»Eine Art postmoderne Bluesband «
Wade Schuman, der Kopf der Band Hazmat Modine im Gespräch mit Jürgen Sander über sein musikalisches Konzept, über die Zusammenarbeit mit Musikern aus allen Teilen der Welt und über die Klamotten von Tom Waits und Jimi Hendrix.
Hazmat Modine |
Ist Hazmat Modine eine Blues-Band?
Ja, vielleicht nicht so, wie man sich heute eine Blues-Band vorstellt. Aber viele der frühen Bluesmusiker spielten sehr eklektische Musik. Im St. Louis Blues, dem großen Hit von W.C. Handy (dem Vater des Blues) steckt eine Tango-Sektion, die frühen Jugbands spielten Walzer und Foxtrott, Streichmusik und Blues. Wir sind vielleicht eine Art post-moderne Jugband …aber natürlich sind wir eine Blues-Band, denn das ist die musikalische Sprache, aus der ich komme.
Sie haben gesagt, dass das musikalische Konzept von Hazmat Modine schon bestand, bevor die einzelnen Musiker zur Band stießen?
Ich wollte immer eine Band mit einem bestimmten Sound, mit bestimmten Instrumenten … Harmonikas, Tuba, Blasinstrumente, Gitarre - all diese Klangfarben, die ich in mir hörte, und New York ist ein toller Ort, um solch eine Band zu gründen. Hier gibt es so viele ungewöhnliche Musiker, die alle Arten von Musik spielen können. Und die Musiker, die ich gefunden habe, haben so viel Neues mit eingebracht, von dem ich gar nicht wusste, dass ich es brauchen würde. Dafür bin ich einfach dankbar. Sie haben einen riesigen Schatz an musikalischen Ideen und musikalischen Ausdrucksweisen mitgebracht und natürlich, was am wichtigsten ist: Herzblut.
Wie würden Sie Ihren musikalischen Stil beschreiben?
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Hazmat Modine |
Amerikanisch. Musik aus Amerika und New York, also die Musik der Immigranten, und das sind ja alle Amerikaner. Wir spielen die Musik aus den unterschiedlichsten Stilen Amerikas, sie ist traurig und humorvoll, und sie hat Rhythmus. Es ist Musik, die abgeht, und das ist das wichtigste: Die Musik muss abgehen.
Sie lieben ja unterschiedliche musikalische Stile und verarbeiten die unterschiedlichsten Einflüsse. Ist das der Grund, weshalb mich einige Stellen an Tom Waits erinnern, andere an Riffs von Jimi Hendrix?
Das ist ein schönes Kompliment. Aber beide kommen aus dem Blues und aus der musikalischen Sprache Amerikas. Ich glaube, sie sind sich auch sehr ähnlich. Beide haben musikalischen Humor und einen Sinn für Klangfarben und Klangstrukturen, beide sind Autodidakten und sie tragen eigenartige Klamotten - und letzteres gilt auch für mich.
Sie unterrichten Bildende Kunst. Beeinflusst diese Tätigkeit ihr musikalisches Konzept?
Aber natürlich! Das ist ein wichtiger Teil von mir. Ich brauche Struktur und Farbe und unterschiedliche Ausdrucksweisen, und das gilt für beide Kunstrichtungen - die visuelle und die akustische - aber ein guter Lehrer zu sein, bedeutet auch in mehrfacher Hinsicht ein guter Performer zu sein, denn eine Klasse mit Studenten ist ein mindestens ebenso schwieriges Publikum wie jedes andere.
Welche Idee steckt hinter Ihrem zweiten Album Cicada?
Wir wollten die Bandbreite der Gefühle zeigen, die die Band ausdrücken kann, und wir wollten ein kleines Kunstwerk schaffen, das dokumentiert, wie sich die Band entwickelt hat und wo sie in den vergangenen fünf Jahren auf Tour war.
Ich wollte die musikalische Palette der letzten CD erweitern und all die Erfahrungen mit aufnehmen, die die Band auf ihrer Welttournee gemacht hat. Es ist also auch eine biographische und eine geografische Ortsbestimmung.
Auf Cicada spielen Sie mit Musikern aus verschiedenen Teilen der Welt: mit der Gangbé Brass Band, mit dem Kronos Quartet und Natalie Merchant. Was fasziniert Sie an der Arbeit mit diesen Musikern?
Als Musiker versteht man sich, man hört einander zu und man fühlt, was der andere fühlt. Das ist ein erstaunliches Phänomen - das Medium der Sprache zu überwinden und Gefühle auf diese Weise zu erzeugen. Alle von Ihnen erwähnten Musiker haben etwas gemeinsam: Sie kennen ähnliche musikalische „Wahrheiten“. Das mit ihnen zu teilen und mit ihnen zu spielen ist ein immenses Geschenk, für das ich sehr dankbar bin. Wenn sie zum ersten Mal miteinander spielen, ist es, als ob sie einen alten Freund wiedersehen würden, von dem sie gar nicht ahnten, dass sie ihn vermisst hatten – das ist eine wunderbare Erfahrung.
Sie haben mal gesagt, sie seien eine Band voll unerwünschter Instrumente?
Ich mag Sounds, die unerwartet und reichhaltig sind: die Tuba zum Beispiel – was für ein Instrument – so ein voller, reichhaltiger, tiefer Klang. Das ist wie der Frühstücks-Kaffee. Den muss ich einfach haben.
Es gibt so viele Klangfarben, die ich noch nicht genug erforscht habe - das Fagott beispielsweise, es hat einen so weisen Klang. Oder die Kora … es gibt so viele Klänge, mit denen ich irgendwann arbeiten will.
Wie wichtig sind Ihnen die Texte und insbesondere der Humor in den Texten?
Humor ist sehr wichtig – ohne Humor könnte ich nicht leben, und musikalischer Humor ist mir besonders nahe. Das muss nicht unbedingt Text sein, es kann einfach die Performance sein oder auch die Intonation. Aber der Text hat auch Pathos, er erzählt von den schwierigen, aber auch den schönen Momenten im Leben. Für mich sind Slim Gaillard oder auch Louis Armstrong wahre Philosophen, wenn z.B. Louis Armstrong singt: „ I'm a Ding-Dong-Daddy from Dumas", dann muss ich heulen, das ist so schön …
Die Fragen stellte Jürgen Sander








