Die Verschwiegene Bibliothek
Die NDR-Redakteurin Siv Stippekohl führte mit den Herausgebern der Verschwiegenen Bibliothek ein Interview, in dem sie ihre Arbeit und Ihre Erwartungen erläutern und das hier in Auszügen wiedergegeben ist:
![]() |
Welche Kriterien gibt es für die Aufnahme in dieses Archiv?
Joachim Walther: Das simple Kriterium für die Aufnahme ist, dass es sich um literarische Texte handeln muss, die zu Zeiten der Existenz der DDR geschrieben wurden und auf dem ehemaligen Territorium der DDR nicht veröffentlicht worden sind. Das heißt, wenn eine Westveröffentlichung vorlag, dann war dies kein Ausschlusskriterium.
Was beabsichtigen Sie mit Ihrer Arbeit?
Joachim Walther: Wir stellen uns vor, dass eine andere Art der Literatur in den Blick gerät, die nicht in Übereinstimmung mit dem System geschrieben wurde, sondern in Abstoßung, und zwar in sehr früher, konsequenter Abstoßung, gewissermaßen in einer ästhetischen Gegenbewegung. Das ist schon sehr bedeutsam und könnte eine Korrektur des Bildes von der DDR-Literatur, was ohnehin ein unglücklicher Begriff ist, ergeben.
Radjo Monk
"Blende 89" Mit einem Nachwort von Joachim Walther Geprägtes Leinen 256 Seiten € 16,90 / SFR 27,- Leseprobe » |
Ines Geipel: Ich glaube, das Reizvolle an diesem Archiv könnte sein, dass wir wirklich die Vielfalt zeigen können. Was wir zeigen, ist, dass es eine geistige Autonomie und einen geistigen Widerstand in der DDR gegeben hat, der aus politischen Gründen nicht wahrgenommen wurde. Da sind wir uns auch einig, dass auch selbst das Privateste unter der Diktatur ein politisches Moment bekommt.
Wie sieht Ihre Arbeit konkret aus? Es sind ja Texte, die unveröffentlicht sind, aus welchen Gründen auch immer. Wie funktioniert das? Wie gehen sie vor?
Ines Geipel: Der eine Weg ist über die Birthler-Behörde,
aber auch über offizielle Literaturarchive, wie Akademie
der Künste, oder das Deutsche
Literaturarchiv in Marbach, wo wir in großen Nachlässen, nach
Teil- oder Fremdnachlässen suchen. Oder ich habe mir eine Zeitlang angeschaut,
was in den Literaturzeitschriften der DDR, wie Neue deutsche Literatur oder Sinn
und Form zu welcher Zeit, geschrieben wurde, und da bin ich dann und
wann auf einen Namen gestoßen. (...)
Nun sind wir beide Schriftsteller, also kennen wir so ein bisschen die inoffiziellen
Literaturnetze, die es gegeben hat. In der DDR war es ja Usus, sich in den
Wohnungen zu treffen und zu lesen. Es gab in manchen Städten sogar relativ
feste Kreise, die sich inoffiziell getroffen haben, und dann ergibt sich schnell
ein Schneeballeffekt ...
Es ist sicher nicht immer ganz einfach, wenn Sie auf die Autoren treffen?
Edeltraut Eckert "Jahr ohne Frühling" Gedichte und Briefe Mit einem Nachwort von Ines Geipel Geprägtes Leinen 128 Seiten € 14,90/ SFR 23,50 Leseprobe » |
Joachim Walther: Wir treffen immer öfter auf Leute, bei denen nicht nur die Texte zerstört worden sind, sondern sogar ihr Leben, ihre Biografien. Auch der Untergang dieses Staates hat sie nicht heilen können.
Welche Hoffnung verbinden Sie mit Ihrer Arbeit?
Ines Geipel: Wir wollen eine Materialbasis, eine Textbasis zur Verfügung stellen, mit der sich vor allem junge Leute ein Bild von der DDR machen können, das dann nicht in diesen schaurigen Ostalgie-Shows endet.









