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"...was früher Zivilcourage hieß" |
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Büchergilde-Interview mit Joachim Koch Das Freiheitsversprechen der Ökonomie
– Was verstehen Sie darunter? Die Utopie, die dahintersteckt,
unterscheidet sich also sehr von ihren Vorläufern? Das
hat natürlich Folgen, zum Beispiel für den Selbstwert,
den sich jemand in dieser Gesellschaft zumessen kann. Lassen
Sie uns ein paar Konsequenzen herausgreifen: Wie sehen
die sozialen Konsequenzen aus? Sie nennen als Beispiel
die Gewerkschaften. Wie sehen Sie ihre Rolle heute? Welche Konsequenzen sehen Sie in Bezug auf die Liebe, bzw. zwischenmenschliche Beziehungen? Die Konsequenzen, die wir hier sehen, sind ja allgemein
bekannt. Beziehungen sind nicht mehr so stabil wie ehedem.
Liebesbeziehungen sind zu Lebensabschnittbeziehungen
geworden, die Ehescheidungsrate nimmt zu und immer mehr
Kinder werden nur von einem Elternteil erzogen. Ist die Politik heute noch in der Lage, Werte zu vermitteln? Ich würde eine andere Formulierung wählen: Es ist die
Aufgabe der Politik, sich um das zu kümmern, was uns
alle angeht. Und ich würde grundsätzlich sagen: Sie
ist nicht mehr dazu in der Lage. Sie hat sich aus vielen
Bereichen des politischen Lebens zurückgezogen und hat
nur noch die Funktion einer Kontrollinstanz, aber dort
wo die Entscheidungen getroffen werden, ist sie selbst
nicht mehr aktiv. Wollen Sie den "trügerischen Begriff der Entpolitisierung", der im Buch eine große Rolle spielt, kurz erläutern? Der Begriff ist insofern trügerisch, weil er in zwei
verschiedene Richtungen gleichzeitig weist. Auf der
einen Seite findet eine Entpolitisierung statt, weil
die Wirtschaft immer mehr politische Aufgaben übernommen
hat, auf der anderen Seite, weil in den Köpfen der Leute
das Politische als die Instanz, die uns gemeinsam angeht,
eine immer geringere Rolle spielt. Doch wenn sich jeder
einzelne als Einzelkämpfer fühlt, ist dies trotzdem
etwas Gemeinsames, das man als politische Entwicklung
begreifen kann. Es gibt im Buch Wortpaare, Gegensatzpaare wie Vernunft und Kreativität. Können Sie erläutern, was Sie darunter verstehen? Es war mir wichtig, diesen Text als kulturgeschichtlichen
Abriß zu begreifen, auch als geschichtlichen Abriß.
Es hat ein Bruch zwischen Vernunft und Kreativität,
oder wie Kierkegaard es beschreibt, eine Trennung zwischen
dem sozialen und dem ästhetischen Menschen stattgefunden.
Zur Zeit Kierkegaards beginnt in der Philosophie, in
der Politik, im gesellschaftlichen Leben die Idee der
Vernunft die Oberhand zu gewinnen und über etwa 150
Jahre wird dieses Vernunftprogramm immer wieder versucht.
Gleichzeitig aber gibt es in diesem Bemühen um die Vernunft
auch den Konflikt mit dem Ästhetischen. Das Vernünftige
steht immer auch für eine gewisse Moral, für eine gewisse
Sozialität, für einen Logos in der Welt, während das
Ästhetische immer auch für ein gewisses Modell der Ungebundenheit,
für ein bestimmtes Modell der Entpolitisierung, und
für ein bestimmtes Modell individueller Freiheit steht.
Die 68er sind ja heute in der Diskussion. Ist das auch heute noch dieser Kampf zwischen der vorherigen und der jetzigen Megaphilosophie? Die Diskussion ist eine Farce. Es gibt ja seitens der Wirtschaft überhaupt niemanden, der sich dafür interessieren würde, ob Fischer oder Trittin eine 68er Vergangenheit haben. Das ist ja nur eine Diskussion innerhalb der Politik. Wenn jetzt hier so getan wird, als seien dies alles Dinge, wofür man sich entschuldigen müße, dann ist das lächerlich, weil sowieso jedem klar ist, daß die Biographien derjenigen, die heute das Sagen haben, vielfach so aussehen. Es sind ja nicht nur zwei Minister die Karriereleiter nach oben gegangen, sondern viele Unternehmer, viele Beamte, viele Selbständige, vielleicht 50 % dieser Generation haben ja vergleichbare Biographien. Also hier seitens Konservativer so zu tun, als seien das Extremisten, die in der Vergangenheit große Fehler machten, ist ein Hohn und die Bereitschaft der entsprechenden Angeklagten sich auf dieses Spiel einzulassen, ist lächerlich. Die wichtigere Frage ist, daß die 68er die Generation war, die eine bessere Gesellschaft wollte und bessere Supermärkte aufbaute. Genau diejenigen, die eine andere Gesellschaft wollten, haben eine andere Gesellschaft kreiert und wer heute an den entscheidenden Positionen sitzt, ist seiner Biographie nach ein 68er. Wenn wir uns heute über gesellschaftliche Mißstände beklagen, dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, daß diese Mißstände Ergebnis der 68er sind, nicht im dem Sinne, wie es der CDU vielleicht gefiele, das Ergebnis eines großen Irrtums, sondern Ergebnis in der Art und Weise, daß genau die Ansatzpunkte, die in der Reformzeit der 60- und Anfang der 70er eine Rolle spielten, verantwortlich dafür sind, was wir heute zum Wohlgefallen aller Konservativen und wirtschaftlichen Kräfte tagtäglich erleben. Wenn also heute irgendwelche Alt-68er sich distanzieren von ihrer Vergangenheit, dann übersehen sie dabei, daß sie genau das, was sie heute sind und tun, deswegen sind und deswegen tun, weil sie dies ehedem so wollten. Ihr Anspruch, die Gesellschaft zu verändern, ist erfolgreich gewesen. Aber nicht im Sinne der vorher postulierten Moral, sondern eigentlich sind sie tragisch gescheitert? Ganz genau! Sie haben einen eher literarischen Stil, der so ganz anders ist, als die "Hegelsche Diktion". Welchen Anspruch haben Sie beim Schreiben? Meine Aufgabe als jemand, der sich beruflich mit dieser Materie beschäftigt, ist es, die Ergebnisse meiner Beschäftigung so zu erzählen, daß es anderen möglich ist, in die Materie einzusteigen. Mein eigentliches Ziel ist nicht, zu erklären, wie die Welt ist, oder dem Leser irgend etwas aufzuoktroyieren, was ich mir ausgedacht habe, sondern Ansatzpunkte zu finden, so daß der einzelne, der zu diesem Buch gegriffen hat und sich dafür interessiert, Material bekommt, um selbst einsteigen zu können. Viele meiner Kollegen bemühen sich ja eher darum, eine Art System oder Wahrheit oder Welterklärung oder Ausschnitt einer Welterklärung dem anderen vorzustellen. Sie wollen eigentlich nicht von ihm gestört werden, sondern sie wollen ihm sagen, wie es ist. Sie konstatieren einen Mangel in dieser Gesellschaft. Wo sehen Sie denn einen Ausweg? Der entscheidende Punkt für mich ist, daß wir wieder anfangen zu begreifen, daß diese Welt eine ist, die wir alle gemacht haben. Es geht nicht darum, irgendeine neue Ideologie zu kreieren, es geht auch nicht darum, irgendwelche neuen Wahrheiten zu erfinden, und es geht auch nicht darum, die Welt in gut und böse aufzuteilen, sondern es geht darum, zu begreifen, daß jeder einzelne von uns, egal in welcher Rolle er sich befindet, verantwortlich ist für das, was passiert. Die Lösung liegt aber nicht in der Politik, sondern darin, was früher einmal Zivilcourage hieß. Zivilcourage will ja nichts anderes als die Bereitschaft des einzelnen, unsinnige Regeln letztendlich auch zu ignorieren. Sie fordern also eine neue Ethik? Ja, aber es ist eine, die jeden angeht, und als solche macht sie auch wieder Sinn und kann sie auch wieder schön sein, aber nicht als ein Produkt fortgeschrittener Arbeitsteilung für ein paar Berufsethiker, während alle anderen nichts damit zu tun haben. Die Fragen stellte Jürgen Sander |
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