einige Bücher schreiben, aber nicht noch mal ein Werk über 110 Jahre syrische Geschichte.

Es gibt in Ihrem Buch eine eindeutige Hauptgeschichte, die Liebe zwischen Farid und Rana. Daneben aber noch eine unglaubliche Fülle an Nebengeschichten. Ist das eine typisch orientalische Erzählweise?

Ja. Dieses Ausschweifen, diese Arabesken, diese Verwicklungen von Geschichten sind eine arabische Erzählart. Wir kennen keine Vertiefungen der Psychologie, nicht diese wunderbare europäische Erzählweise, dass man in die Tiefe der Seele der Protagonisten geht. Dafür liefern wir Handlungen und Verzweigungen, welche die Personen am Ende genauso klar erscheinen lassen. Man kann vereinfachend sagen, gute europäische Literatur zeichnet ein präzises Porträt, gute arabische Literatur webt dafür einen Teppich.
Meinen Stil entwickelte ich über die Tradition des mündlichen Erzählens. Da gibt es keinen Platz für Psychologie und lange innere Monologe, weil die Zuhörer dadurch ermüden würden. Das mündliche Erzählen muss spannend sein oder es scheitert.

Und was bedeutet Liebe für Sie?

Mehr zum Buch
Rafik Schami
"Die dunkle Seite der Liebe"
(vergriffen)
Roman
Leinen mit
Schutzumschlag
896 Seiten
€ 19,90 / SFR 32,-


Alles. Eine Gesellschaft, die der Liebe mit Mord und Totschlag begegnet wie die arabische, ist krank. Liebe hat etwas Anarchisches, sie kennt keine Grenzen, sie erkennt keine Hautfarbe an, keine Religion. Daher ist die Verteidigung der Liebe in der arabischen Gesellschaft eine Art Widerstand.
Farid und Rana flüchten, weil sie viel zu schwach sind, um weiter Widerstand zu leisten. Farid ist ein Vertreter einer gescheiterten Generation, zu der auch ich gehöre. Rana teilt das Schicksal vieler Frauen, aber sie hat Glück. Sie rettet sich im letzten Augenblick. Ich habe bei Lesungen Frauen getroffen, die hier inkognito leben, weil sie verfolgt werden, oft von der eigenen Familie. Die sagten mir am Ende beim Abschied leise: "Ich bin auch eine Rana".

In Ihrem Buch gibt es die vielfältigsten Arten verbotener Liebe. Auch viele, die scheitern. Ist die Liebe ein arabisches Trauma?

Ja, das kann man so sehen! Die arabische Gesellschaft war aber nicht immer so. Eigentlich ist sie sehr sinnlich. Wir leben alle, auch Christen und Juden, in einer arabisch-islamisch geprägten Kultur. Und die Muslime haben viel mehr Elan zum sinnlichen Leben. Das ist heute leider nur eine Erinnerung an vergangene Zeiten. In der Praxis haben wir 400 Jahre osmanische Besatzung, 50 Jahre französisch-englische Besatzung, gefolgt von 50 Jahren Diktatur.
Ein Mensch, der 50 Jahre unter einer Diktatur lebt, ist ein deformierter Mensch. Daran krankt die arabische Gesellschaft. So ist Arabien der größte Pornomarkt der Welt. Und zur gleichen Zeit dürfen sich Liebende auf der Straße nicht anfassen, geschweige denn umarmen. Nicht der Islam ist schuld und nicht das Christentum, sondern die Diktatur.

Im ersten Teil des Romans gehen Sie besonders auf die Sippen ein, die untereinander verfeindet sind. Ist das nicht auch ein arabisches Problem, dieses ewige Rachemotiv?

Richtig. Die arabische Sippe, die eine Voraussetzung für das Überleben in der Wüste war, ist ein Hemmschuh für die heutige Gesellschaft. Die heutige Zivilisation baut auf dem Individuum auf, auf dem Recht des einzelnen, seine Gedanken zu entfalten. Die arabische Gesellschaft dagegen ist gefangen in der Sippenstruktur. Sippen sind stärker als alle politischen Systeme. Es herrschen immer Familien-Clans, ob in Saudi-Arabien, Ägypten oder Syrien. Oft sind das unfähige Leute , aber Loyalität ist der Sippe wichtiger als der Fortschritt. Ich glaube wirklich, ohne die Zerstörung der Sippe kann es keine Entwicklung geben. Deshalb rückte das Thema im ersten Teil des Romans in den Mittelpunkt. Es kann keinen anderen Einstieg geben.

Das andere zentrale Thema ist das Zusammenleben der verschiedenen Religionen.

Eigentlich sind wir in Arabien geübt im Zusammenleben der Kulturen. Man muss bedenken, dass die arabischen Christen trotz 200 Jahren andauernder Kreuzzüge überleben durften. Das wäre in Europa undenkbar gewesen. Stellen Sie sich ein französisches Viertel in Berlin während des Ersten oder Zweiten Weltkriegs vor. Unsere Gesellschaft besaß zumindest bis zum 19. Jahrhundert eine erstaunliche Fähigkeit zu integrieren, eine Plattform für ein Nebeneinander der Religionen zu bilden. Kein Miteinander. Man lebte in verschiedenen Gassen und respektierte einander. Doch dann geriet diese Gesellschaft aus den Fugen. Ein Beispiel: Damaskus hatte vor 30 Jahren 400.000 Einwohner, heute sind es 4 Millionen. Das Nebeneinander funktioniert nicht mehr, die Menschen müssen durcheinander wohnen. Doch darauf war niemand vorbereitet. Das ging zu schnell. Dazu kommt die politische Situation. Eine Gesellschaft die beständig Frustrationen erleidet, fängt an, Hass zu schüren gegen die Minderheiten.

Stichwort Damaskus. In Ihrem Roman beschreiben Sie das reichhaltige Leben. Ist das Buch auch eine Liebeserklärung an das Damaskus, wie es einmal war?

Ihr letzter Satz gefällt mir. Mit Damaskus verbinden sich viele kleine Glücksmomente, Erinnerungen an Gelassenheit und Lachen in meiner Kindheit und Jugend. Wenn ich als Kind mit meiner Mutter am Frauentag ins Hammam (Badehaus) ging, das war das Paradies für mich. Es ist wie die Erinnerung an eine Geliebte, von der man mit Gewalt getrennt wurde. Aber die Liebeserklärung will nicht romantisieren oder eine Idylle bauen, sondern einfach schildern: "So war das!" Das ist die beste Liebeserklärung an eine Stadt, die mir sehr viel gab.

Mein Roman beginnt im 19. Jahrhundert und endet 1970. Die Veränderung von 1970 bis heute ist die gravierendste, die schlimmste Zerstörung in der 10.000-jährigen Geschichte der Stadt. Als ich in Damaskus lebte, war es eine schöne luftige Stadt, jetzt ist es ein Moloch. Ein Moloch, in dem über der Erde eine Diktatur herrscht und unter der Erde ein Fundamentalismus gärt und auf seine Chance wartet. Das hat die Stadt leider dramatisch verändert.

Sie dürfen nicht mehr nach Damaskus. Trotzdem können Sie von Damaskus nicht lassen?

Das steht ja auch am Ende des Buches: Ich denke jeden Morgen an Damaskus, wie die Stadt zu dieser Stunde aufwacht und wie sie riecht und schmeckt.
Ich will dort nicht mehr leben, aber über einen Besuch würde ich mich sehr freuen. Leben will ich hier. Deutschland ist meine Heimat geworden, meine Frau ist Deutsche, mein Sohn ist ein deutsches Kind – aber mit arabischen Wurzeln. Hier lebt meine Geliebte: die deutsche Sprache. Hier ist mein Publikum, das mir seit über 25 Jahren zuhört, und hier ist auch die Büchergilde (lacht).

Die Fragen stellte Ingmar Weber

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