"Unsere Glaubwürdigkeit ist dahin"
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| © John Trotter |
Der amerikanische Soziologe Morris Berman im Interview über den Zustand der amerikanischen Gesellschaft, die Anzeichen ihres bevorstehenden Untergangs und die Gründe für den Untergang der USA.
Im Jahr 2002 gab die Büchergilde Ihr Buch Kultur vor dem Kollaps? heraus. Nun erscheint Finstere Zeiten für Amerika. Wie unterscheiden sich die beiden Bücher?
Morris Berman "Finstere Zeiten für Amerika " Leinen mit Schutzumschlag 528 Seiten € 24,90/ SFR 39,90 Leseprobe » |
Kultur vor dem Kollaps? war eine kurze Polemik, Finstere Zeiten dagegen ist eine lange Untersuchung. Im Kern besteht Kultur vor dem Kollaps? aus einem Strukturvergleich des Römischen Reiches der Spätphase mit den heutigen USA. Aber mit dem 11. September erkannte ich, dass ich einen wesentlichen Teil des Vergleichs ausgeklammert hatte: Rom wurde angegriffen. Mit anderen Worten, ich hatte den Faktor der „äußeren Barbarei“ ignoriert. Für mich bedeutete dies, dass - neben den langfristigen internen Faktoren, die die USA in die Krise führten - die US-Außenpolitik sehr viel stärker ins Blickfeld rücken musste.
Verglichen mit Kultur vor dem Kollaps? wirkt Finstere Zeiten für Amerika pessimistischer und Ihre Argumentation ist viel schärfer. Hat sich die Situation in den letzten Jahren verschlechtert?
Vielleicht ist Finstere Zeiten pessimistischer, aber ich nehme die “monastische Option”, auf die ich in Kultur vor dem Kollaps? hinweise, nicht zurück, den Weg von Individuen also, ihre ganz eigenen Wege der Kulturbewahrung zu gehen. Jedoch sollten wir uns über eines im Klaren sein: Individuelle Wege der Kulturbewahrung können weder die amerikanische noch irgendeine andere Zivilisation langfristig retten. Strukturelle Probleme erfordern strukturelle Lösungen, und wenn es diese nicht gibt, dann bleiben nur individuelle Handlungen.
Was die Verschlechterung der Situation angeht: Ja und Nein. Natürlich sind die Bürgerrechte massiv beschnitten worden, Sozialleistungen wurden massiv gekürzt und die USA sind extrem verschuldet. Aber ich vermute, dass künftige Historiker den 11. September weniger stark als Wendepunkt begreifen, wie wir es heute tun. Er verschlimmerte bestimmte Trends, die bereits existierten, denn wenn man genau hinschaut, erkennt man eine starke Kontinuität in der Außenpolitik von George W. Bush und der von z.B. Harry Truman.
Die Hauptthese Ihres Buches lautet: Die Tage der US Hegemonie und vielleicht auch ihre Führungsrolle scheinen vorbei zu sein. Welche Anzeichen sehen Sie dafür?
Ich habe zahlreiche Quellen herangezogen, um zu zeigen, dass die Macht der USA mehr Schein als Realität ist. Wir haben eine erdrückende Schuldenlast - ein Handelsdefizit von 500 Milliarden Dollar. Unsere gerühmte militärische Macht ist zweifelhaft. Der letzte „wirkliche“ Feind, dem wir uns gegenüber sahen, war Deutschland. Nach dem Zweiten Weltkrieg mit dem Beginn des Kalten Krieges vermieden die USA sorgfältig eine direkte Konfrontation mit der UDSSR. (ausgenommen die Kuba-Krise) und pickten sich periphere Staaten wie Korea und Vietnam oder kleine Widersacher wie Panama, Granada und auch den Irak heraus. Jetzt befinden wir uns in der idiotischen Situation der „imperialen Überdehnung“ mit unserer Armee im Irak und in Afghanistan. Al Quaeda kann Amerika nicht besiegen, aber es ist meiner Meinung nach ebenso unwahrscheinlich, dass wir Al Quaeda besiegen können. Wir haben außerdem unseren Anspruch verloren, eine moralische Kraft in der Welt zu sein, wir haben die Genfer Konventionen verletzt, haben uns selbst und den Rest der Welt belogen, sind in einen souveränen Staat einmarschiert und haben die Gesetze umgeschrieben, um Folter zu legalisieren und sie in Abu Ghraib an der Zivilbevölkerung auf eine widerliche Weise anzuwenden. Unsere Glaubwürdigkeit ist dahin.
Wie schon in Kultur vor dem Kollaps? untersuchen Sie auch hier den Zusammenhang zwischen Makro- und Mikrokosmos. In anderen Worten: Globale Prozesse – lokale Auswirkungen. Können Sie den Zusammenhang kurz beschreiben?
Die Kernaussage des Buches ist die Behauptung, dass es einen fundamentalen Zusammenhang zwischen übergeordneten Prozessen und Ereignissen, wie der Globalisierung, der US-Außenpolitik, technologischen Innovationen etc. und dem alltäglichen Verhalten der amerikanischen Bürger, deren Werten und Überzeugungen gibt. Genau das macht in Amerika eine wirkliche Änderung nahezu unmöglich. Um ein Beispiel zu nennen: Globalisierung ist die die Version der Elite von „Konsum“; was Globalisierung für den IWF und Thomas Friedman bedeutet, ist, was „Konsumieren“ für den einfachen Mann auf der Straße bedeutet. Globalisierung wäre nicht möglich, wenn der Durchschnittsamerikaner kein Handy besäße, bei Wal Mart einkaufte und dächte, dies sei das höchste Ziel der menschlichen Existenz.
Ein Weg, eine Gesellschaft zu ruinieren sei, so schreiben Sie, den Markt zum einzigen Leiter des Schicksals des Menschen zu machen. Wollen Sie das kurz erklären?
Die Ideologie des extremen Individualismus geht zurück bis ins Jahr 1800, wenn nicht noch weiter. Amerika übernahm mit religiöser Inbrunst die Philosophie von Adam Smith, die Idee des laisser faire und die Idee der unsichtbaren Hand, die den Markt lenkt. Das Ergebnis ist eine Anti-Gesellschaft, eine Anti-Gemeinschaft. Das kann in den USA nicht rückgängig gemacht werden, denn das Land befindet sich in einer tiefen existenziellen Krise. Es gibt keine einzige Nation in der Geschichte der Welt, die während ihres Niedergangs ihre Fehler erkannt hätte und einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Nicht eine einzige.
Ein zentraler Punkt in Ihrem Buch ist die Situation nach dem 11. September 2001. Können Sie erklären, was in der US-Gesellschaft und der US-Politik danach passierte?
Ich glaube, die Aussage, dass sich die Welt nach dem 11.September geändert habe, wird überbewertet. Bill Clinton finanzierte 1995 das „extraordinary rendition“-Programm, mit dessen Hilfe wir mutmaßliche Terroristen in Länder wie Ägypten oder Marokko brachten, um sie dort foltern zu lassen. Janet Reno (Clintons General-Staatsanwältin) saß 1996 einem Verfahren vor, in dem ein Gesetz erlassen wurde (The Effective Anti-Terrorism Act), das bereits einige der Maßnahmen des zukünftigen „Patriots Act“ enthielt. Aber der Schlüssel zur Kontinuität ist der manichäische Geist der amerikanischen Geschichte, ihrer Kultur und ihres Charakters, wodurch unsere Identität gegenüber Feinden gebildet wird, die immer „irgendwo da draußen“ sind.
Vor dem 11. September hatten wir die UDSSR, nach dem 11. September haben wir den islamistischen Terrorismus. Das ist alter Wein in neuen Schläuchen. Interessant ist die Periode zwischen 1991 und 2001, als wir keine Feinde hatten, diesen freien Platz füllen mussten und nicht so recht wussten wie. Das Ergebnis: ein Jahrzehnt „bullshit“: Bill und Monica, O.J. Simpson, der Krieg gegen die Drogen etc.
Was bedeutet ihre Analyse für Deutschland und glauben Sie, dass Europa mit ähnlichen Problemen konfrontiert ist?
Bis zu einem gewissen Grad werden Deutschland und Europa mit den gleichen Problemen konfrontiert, was schade ist. Es ist schade, dass Gerhard Schröder verloren hat, auch wenn man nicht weiß, wie er Deutschland im Gleichgewicht zwischen den Kräften der amerikanischen Globalisierung und dem Markt auf der einen Seite und der legitimen Forderung der Deutschen nach sozialen Vorteilen auf der anderen Seite hätte halten können. Die Tatsache, dass die Wahl so knapp ausging, zeigt, dass die Deutschen verstanden haben, dass das Dilemma in dem Deutschland steckt, größer ist als irgendein Kandidat. Als Germanophiler kann ich nur sagen: Ich hoffe, dass Deutschland ein starkes Europa mit anderen Werten als denen der Amerikaner baut: mit einem starken sozialen Netz, einem starken Umweltschutz und vielleicht weniger Anbetung der Technologie, die in Amerika ein Art Ersatzreligion darstellt. Bildung insbesondere muss zur universellen Bildung zurückkehren – etwas was uns in den USA fehlt, wo es immer nur um Marketing und Public Relation geht. Europa sollte in der Lage sein, den Balanceakt zwischen Jihad und McWorld, zwischen zu viel und zuwenig Sinn hin zu bekommen. Viel Glück!
Fragen und Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Sander








