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Ein authentisches Stück Südafrika

Professor Craig Mackenzie von der University of Johannesburg, Mitherausgeber der Werke Bosmans und Alida Potgieter, Verlegerin des Bosman-Hausverlags Human & Rousseau im Interview über die Bedeutung Herman Charles Bosman in Südafrika, über den Groot Marico District, den Schauplatz der Kurzgeschichtensammlung Mafeking Road, sowie die Hoffnungen für die Fußballweltmeisterschaft.

Seit der Erstveröffentlichung 1947 ist Mafeking Road von Herman Charles Bosman ununterbrochen lieferbar, wie Sie auf Ihrer Homepage schreiben. Warum ist Bosman so populär und wichtig für die südafrikanische Literatur?

Alida Potgieter:
Mafeking Road ist zweifelsohne die beliebteste Sammlung von Kurzgeschichten, und dies vor allem wegen der faszinierenden Figur des Erzählers Oom Schalk Lourens und der Geschichten, die dieser bedeutende Autor erzählt.
Oom Schalk Lourens ist eine scheinbar einfach gestrickte, rassistische Figur, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts im Marico District lebte. Seine Geschichten handeln von den verschiedenen Kriegen und Scharmützeln, der Buren mit den Engländern und verschiedenen afrikanischen Stämmen. Und sie erzählen von den Legenden und Überlieferungen der Region – Geistergeschichten, Liebesgeschichten, Geschichten von Betrug und Treue.

Die Geschichten sind kunstvoll, ironisch, und überaus geschickt konstruiert. Oft haben sie ein überraschendes Ende.
Sie haben es deshalb verdient, gelesen und wieder gelesen zu werden - nicht zwei- dreimal sondern Dutzende von Malen, weil mit jedem Mal wieder neue Nuancen und Eindrücke zum Vorschein kommen. Sie sind überwältigend komisch als auch zutiefst bewegend, und das oftmals gleichzeitig.
Darüber hinaus trug zur Popularität Bosmans bei, dass viele Schauspieler die Figur des Oom Schalk Lourens zum Leben erweckten und auf die Bühne brachten, allen voran Patrick Mynhardt, der sein Publikum im ganzen Land jahrzehntelang damit unterhielt.

Groot Marico

Während seiner Jahre in Europa schrieb Bosman eine Reihe von Kurzgeschichten, die später zu Mafeking Road zusammengefasst wurden. Diese Geschichten spielen im Groot Marico District in Südafrika. Bosman beschrieb Groot Marico als „atmosphärisch aufgeladen, so eigenartig und dunkel durchdrungen von den Dingen des Lebens, die den authentischen Stempel Südafrikas tragen.“ Warum ist dieser Landstrich so typisch für Südafrika verglichen mit anderen südafrikanischen Regionen?

Craig Mackenzie:
Wie die meisten Länder ist auch Südafrika sehr vielfältig. Es gibt (und es gab bereits zu Bosmans Zeiten) große Industriestädte und Häfen aber auch viele bäuerliche Gemeinden und Kleinstädte. In diesen abgelegenen Regionen werden die Menschen und ihr Handeln genau beobachtet, man redet über sie und kommentiert alles, was sie tun. Und so blühen in dieser Landschaft Klatsch und Tratsch.
Marico besitzt darüber hinaus noch eine interessante Besonderheit: Zu Zeiten Bosmans (Mitte der 1920er Jahre) bestand die Bevölkerung vor allem aus burischen Bauern und der von diesen Siedlern vertriebenen örtlichen schwarzen Bevölkerung , die in einer spannungsreichen aber unvermeidbaren Beziehung mit den Weißen lebten. Jüdische und indische Händler zogen durch den Distrikt und ließen sich gelegentlich dauerhaft dort nieder. Natürlich kamen auch die verhassten Engländer vorbei und einige wenige blieben dauerhaft.
Diese Region und ihre Menschen machten einen tiefen Eindruck auf Bosman, den jungen Mann aus der Stadt. Besonders empfänglich war er für Geschichten und seltsame Gestalten und Groot Marico bot (und bietet) eine Fülle davon. Kurz gesagt verkörpert Groot Marico Südafrika als Ganzes - die Vorurteile und Absonderlichkeiten ebenso wie die Menschlichkeit und den Humor.

Können Sie den literarischen Stil von Herman Charles Bosman charakterisieren?

Craig Mackenzie:
Bosman war ein sehr produktiver Schriftsteller (er war auch Journalist, Essayist, Dichter, Dramatiker) und sein Stil variiert je nach Genre und Absicht. Aber seine Kurzgeschichten, für die er vor allem berühmt ist, zeichnen sich durch Ironie und Humor, den geschickten Einsatz poetischer Mittel und seinen tiefes Verständnis der menschlichen Natur aus. Seine Erzählungen sind vielschichtig und nuanciert, und gelegentlich ungeheuer zugespitzt.
Er war besonders von oralen Erzähltraditionen fasziniert und bediente sich mit großem Geschick der Figur des Erzählers. Und dabei blieb er immer in der Tradition der modernen literarischen Kurzgeschichte – das wird in seiner Schreibökonomie und der literarischen Verdichtung deutlich.

Welche Rolle spielt Bosman heute für die zeitgenössischen Schriftsteller in Südafrika?

Alida Potgieter:
Er wird sehr bewundert und viele ahmen den Ton seines Erzählers und seinen Stil nach, aber den wenigstens gelingt das. Die große Begabung Bosmans bestand in seinem unheimlichen Gespür für die richtige Tonlage und seinem Sinn für Humor und Ironie. Seine Einfühlsamkeit und sein unerschütterlicher Glaube an die Menschheit. (mit all ihren Marotten und Fehlbarkeiten, deren er sich immer bewusst war) machen seine Geschichten herzerwärmend und erbaulich.

Südafrika hat sich in den letzten Jahren stark gewandelt. Was kann uns Bosman sagen, was auch heute noch aktuell ist?

Craig Mackenzie:
Bosman war immer sehr beliebt, aber seine Popularität hat im Laufe der Jahre immer mehr zugenommen. Wie viele der großen Schriftsteller hat er nicht nur für seine Zeit geschrieben, er schrieb mit großer Einsicht und mit Sympathie für die menschliche Seele. Und die hat sich nicht geändert.

Was wünschen Sie sich für Bosman und die südafrikanische Literatur während der Fußballweltmeisterschaft?

Alida Potgieter:
Es wäre wunderbar, wenn die Besucher in Südafrika ein Buch wie das von Bosman entdecken würden. Dann hätten sie nicht nur viel Freude sondern auch eine Ahnung vom Reichtum der südafrikanischen Literatur. Mit einem Buch wie dem von Bosman hielten sie ein authentisches Stück Südafrika in Händen.

Die Fragen stellte Jürgen Sander
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