Illustrationen als kontrapunktische Linie
"Handzeichnungen haben dadurch höchstes
Interesse - indem man das Wunder sieht, dass der ganze Geist
unmittelbar in die Fertigkeit der Hand übergeht, die nun
mit der größten Leichtigkeit, ohne Versuch, in augenblicklicher
Produktion alles, was im Geiste des Künstlers liegt, hinstellt
..."
G.W.F. Hegel
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| Nanna Max Vonessamieh |
Exklusiv-Interview mit Nanna Max Vonessamieh,
Illustratorin von "Babettes
Fest"
Wie verstehen Sie "Babettes Fest" und was versuchen Sie, in Ihren Illustrationen herauszuarbeiten?
Babettes Fest ist eine Erzählung in der zwei extrem unterschiedliche Lebensanschauungen und Lebensstile aufeinander treffen. Die pietistische Gemeinde ganz im Norden Norwegens verkörpert Zucht und Spartanik; Sinnenfreuden sind unerwünscht. Tania Blixen hat zwei sehr züchtige und herzensgute Schwestern als Figuren ausgewählt, in deren Haus die Handlung stattfindet. Gegessen wird nur das Allernötigste, gelebt wird kärglich, Sex gibt es nicht. Dieses christlich-dualistische Weltbild, nämlich die Vorstellung, mit dem Kopf den Körper und seine Bedürfnisse zu beherrschen und zu kontrollieren, hat die Autorin, Tania Blixen, in ihrer Erziehung erfahren müssen. Doch diese starre Form des Lebens wird durch eine französische Köchin gestört und in Bewegung gebracht; der Höhepunkt ist ein Fest, für das Babette nach hoher französischer Kochkunst das Essen zubereitet hat. Mich interessiert die Störung in der festen Ordnung. Die Zeichnungen haben zum größten Teil einen skizzenhaften Charakter, der lebendig wirkt; auf diese Art bleiben sie "in Bewegung" und kündigen die Veränderung an. So finden Sie zum Beispiel mit dem Bleistift gezogene Rahmenlinien, die einerseits der Figur ihre Grenzen aufzeigen wollen, sich aber auch in Auseinandersetzung mit der Dynamik der Motive befinden. Ich sehe meine Illustrationen als kontrapunktische Linie, die den Text begleitet, dabei jedoch sehr eigenständig ist. Die Beziehung zwischen Text und Zeichnung kann auch Spannung vertragen, nur darf das Band nicht reißen.
Zeichnen Sie immer mit Bleistift?
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| Babettes Fest |
Ja, er bietet mir alle Ausdrucksmöglichkeiten, dabei ist er so ein schlichtes kleines Gerät. Ich sehe die Bleistiftzeichnung als Gegenpol zu unserer hoch technologisierten Gesellschaft, in der vieles immer schneller, größer und komplizierter wird. Allein schon durch Computer. Dass eine kleine Handzeichnung trotzdem bestehen und eine Eigendynamik haben kann, fasziniert mich. Zudem kann in der Zeichnung etwas enthalten sein, was andere Medien nicht übermitteln können. Hegel hat das sehr schön beschrieben: "Handzeichnungen haben dadurch höchstes Interesse - indem man das Wunder sieht, dass der ganze Geist unmittelbar in die Fertigkeit der Hand übergeht, die nun mit der größten Leichtigkeit, ohne Versuch, in augenblicklicher Produktion alles, was im Geiste des Künstlers liegt, hinstellt ..."
Was sind die entscheidenden Stationen Ihres Werdegangs?
Es gibt sehr viele kleine und entscheidende Stationen in meinem künstlerischen Werdegang, der sich von meinem privaten übrigens nicht trennen lässt. Prägend jedoch war und ist die Bekanntschaft mit Juergen Seuss, der an der Fachhochschule Hamburg mein Professor war und mit dem ich seit einigen Jahren zusammen lebe. Wir führen natürlich viele Gespräche, die die Kunst betreffen und noch mehr Gespräche, das Leben betreffend. Wir können das Private vom Beruflichen kaum mehr trennen. Zudem ist Juergen mein wichtigster Kritiker. Ich habe mich während meiner Diplomarbeit entschlossen, die Zeichnung als Medium zu wählen. Ich habe u.a. Zeichnungen zu Gedichten von Hans Magnus Enzensberger gemacht, die sehr gesellschaftskritisch sind. Und so bin ich mit Skizzenbuch und Bleistiften losgezogen und habe Menschen gezeichnet, die ich im Supermarkt, im Bahnhof, auf der Strasse usw. gesehen habe. Ich wollte typische und unsere Gesellschaft kennzeichnende Gesichter und Merkmale aufzeichnen. Daraus entwickelt hat sich später die "Menschenmappe" mit zeitkritischen Zitaten, die im BrennGlas Verlag Assenheim erschienen ist.
Welche Vorbilder bzw. Lieblingszeichner haben Sie?
Bei Corot bewundere ich die Freiheit im Strich seiner Landschaftszeichnungen, bei Lucian Freud fasziniert mich die ehrliche und ungeschönte Darstellung des Körpers, bei George Grosz liebe ich die gnadenlos kritische Haltung und bei Georg Eisler giere ich nach der Wärme seines Strichs, die sich mit der Realität seiner Stadtmotive zu streiten und zu vereinigen weiß.
Wie würden Sie Ihren eigenen Stil charakterisieren?
Ich bin Realist und finde die Motive in meiner Umwelt.
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| Monotypie Vorzugsausgae |
Illustrieren Sie noch weitere Bücher für die Büchergilde?
Würde ich gern. Sehr interessieren mich zeitgenössische Autoren, besonders Texte von Wolfgang Hilbig. Die Büchergilde ist der Verlag in Deutschland, der illustrierte Bücher im Bereich Literatur produziert. Sammler, die sich mit Illustration und "Literarischer Zeichnung" beschäftigen, kommen an der Büchergilde nicht vorbei.
Woran arbeiten Sie gerade? Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?
In erster Linie bin ich freie Künstlerin und arbeite an den Themen Stadt und Umwelt, die sich der Mensch geschaffen hat. Diesen Themen gegenüber stelle ich Landschaften und den Körper des Menschen. Es ist doch erstaunlich, dass sich der Mensch, ein organisches Wesen, eine Welt erschaffen hat, die in den Formen und Materialien sehr kalt, hart und spitz anmutet; eigentlich ist das ein Widerspruch, dem man, wenn man beispielsweise durch Frankfurt geht, an jeder Straßenecke begegnet. Und so sind wir wieder bei dem Thema, das auch Tania Blixen in ihren Erzählungen verarbeitet hat.
Die Fragen stellte Stephanie von Selchow
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Tania Blixen |
Tania Blixen wurde 1885 auf dem alten Familienbesitz Rungstedlund in Nordseeland/Dänemark geboren. Sie studierte in Kopenhagen, Paris und Rom Malerei. Nach der Heirat mit dem schwedischen Baron Bror Blixen siedelte sie 1914 nach Kenia über, wo das Ehepaar eine Kaffeefarm übernahm. Dort hat sich Tania Blixen schließlich ernsthaft der Schriftstellerei zugewandt. 1935 veröffentlichte sie sieben phantastische Geschichten; ihr Afrika-Buch und weitere Erzählungen folgten. Als Dichtung bleibt ihr Werk eine einmalige Erscheinung, ist keiner bestimmten Generation verpflichtet und gerade deshalb bei jedem Wiederlesen überraschend vielschichtig. Tania Blixen starb 1962.
Nanna Max Vonessamieh wurde 1970 in Lübeck geboren und studierte von 1991-1997 Buchgestaltung und Illustration an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Seit 1992 mehrere Einzel- und Gruppenausstellungen in Deutschland. 1994 war sie Elysee-Preisträgerin in Hamburg und 2001 erhielt sie den A. Paul Weber Preis für kritische Grafik. Sie lebt in Niddatal bei Frankfurt am Main und arbeitet als freie Illustratorin und Graphikerin.










