Literature Die Gazette

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150 Jahre Arbeiter- und Freiheitslieder, Teil 1

Dass nichts bleibt, wie es war!

 

"...was früher Zivilcourage hieß"

Mehr zum Buch
Joachim Koch
Weder – Noch
(vergriffen)
Fester Einband mit Schutzumschlag
448 Seiten
€ 12,90 / SFR 20,50


Büchergilde-Interview mit Joachim Koch

Das Freiheitsversprechen der Ökonomie – Was verstehen Sie darunter?

Das bedeutet, daß nach der Kirche und den politischen Utopien die Wirtschaft angetreten ist zur obersten Ideengeberin, auch von dem, was wir unter Freiheit zu verstehen haben. Doch das ist eine sehr doppelbödige Angelegenheit, denn auf der einen Seite ist dieses Freiheitsversprechen natürlich an den Reichtum gebunden, das Versprechen an den einzelnen also nichts anderes als: Wenn du reich bist, bist du frei. Und auf der anderen Seite ist eben dieses Freiheitsversprechen an die Welt der Marken gebunden, die eben auch immer wieder Ideale vor Augen führen, und die Absender dieser Marken-Ideale sind ja nicht irgendwelche Künstler, Sozialphilosophen, kritische Theologen, engagierte Journalisten, sondern Marketingleute, die ein Interesse daran haben, ihre Produkte zu verkaufen.

Die Utopie, die dahintersteckt, unterscheidet sich also sehr von ihren Vorläufern?

Ja, sie dient nicht etwa einem Miteinander, sondern sie dient dem einzelnen, das, was er sich wünscht, realisieren zu können, wenn er sich die monetären Voraussetzungen geschaffen hat. Das ist der Dreh- und Angelpunkt des Ganzen, daß Künstler, Philosophen, kritische Zeitgenossen seit jeher mit Idealen und Utopien versuchten, einen besseren Zustand zumindest anzusprechen, und diese Ansprache war letztendlich immer Voraussetzung dafür, wie die gesellschaftliche Entwicklung weiterzugehen habe. Und Marken haben eben auch Visionen, nur dienen diese Visionen nicht mehr dazu, irgend etwas zu verändern, sondern sie dienen dazu, die Sehnsüchte, die jeder hat, anzusprechen und in einen Konsumwunsch zu verwandeln.

Das hat natürlich Folgen, zum Beispiel für den Selbstwert, den sich jemand in dieser Gesellschaft zumessen kann.

Die Konsequenzen sind vielfältiger. Darum geht es in dem gesamten Text. Es hat soziale Konsequenzen, es hat Konsequenzen in Bezug auf das künstlerische Verständnis, es hat Konsequenzen in Bezug auf die Liebe, in Bezug auf die Kultur, in Bezug auf die Religion, in Bezug auf Leistung und Nicht-Leistung, darauf, was man unter Arbeit versteht, was der Sinn des Lebens sein soll, darauf, was die Werte sind.

Lassen Sie uns ein paar Konsequenzen herausgreifen: Wie sehen die sozialen Konsequenzen aus?

Es gibt in gewisser Weise eine neue Ethik, wonach derjenige, der zu kurz gekommen ist, nicht mehr unbedingt als das Opfer erscheint, sondern als derjenige, der es entweder nicht geschafft hat oder sowieso kein Interesse daran hatte und sich lieber mitschleppen läßt. Er hat nicht nur die Bürde desjenigen zu tragen, der hier wirklich benachteiligt ist, sondern er muß sich auch noch dafür rechtfertigen. Weitere soziale Konsequenzen: Die klassischen Formen des Miteinanders haben sich im Zuge der Individualisierung aufgelöst, die klassischen Institutionen wie Familie, Kirche, Gewerkschaften, auch Großunternehmen jeder Art, Parteien, soziale Organisationen, Organisationen überhaupt, sind prinzipiell als Massenorganisationen im Zuge der Individualisierung fraglich geworden, oder entsprechen oft nicht mehr den Vorstellungen des einzelnen. Gleichzeitig ist aber nichts an deren Stelle getreten.

Sie nennen als Beispiel die Gewerkschaften. Wie sehen Sie ihre Rolle heute?

Die Probleme sind bekannt: Mitgliederschwund. Jetzt kann man natürlich behaupten, die Gewerkschaften seien in ihren Strukturen veraltet und deswegen würden sie nicht mehr die Interessen, die sie zu vertreten vorgeben, bedienen. Man kann aber auch sagen, daß die Idee als solche heute die Schwierigkeit darstellt, weil die Notwendigkeit, sich gewerkschaftlich vertreten zu lassen, oder sich gewerkschaftlich zu organisieren, heute mehr denn je gegeben wäre. Aber die Betroffenen scheinen sich nicht mehr repräsentiert zu fühlen, was heißen könnte, daß selbst diejenigen, die zu kurz kommen, in diesem Individualismus gefangen sind und zwar in negativer Hinsicht. Sie glauben, sie müßten ihre Schwierigkeiten alleine meistern.

Welche Konsequenzen sehen Sie in Bezug auf die Liebe, bzw. zwischenmenschliche Beziehungen?

Die Konsequenzen, die wir hier sehen, sind ja allgemein bekannt. Beziehungen sind nicht mehr so stabil wie ehedem. Liebesbeziehungen sind zu Lebensabschnittbeziehungen geworden, die Ehescheidungsrate nimmt zu und immer mehr Kinder werden nur von einem Elternteil erzogen.
Die Liebe muß sich heute den Bedingungen des Arbeitslebens unterordnen; höhere Mobilität, höherer Streß, höhere Anforderungen gehen zu Lasten der Beziehungen und gleichzeitig sind auch die persönlichen Sehnsüchte im Zuge des Individualismus nicht unerheblich freigesetzt. Das bedeutet, wenn die Beziehung nicht läuft, ist die Vorstellung naheliegend, daß es mit einem anderen Partner besser wäre. oder daß mal Zeit für etwas anderes sei. Doch das sind Gesetze, die nicht aus dem emotionalen Leben, sondern aus dem Wirtschaftsleben kommen, wo in erster Linie Interessen verfolgt und bedient werden und nicht unbedingt das, was man sich unter Liebe vorstellt.

Ist die Politik heute noch in der Lage, Werte zu vermitteln?

Ich würde eine andere Formulierung wählen: Es ist die Aufgabe der Politik, sich um das zu kümmern, was uns alle angeht. Und ich würde grundsätzlich sagen: Sie ist nicht mehr dazu in der Lage. Sie hat sich aus vielen Bereichen des politischen Lebens zurückgezogen und hat nur noch die Funktion einer Kontrollinstanz, aber dort wo die Entscheidungen getroffen werden, ist sie selbst nicht mehr aktiv.
Und zum anderen besteht ein grausames Mißverhältnis, das die Rolle der Politik noch weiter einschränken wird. Nämlich jede Rechnung, die zum Schluß noch zu bezahlen ist, geht zu Lasten der Politik und nicht zu Lasten der Wirtschaft. Wenn also ein Unternehmen Leute entläßt, dann müssen die Entlassenen durch die öffentliche Hand aufgefangen werden.
Wenn in der Umwelt etwas zu Schaden kommt, geht dies zu Lasten der öffentlichen Hand. Das heißt, wann immer sich etwas im Nutzen-Kalkül der Ökonomie als unbrauchbar herausstellt, wird dies an den politischen Träger zurückverwiesen und der hat dafür aufzukommen und der politische Träger sind ja wir alle. Das kann man zusammenfassen als Privatisierung des Gewinns, Sozialisierung des Verlusts.

Wollen Sie den "trügerischen Begriff der Entpolitisierung", der im Buch eine große Rolle spielt, kurz erläutern?

Der Begriff ist insofern trügerisch, weil er in zwei verschiedene Richtungen gleichzeitig weist. Auf der einen Seite findet eine Entpolitisierung statt, weil die Wirtschaft immer mehr politische Aufgaben übernommen hat, auf der anderen Seite, weil in den Köpfen der Leute das Politische als die Instanz, die uns gemeinsam angeht, eine immer geringere Rolle spielt. Doch wenn sich jeder einzelne als Einzelkämpfer fühlt, ist dies trotzdem etwas Gemeinsames, das man als politische Entwicklung begreifen kann.
Hier wird also ein neuer Mythos erzeugt, weil die Entpolitisierung in Wahrheit die politischen Verhältnisse festigt und das eigentliche Problem verschleiert.

Es gibt im Buch Wortpaare, Gegensatzpaare wie Vernunft und Kreativität. Können Sie erläutern, was Sie darunter verstehen?

Es war mir wichtig, diesen Text als kulturgeschichtlichen Abriß zu begreifen, auch als geschichtlichen Abriß. Es hat ein Bruch zwischen Vernunft und Kreativität, oder wie Kierkegaard es beschreibt, eine Trennung zwischen dem sozialen und dem ästhetischen Menschen stattgefunden. Zur Zeit Kierkegaards beginnt in der Philosophie, in der Politik, im gesellschaftlichen Leben die Idee der Vernunft die Oberhand zu gewinnen und über etwa 150 Jahre wird dieses Vernunftprogramm immer wieder versucht. Gleichzeitig aber gibt es in diesem Bemühen um die Vernunft auch den Konflikt mit dem Ästhetischen. Das Vernünftige steht immer auch für eine gewisse Moral, für eine gewisse Sozialität, für einen Logos in der Welt, während das Ästhetische immer auch für ein gewisses Modell der Ungebundenheit, für ein bestimmtes Modell der Entpolitisierung, und für ein bestimmtes Modell individueller Freiheit steht.
Am Ende der 70er Jahre begann dann als Rekurs auf die 68er Zeit die Gegenaufklärung, und im Zuge dieser Gegenaufklärung hat der Individualismus wie auch die Vorstellung des ästhetischen Menschen gewonnen, des auf Sinnlichkeit, Schönheit, individuelle Freiheit bezogenen Menschen. Jeder achtet eher darauf, als ein kreativer Mensch in Erscheinung zu treten, denn als ein vernünftiger Mensch und dies heißt auch, daß der Bruch zu Lasten der Vernunft nun vollzogen ist.

Die 68er sind ja heute in der Diskussion. Ist das auch heute noch dieser Kampf zwischen der vorherigen und der jetzigen Megaphilosophie?

Die Diskussion ist eine Farce. Es gibt ja seitens der Wirtschaft überhaupt niemanden, der sich dafür interessieren würde, ob Fischer oder Trittin eine 68er Vergangenheit haben. Das ist ja nur eine Diskussion innerhalb der Politik. Wenn jetzt hier so getan wird, als seien dies alles Dinge, wofür man sich entschuldigen müße, dann ist das lächerlich, weil sowieso jedem klar ist, daß die Biographien derjenigen, die heute das Sagen haben, vielfach so aussehen. Es sind ja nicht nur zwei Minister die Karriereleiter nach oben gegangen, sondern viele Unternehmer, viele Beamte, viele Selbständige, vielleicht 50 % dieser Generation haben ja vergleichbare Biographien. Also hier seitens Konservativer so zu tun, als seien das Extremisten, die in der Vergangenheit große Fehler machten, ist ein Hohn und die Bereitschaft der entsprechenden Angeklagten sich auf dieses Spiel einzulassen, ist lächerlich.

Die wichtigere Frage ist, daß die 68er die Generation war, die eine bessere Gesellschaft wollte und bessere Supermärkte aufbaute. Genau diejenigen, die eine andere Gesellschaft wollten, haben eine andere Gesellschaft kreiert und wer heute an den entscheidenden Positionen sitzt, ist seiner Biographie nach ein 68er. Wenn wir uns heute über gesellschaftliche Mißstände beklagen, dann müssen wir uns darüber im Klaren sein, daß diese Mißstände Ergebnis der 68er sind, nicht im dem Sinne, wie es der CDU vielleicht gefiele, das Ergebnis eines großen Irrtums, sondern Ergebnis in der Art und Weise, daß genau die Ansatzpunkte, die in der Reformzeit der 60- und Anfang der 70er eine Rolle spielten, verantwortlich dafür sind, was wir heute zum Wohlgefallen aller Konservativen und wirtschaftlichen Kräfte tagtäglich erleben. Wenn also heute irgendwelche Alt-68er sich distanzieren von ihrer Vergangenheit, dann übersehen sie dabei, daß sie genau das, was sie heute sind und tun, deswegen sind und deswegen tun, weil sie dies ehedem so wollten. Ihr Anspruch, die Gesellschaft zu verändern, ist erfolgreich gewesen.

Aber nicht im Sinne der vorher postulierten Moral, sondern eigentlich sind sie tragisch gescheitert?

Ganz genau!

Sie haben einen eher literarischen Stil, der so ganz anders ist, als die "Hegelsche Diktion". Welchen Anspruch haben Sie beim Schreiben?

Meine Aufgabe als jemand, der sich beruflich mit dieser Materie beschäftigt, ist es, die Ergebnisse meiner Beschäftigung so zu erzählen, daß es anderen möglich ist, in die Materie einzusteigen. Mein eigentliches Ziel ist nicht, zu erklären, wie die Welt ist, oder dem Leser irgend etwas aufzuoktroyieren, was ich mir ausgedacht habe, sondern Ansatzpunkte zu finden, so daß der einzelne, der zu diesem Buch gegriffen hat und sich dafür interessiert, Material bekommt, um selbst einsteigen zu können. Viele meiner Kollegen bemühen sich ja eher darum, eine Art System oder Wahrheit oder Welterklärung oder Ausschnitt einer Welterklärung dem anderen vorzustellen. Sie wollen eigentlich nicht von ihm gestört werden, sondern sie wollen ihm sagen, wie es ist.

Sie konstatieren einen Mangel in dieser Gesellschaft. Wo sehen Sie denn einen Ausweg?

Der entscheidende Punkt für mich ist, daß wir wieder anfangen zu begreifen, daß diese Welt eine ist, die wir alle gemacht haben. Es geht nicht darum, irgendeine neue Ideologie zu kreieren, es geht auch nicht darum, irgendwelche neuen Wahrheiten zu erfinden, und es geht auch nicht darum, die Welt in gut und böse aufzuteilen, sondern es geht darum, zu begreifen, daß jeder einzelne von uns, egal in welcher Rolle er sich befindet, verantwortlich ist für das, was passiert. Die Lösung liegt aber nicht in der Politik, sondern darin, was früher einmal Zivilcourage hieß. Zivilcourage will ja nichts anderes als die Bereitschaft des einzelnen, unsinnige Regeln letztendlich auch zu ignorieren.

Sie fordern also eine neue Ethik?

Ja, aber es ist eine, die jeden angeht, und als solche macht sie auch wieder Sinn und kann sie auch wieder schön sein, aber nicht als ein Produkt fortgeschrittener Arbeitsteilung für ein paar Berufsethiker, während alle anderen nichts damit zu tun haben.

Die Fragen stellte Jürgen Sander

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